In Bayern gibt’s keinen Wind!Artikel erschienen im Freemagazin Ausgabe NO 3 / 2003 - Seite 60 In Bayern gibts doch keinen Wind, oder…??? Das höre ich immer wieder, wenn ich mit den Nordlichtern telefoniere. Scheinbar besteht hier gerade bei der jüngeren Generation ein wenig Aufklärungsbedarf. Das waren noch wirklich harten Zeiten, als es zwei Männer brauchte, um einen Einbaum von 4 M Länge und ca. 20-25 Kilo ans Wasser zu tragen. In der Mitte steckte ein riesiges Schwert, das man scheinbar einem Kleinsegler gestohlen hatte und gleiten war noch nicht erfunden (mit den Schwertern wäre das auch ein Wunder gewesen). Man verdrängte das Wasser, anstatt darüber zu gleiten, deshalb hießen die Ungetüme auch Verdränger, dabei schob man eine bremsende Bugwelle vor sich her. Ab 3 Bft. wurde ein Sturmsegel aufgezogen, mehr als zwei Segel hatte man nicht, ab 4 Bft. waren die Kisten unfahrbar. Erst als „the windsurfing wonderboy“ Robby Naish den Windglider in der Mitte auseinander sägte, begann ein Fortschritt, der es erlaubte, mit den ersten Funboards langsam die Meere zu erobern. Bei uns in Bayern gab es zu der Zeit eine sehr stattliche Anzahl von Windsurfern. Auf jeder Pfütze wurde gesurft, egal wie klein diese war. Der Gardasee wurde von Münchnern und Rosenheimern annektiert. Wer das nächste Mal in Torbole ist, sollte sich die Bilder von früher in den Hotels und Bars einmal genauer anschauen. Die Unmenge an Surfern am Lago war schon nicht mehr auszuhalten, wir konnten trockenen Fußes vom Pier nach Torbole laufen, so voll war der See. Hier war das Mekka, deshalb vielleicht auch der Name Mekkis Bar, wie auch immer, ich glaube, wir haben damit damals den Grundstein für das Windsurfen gelegt. Die Industrie ging ja schon immer dorthin, wo die „Lira“ rollt und siedelte sich in München an. Von hier aus konnte Sie die meisten Surfer bedienen. Es waren kurze Wege zu den Händlern und die Entwicklung konnte vor der Haustüre betrieben werden. Irgendwie so wie heutzutage auf Hawaii. In der Münchener Szene hatte damals jeder, der „In“ sein wollte, ein Surfbrett auf dem Auto. Natürlich mit schicken Lipsticks Custom Finnen, das Fußvolk hatte Finnen aus Plexiglas! Durchsichtig in Gelb, Rot, Grün oder Blau. Als dann die Boards immer kürzer und schmaler wurden und die Sinker kamen, wollten alle von uns endlich mal ans Meer und das machen, was wir nur von den Titelfotos der Surf aus Maui kannten, Wellen abreiten und richtig springen. Auch wenn es vielen heute schwer fällt, das zu glauben, aber wahrscheinlich haben die „Seenrutscher“ mehr zu unserem Sport beigetragen, als die meisten von euch es heute vermuten. Natürlich hat sich der Sport verändert, Gott sei Dank, die Entwicklung war fantastisch, heute sind die Weltmeere von uns erobert, kaum ein Fleck, an dem keine Surfschule steht. Kaum eine Industrie, die nicht mit unserem Lifestyle versucht Werbung zu machen. Überall tolle Stories von wunderschönen exotischen Plätzen, traumhaften Stränden, einsamen Inseln und Buchten, aber das sind für die meisten hart erarbeitete zwie Wochen Auszeit. Die Realität heißt Binnensee, hier wird doch für den Urlaub trainiert und die Flamme am Züngeln gehalten. Ohne unsere Seen würden wir doch die endlos lange Zeit bis zum nächsten Trip nicht aushalten, das Leben würde unerträglich werden. Als mir das Schicksal eine zehnjährige Abstinenz bescherte, stand ich bei meinem Wiedereinstieg vor der Frage, wann wohin zum Surfen? Wie heißt es so schön, nur fliegen ist schöner als surfen, und ich flog leidenschaftlich gerne, Zweiradmassig über die schönen Alpenpässe und Landstraßen, am Schluss dann auf dem Weg zum Walchensee auch schön heftig auf die Nase. Ich aber war auf Entzug, zu lange ohne Droge, ich wollte einfach jede Woche aufs Wasser, was nun? Mein Job machte es mir möglich, ab 10.00 Uhr los zu fahren und zu warten. Zwei Jahre von See zu See, bei fast jedem Wetter und bei jeder Wettervorhersage, die nur den leisesten Hoffnungsschimmer auf Wind bot. Heraus kam ganz nebenbei meine kleine bescheidene Homepage (www.windinfo.eu), denn wenn mir keiner sagen konnte, wann wo Wind geht, dann waren sicher viele andere in genau der gleichen Situation. Volltreffer, ich schrieb alle Tage, die ich bei uns am See war, auf, è voila, es kamen 60 Tage auf dem Wasser dabei heraus. Nicht schlecht, dachte ich mir. Im Frühjahr und Herbst freuen wir uns hier über die Stürme, zwischen 5 und 10 Bft. ist alles drin. Da diese meist aus dem Westen kommen, treffen sich die Jungs am Ammersee beim Herrschinger Kreuz. An den Wahnsinnstagen reicht den Surfern ein Handtuch und die Kiter hängen die Lederhos’n an die Leine. Der Wind kann durch die Herrschinger Bucht ungehindert abziehen und ist meist 1 Bft. stärker als an den anderen Spots. Außerdem gibt’s ein wenig Urlaubsfeeling gratis dazu, flacher Einstieg im Uferbereich, faustgroße Kiesel, die mit Muscheln übersäht sind. Schuhe sind deshalb sehr zu empfehlen, denn jeder von uns hat sich schon die Schalen aus den Füßen gepickt, danach kommt sandiger Untergrund. Der Chiemsee und die kleinen Seen funktionieren natürlich auch, wenn auch etwas schwächer. Aber am Kreuz trifft sich die Szene und hier steht auch die beste Welle. Bavarias Wavespot Nr. 1. Die Freestyle Szene hat auch viele junge Rider vom Skaten und Snowboarden zum Windsurfen gebracht und die heben das Fahr-Niveau extrem hoch. Der 33-jährige Wolfi Wiefling, der seit Urzeiten zu den besten Freestylern im Lande gehört, sagt: "Es ist unglaublich, wie schnell die Kids Moves lernen, für die wir Jahre gebraucht haben. Der Sport entwickelt sich extrem rasant weiter." Wenn in Deutschland alles normal läuft, ist es immer ein paar Tage schön, bis das nächste Tief aus dem Westen anrauscht. Genau deshalb hat es bei uns dann doch immer irgendeinen Wind. Bei schönem Wetter gibt es in den Bergen Thermik, gute Spots sind da der Walchensee mit normalerweise 3-5 Bft., am Nachmittag am Herzogstand in Böen bis 6 Bft. und der Achensee (Nordtirol) bei 2-4 Bft. Die Young Guns und Shortboardfahrer gehen am Walchensee an der Galerie ins Wasser, die Großsegler bevorzugen die Wiese. Hier sind im Sommer mit den Touristen ganz schnell mal zwei- bis dreihundert Leute anwesend. Am frühen Morgen geben sich ein paar Unerschrockene die Kante am Schliersee oder Tegernsee, hier haben wir einen Ventoeffekt wie am Gardasee. Am Morgen kommt die kalte Luft aus den Bergen und belüftet die Seen mit 4-6 Bft., an guten Tagen auch mal mit 7 Bft. Aber zu welchem Preis? Zwischen 80 L und 100 L sind die Boards, du brauchst einfach ein bisschen Reserve, da der Wind oft schlagartig aufhört, Segel zwischen 4.0 und 5.8 qm werden hier gefahren. Wenn dann gegen 9.00 Uhr die Luft raus ist, heißt es einpacken und rauf an den Walchensee, meist 4-5 Bft., hin und wieder etwas mehr, schafft der Föhn dort. Wer mehr braucht, fährt an den Achensee, der ist zum Süden hin geöffnet und lässt den Südwind ungehindert durchpfeifen. Es ist zwar extrem böig, aber auch herausfordernd. Der Grundwind hat so um die 4 Bft. in Böen 6-8 Bft. und an super Tagen bis 10 Bft. Im Herbst 2001 hatten wir fast einen Monat lang einen Föhn nach dem anderen, da wurde auch die höchste jemals gemessene Windgeschwindigkeit aufgezeichnet, 256 Km/h auf dem Patscherkofel. An diesem Tag war ich draußen, am Steg handgemessene 11 Bft., die Hosen voll und als kleinstes Segel nur 4.0, noch Fragen? Ich sage nur: „I survived“, zwischen den Hammerböen schnell über den See gehuscht mit 70 L, immer auf der Flucht vor Wasserfontänen, die einen verfolgen, und bloß nicht ins Trapez einhängen. Echt heftig. Wer’s nicht glaubt, kann ja mal in die www.Stehsegelrevue.de reinschauen, ein Foto vom letzten Jahr lässt den See wie die Nordsee ausschauen, sehr Furcht erregend. Wenn der Föhn dann zusammenbricht, gibt es dort guten Nordwind. Ein bis drei Stunden lang gibt es sehr leckeren konstanten Wind um 5 -6 Bft. manchmal auch um die 7 Bft. Danach kommt der Regen. Wenn es nach dem Tief endlich wieder schöner wird, geht das Spiel von vorne los, ein immer währender Kreislauf. Sollte es mal schlimm kommen und tatsächlich 1 bis 2 Wochen kein guter Tag dabei sein, hauen wir im Kollektiv an den Gardasee ab. Eine alte Faustregel besagt nämlich: Wenn das Wetter in Italien schlecht ist, hat’s bei uns Föhn und andersrum ist es genauso. Schlechtes Wetter bei uns sorgt für geilen Nordföhn am Lake. Die münchner und süddeutsche Freestyle Szene trifft sich dann von Ostern bis Anfang November meist am Gardasee. Ein windsichereres Revier gibt es im Umkreis von 400 km von München nicht. Gespockt wird vormittags bei Vento in Al Pra oder Malcesine, nachmittags bei Ora ist der beste Spot die Schweinebucht. Hier gehören Grubbies und Swayzes schon zum Pflichtprogramm. Surfen macht ja alle gleich, bei uns ist das nicht anders, Jungsters, Ärzte, Rentner, Selbständige, Angestellte, die alle gerne einen „blauen“ reinhauen, bei Wind sind das alles kleine Kinder, die gerne spielen gehen. Szene, ja klar, wie überall gibt es große und kleine Berühmtheiten, Flo Hagena, seines Zeichens Fotograph, setzt die Münchener Spots immer wieder gut ins Bild. Finnenguru Christian Köster ist regelmäßig am Kreuz zu treffen. Viele kann man kennen, muss man aber nicht, trotz Schickimicky, am See interessiert es keinen, jeder kann kommen, jeder quatscht mit jedem. Wir haben einen Haufen bunte Typen, der eine kommt mit dem 911er Cabrio, das Waveboard senkrecht reingesteckt, obwohl er weiß, dass es ihm beim Heimfahren 100%ig in den Wagen schifft, aber wurscht, Hauptsache am Wasser. Unsere Rentnergang, die immer als erste am Spot ist, bei Wind einen Rundruf startet und jeden seit der ersten Windel kennt. Einer davon, Horst, leidenschaftlicher Koch, zaubert für einen kleinen Kreis, in den kalten Jahreszeiten, auf einem Campingkocher kleine feine 3 Sterne Gerichte. Im Winter gehen die “Alten“ dann aus Frust zum Eissurfen. Somit bleibt nur ein Fazit, wer Zeit und Lust hat, vielleicht auch mal ein größeres Board und Segel in die Hand nimmt, kann fast immer surfen. Alles eine Frage der Einstellung, naja, leider manchmal auch eine des Jobs. |
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