Kälte & Wind

Viele von uns Windsurfen und Kiten mittlerweile das ganze Jahr.

Wer nun glaubt weil er beim Skifahren oder Boarden bei minus 10° oder niedriger keine Probleme hat, kann deshalb bedenkenlos auch im Winter aufs Wasser, der unterliegt einem Irrtum.
Wer bei Wasser- und Lufttemperaturen unter 15° aktiv sein will, sollte sich über die möglichen Gefahren bewußt sein. Wobei eine Unterkühlung auch im Sommer bei warmen Wasser möglich ist.

Grundsätzlich ist Starkwind und kaltes Wasser nur was für gute bis sehr gute Könnenstufen geeignet und warme Neos, Kopfschutz und Schuhe sind Pflicht.

Dummheit hat nichts Heldenhaftes und wer mal ein Problem bekommt, wird froh sein wenn das Ufer nicht zuweit weg ist. Also nicht ewig weit rausfahren, am besten nie alleine auf dem Wasser sein und versuchen möglichst Objektiv immer wieder seine eigene Leistungsfähigkeit einschätzen. Lieber mal 5 Min. zu früh vom Wasser, als ein Fall für den Rettungsdienst. Die Wasserwacht ist übrigens meist ab Oktober nicht mehr aktiv.

Folgend einige Auszüge aus dem  Artikel von Herrn Dr. Udo Beier, vielen Dank dafür, komplett als PDF nachzulesen unter:

http://www.kanu.de/nuke/downloads/Gefahr-Unterkuehlung.pdf

oder www.kanu.de

Windchill


Kalte Luft empfindet man bei Wind als kälter. Wer bei Lufttemperaturen von unter +10°C auf dem Wasser ist und vom Wind überrascht wird und ihm ohne entsprechenden Schutz längere Zeit ausgesetzt ist, braucht sich nicht zu wundern, wenn er langsam auskühlt und seine Reaktionen und Beweglichkeit allmählich so weit nachlassen, dass er sein Board auf dem Wasser immer weniger beherrscht.

Alles zum Windchill gibts im Lexikon.

Wind Chill Rechner >>> Explorer Magazin

Tabelle 1: Auskühlungseffekt des Windes (Windchill)


Windstärke

tatsächliche Lufttemperatur

0°C

+5°C

+10°C

empfundene Lufttemperatur

3 Bft.

-9°C

-2°C

+4°C

5 Bft.

-15°C

-8°C

0°C

(Quelle: Urbach 1994)

Spritzwasser


Den Rest macht dann das kalte Wasser, dass einem während des Paddelns immer wieder über die Hände spült und isn Gesicht spritzt. Da

    * Wasser bis zu 25 Mal stärker zur Auskühlung beiträgt als Luft
    * und da durch seine Verdunstung zusätzlich Kälte erzeugt wird,


verstärkt sich der Auskühlungprozess, der von Luft und Wind in Gang gesetzt wird, zusätzlich.

Kälteschock und Kältschmerz


Taucht man erst einmal unter, kann es sofort kritisch werden. Das liegt an den Kälteschockreaktionen, vor denen man nie ganz sicher sein kann.

Nach einem Sturz will plötzlich nichts mehr klappen: Man kann nicht mehr auftauchen, aufsteigen, schwimmen, um Hilfe rufen, bzw. die Anweisungen der Kameraden befolgen. Der Kälteschock dauert etwa 2 bis 3, maximal 5 Minuten.

Tabelle 2: Mögliche Kälteschockreaktionen (gültig für Wassertemperaturen von unter +13°C)

Reaktionen

Folgen

1. Unkontrolliertes tiefes Luftholen (Gähneffekt)

Man verschluckt Wasser und wird handlungsunfähig.

2. Unkontrolliert schnelles Atmen

(Hyperventilation, Hecheln)

Schwindelgefühl, Verwirrung, Ohnmacht; Verschlucken von Wasser, Handlungsunfähigkeit

3. Atemnot

Panik; Handlungsunfähigkeit

4. Luftknappheit (bei unter +10°C kaltem Wasser)

Man kann plötzlich nur noch knappe 10 Sek. die Luft anhalten; d.h. es bleibt einem nur 1 Rollversuch.

5. Verlust des Gleichgewichtsgefühls (da Wasser in Ohren und Nase eindringt)

Man verliert unter Wasser die Orientierung und taucht tief statt auf.

6. Kälteschmerz (bei unter 5°C kaltem Wasser)

Beim Untertauchen des Kopfs entsteht ein derartiger Schmerz, dass man nur noch aussteigen will.

(Quelle: vgl. Avery 1991)

Handlungsfähigkeit

Ich kenne Kameraden, die gehen jeden Tag im Freien schwimmen, sommers wie winters. Bei denen schlägt die Uhr natürlich anders. Für alle anderen gilt etwa die folgende Formel.

Tab. 3: Nutzzeit (gültig für Wassertemperaturen von unter +15°C)

Nutzzeit (in Minuten) = Wassertemperatur (in Grad Celsius)

(Quelle: Schenk 1995)

Unter der Nutzzeit ist dabei jene Zeit zu verstehen, während der man handlungsfähig ist und selbst noch aktiv die eigene Rettung in die Wege leitet, z.B. um an Land zu schwimmen, oder ein Rettungsseil zu greifen und zu halten.

Je mehr diese Nutzzeit überschritten wird, desto wahrscheinlicher wird es, dass man nur noch mit Kameradenhilfe überleben kann. 

"Überlebenszeit"

Wer nicht mehr zurück auf sein Brett kommt, kühlt langsam aber sicher aus und wird, wenn nicht noch rechtzeitig Hilfe kommt, an "Unterkühlung" sterben. Wie lange Zeit einem bis dahin verbleibt, hängt von den verschiedensten Faktoren ab, so dass man immer wieder von Einzelfällen hört, die im eisigen Wasser überlebt haben, obwohl dies eigentlich hätte gar nicht möglich sein dürfen. Welche Überlebenszeit "Otto-Normal-Surfer" hat, darüber gibt es die verschiedensten Schätzungen, von denen eine in Tabelle 4 vorgestellt wird.

Tabelle 4: Erwartete Überlebenszeit (für leicht bekleidete, nicht trainierte Personen)

Wassertemperatur

0°C

+5°C

+10°C

+15°C

Überlebenszeit (Std.)

für Personen, die:

schnell

langsam

auskühlen



0:40-1:10

1:10-1:50



1:00-1:50

1:50-3:00



1:45-2:50

2:50-5:40



2:50-4:40

4:40-ü.12

(Quelle: Hayward 1986)

Wie lange die tatsächliche Überlebenszeit ist, hängt von den verschiedensten Faktoren ab. Sie erhöht sich z.B., wenn der Gekenterte

  • sich zusammenkauert, statt zu schwimmen (=> Erhöhung der Überlebenszeit um bis zu 100%!)
  • versucht, den Kopf aus dem Wasser zu halten (=> ca. 30% des Wärmeverluste erfolgt über den Kopf!)

Konsequenzen

Das Auskühlen des Körpers hängt unabhängig davon, ob es weht oder wellt oder ob man auf, unter oder im Wasser sich befindet, von folgenden Größen ab:

  • Können:

    Bei Kaltwetterbedingungen sollte man wirklich nur aufs Wasser gehen, wenn man auch unter kritischen Bedingungen (Wind, Strömung, Wellen, ) sein Sportgerät beherrscht.

  • Fitness:

    Wirklich fit ist nur einer, der gesund, nicht hungrig und durstig, nicht erschöpft und ermüdet, konditionell durchtrainiert, aufgewärmt (=> Gymnastik!) und öfters im kalten Wasser unterwegs ist. Spontan als Sommersurfer mal einen Wintersturm mitzunehmen ist nicht ratsam.

  • Ausrüstung

    Last not least ist an die geeignete Bekleidung zu denken: z.B. Neoprenkopfhaube (möglichst inkl. Ohrenstöpsel und Nasenklammer?), Schwimm-/Rettungs-weste, Handschuhe und - als wichtigstes Bekleidungsteil - Neopren- oder Trockenanzug (inkl. dicker Unterbekleidung); denn:

    • bei Wassertemperaturen zwischen 0°C bis +15°C hat man mit dicken Neopren eine um 100% höhere Überlebenszeit als mit "leichter" Bekleidung (Hinweis: Ein "Longjohn" schützt einem jedoch nicht vor einem Kältschock!);

    • und mit einem Trockenanzug erhöht sich die Überlebenszeit gegenüber Neopren nochmals um 200%!) (vgl. Dundalski 1988)

Notfallmaßnahmen

Je nach Situation bieten sich folgende Maßnahmen an:

Auskühlung durch Wind und Spritzwasser:
Hier sind insbesondere die Kameraden gefordert. Sie sollten auch auf ihre Mitsurfer achten, ob sie fit und richtig ausgerüstet sind. Hat einer Probleme, sollte man z.B. mit Verpflegung, Neoprenkappe bzw. Handschuhe aushelfen. Fängt einer an zu frösteln, ist es ratsam einen Abbruch in Erwägung ziehen.

Kälteschock: Board festhalten und warten, bis der Schock vorbei ist. Erst dann ist er dazu imstande, selber seine Rettung einzuleiten. In allen Fällen des Kälteschocks ist darauf zu achten, dass der Kopf so lange aus dem Wasser gehalten wird, bis der Schock sich gelegt hat (max. 5 Min.).

Nutzzeit:
Nach abklingen des Schocks beginnt die Zeit zu laufen. Der in Not geratene ist möglichst schnell aus dem Wasser zu holen und an Land zu bringen. Die Sicherung des Boards ist zweitrangig. Je länger die Rettung dauert, desto größer werden die Schwierigkeiten, den Gekenterten ans Ufer zu transportieren  und zusammen mit ihm - nachdem man ihn eine Neoprenkappe und Handschuhe übergezogen hat - Richtung Land zu paddeln. Übrigens, einen durch Kenterung geschwächten Kameraden sollte man nicht allein lassen. weder am Ufer (könnte er doch einen Schwächeanfall erleiden und zurück ins Wasser fallen), noch auf dem Wasser (könnte er doch erneut kentern).

Unterkühlung:
Sie wird i.d.R. durch Materialschaden oder Kraftlosigkeit ausgelöst und beginnt nach Ablauf der Nutzzeit. Sofern man nicht ans wirklich nahe Land schwimmen oder surfen kann, sollte man sich ruhig verhalten ("Kauerstellung") und möglichst so fest das Board halten, das man es nicht verliert; denn nur wenn man am Board bleibt, hat man eine Chance gesehen zu werden.

Vier Stadien der Unterkühlung lassen sich unterscheiden:
die Abwehrphase (bis +34°C Körperkerntemperatur (erkennbar durch Kältezittern),
Erschöpfungsphase
((+34° bis +30°C) (Bewusstseinstrübung, die zur Bewusstlosigkeit führt),
Lähmungsphase (+30° bis +27°C) (Gliederstarre) und
Todesphase
(+27°C und darunter) (Herzstillstand).

Solange der Unterkühlte noch zittert, haben die Kameraden eine gute Chance, ihm zu helfen (=> aus dem Wind, rein in den Schlafsack, u.U. zusammen mit einem anderen, versorgen mit warmen Getränk).
Ist er jedoch verdächtig ruhig und setzt eine Bewusstseinstrübung an, dann ist ärztliche Hilfe dringend geboten. Zusätzlich zu den oben beschriebenen Maßnahmen sollte man ihm sehr warme Luft einatmen lassen und versuchen, mit feucht-warmen Handtüchern an den Achseln und den Leisten seinen Körper zu erwärmen.
Jede unnötige Bewegung ist unterlassen, d.h. seine Kleidung sollte nicht ausgezogen werden, um zu verhindern, dass plötzlich das kalte Blut von den Gliedern in den Körper strömt und die Kerntemperatur in ein noch kritischeres Stadium abfällt (sog. "Afterdrop").

 

Quellen:

  • Avery,M., Cold Shock, in: Sea Kayaker, Nr. 4/91, S.41ff.
  • Dundalski,M., Das Problem der Unterkühlung. Eiskaltes Blut ... lieber nicht!, in: Kanusport, 1988,S.287ff.
  • Gerlach,J., Der Kajak - das Lehrbuch des Kanusports, 1996, S.176ff.
  • Hayward,J.S., Immersion Hypothermia, in: Wilkerson,J.A. (Ed.), Hypothermia, Frostbite and other Cold Injuries, 1986, S.71ff.
  • Schenk,B., Sichherheit an Bord, 1995, S.121f.
  • Urbach,W., Unterkühlung, ein ernstes Thema, in: Yacht, Nr.24/94, S.46ff.
  • Beier,U., Kalt erwischt. Gefahren beim Kälte-Paddeln, in: Kanumagazin, Nr.2/97,S.44-47)

Text: Udo Beier, DKV-Referent für Küstenkanuwandern aus: Kanu-Sport 2/2000

 




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