Frühjahr 2023 – Nassestes Frühjahr seit 10 Jahren mit trockenem Ende

Nach Jahren der Trockenheit kam im vergangenen Frühjahr endlich der lang ersehnte Niederschlag, der die Wasserspeicher in den Böden sowie die Speicherseen wieder füllte und die Dürresituation in Deutschland (zunächst) abmilderte. Im deutschlandweiten Flächenmittel kamen insgesamt 197 Liter pro Quadratmeter (l/m²) zusammen und damit 106 % (115 %) der durchschnittlichen Regenmenge aus der Referenzperiode 1961-1990 (1991-2020). Es war zugleich das nasseste Frühjahr seit 2013. Wie der Niederschlag über die einzelnen Monate verteilt war, schauen wir uns im heutigen Thema des Tages an.

DWD Fruehjahr 2023 Nassestes Fruehjahr seit 10 Jahren mit trockenem Ende

Der diesjährige März war der elftnasseste seit 1881 und der nasseste seit 2001, also seit 22 Jahren. Mit 90,4 l/m² fielen 160 % * (159 % **) der durchschnittlichen Monatsmenge. Vor allem im Westen sowie von Hessen bis Franken, in Teilen von Sachsen-Anhalt, entlang der Oder und in der Uckermark regnete oder schneite es teils mehr als das Doppelte der üblichen Menge (siehe Abbildung 1). In Oranienbaum (östliches Sachsen-Anhalt) kamen mit 152 l/m² (364 %) sogar mehr als das Dreifache der üblichen Menge zusammen, ebenso in Manschnow an der Oder mit 69 l/m² (310 %). Die größten Niederschlagssummen wurden aber im Bergischen Land in Nordrhein-Westfalen und insbesondere im Schwarzwald registriert (z.B. Sankt Blasien-Menzenschwand: 294 l/m², 178 %). Deutlich zu wenig Niederschlag wurde hingegen im östlichen Oberbayern und weiten Teilen Niederbayerns sowie in Vorpommern beobachtet (siehe Abbildung 2). In Taufkirchen und Pfarrkirchen wurden mit jeweils nur 26 l/m² (43 % bzw. 48 %) weniger als die Hälfte des üblichen Niederschlags gemessen.

DWD Fruehjahr 2023 Nassestes Fruehjahr seit 10 Jahren mit trockenem Ende 1

Im April setzte sich regional die regenreiche Phase fort. Mit 63,6 l/m² fiel 9 % mehr als im Mittel von 1961-1990; bezüglich der deutlich trockeneren Periode 1991-2020 betrug die Abweichung sogar 42 % und es handelte sich um den nassesten April seit 15 Jahren. Im Südosten Bayerns wurde das Niederschlagsdefizit vom März rasch ausgeglichen. In Wurmannsquick landeten mit 119 l/m² mehr als das Doppelte der üblichen Niederschlagsmenge (228 %) im Messtopf, ebenso im nahegelegenen Pfarrkirchen (126 l/m², 209 %), das im Vormonat zu den trockensten Orten Deutschlands zählte.
Aber auch im Allgäu, im Osten Baden-Württembergs, in den westdeutschen und zentralen Mittelgebirgen sowie in Teilen Ostdeutschlands kam reichlich Niederschlag vom Himmel.
Die höchsten Niederschlagssummen wurden in Balderschwang (344 l/m², 177 %) und auf der Zugspitze (305 l/m², 153 %) gemessen. Am wenigsten Regen wurde von Rügen (Arkona: 13 l/m², 38 %) bis Usedom (21 l/m², 53 %) beobachtet. Auch in der Südosthälfte Niedersachsens, in Ostwestfalen und vom Westerzgebirge bis nach Mittelfranken gab es weniger Niederschlag als üblich. In Bückeburg und Höxter-Lüchtringen (jeweils an der Grenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachen) wurden mit nur 23 l/m² (44 %bzw. 24 l/m² (41 %) nicht einmal die Hälfte des Monatssolls registriert.

Der Mai begann so regenreich, wie der April endete, doch ab der zweiten Maidekade kam nicht mehr viel Regen dazu. Demnach wurden im deutschlandweiten Flächenmittel mit 42,7 l/m² nur 60 % * (61 % **) der üblichen Regenmenge erreicht. Besonders trocken war es in den ostdeutschen Bundesländern. Vielerorts wurden weniger als 10 l/m², an zahlreichen Messstationen sogar weniger als 5 l/m² erfasst. Arkona auf Rügen war nicht nur im April, sondern auch im Mai der trockenste Ort Deutschlands mit kläglichen 1,5 l/m² (4 %). Auch in Gardelegen-Lindstedterhorst nördlich von Magdeburg wurden lediglich 1,6 l/m² (3 %) gemessen. Ganz anders sah es am Alpenrand aus, wo stellenweise über 200 l/m² vom Himmel prasselten. Die beiden nassesten Orte waren abermals die Zugspitze (280 l/m², 163 %) und Balderschwang (274 l/m², 130 %). Die größten positiven Abweichungen von der durchschnittlichen Monatsmenge gab es hingegen in Teilen von Nordrhein-Westfalen, z.B. in Finnentrop-Weringhausen mit 140 l/m², was 189 % des Monatssolls entspricht.

Summa summarum war das Frühjahr also im Deutschlandmittel leicht zu nass, jedoch mit regionalen Unterschieden. Vor allem im Westen und Nordwesten, aber auch in weiten Teilen Hessens sowie am Alpenrand und in einigen Mittelgebirgsstaulagen verlief das Frühjahr mit einem Plus von 30 bis 50 % deutlich zu nass. In Gottmadingen nahe Schaffhausen und in Suhl-Heidersbach wurden sogar 177 % bzw. 171 % des Niederschlagssolls erreicht. Die niederschlagsreichsten Regionen waren der Alpenrand mit 550 bis 850 l/m² (z.B. Balderschwang: 850 l/m² (145 %), Zugspitze: 820 l/m² (151 %)) und der Schwarzwald mit gebietsweise über 500 l/m². Entlang der Ostseeküste zeigt sich hingegen ein ganz anderes Bild. Dort war das Frühjahr mit 60 bis 90 l/m² viel zu trocken. Auf Fehmarn fielen nur 72 l/m² (59 %), auf Arkona gar nur 63 l/m² (60 %), wobei es dort im April und Mai mit insgesamt nur 14,4 l/m² extrem trocken war. Neben dem Nordosten verlief das Frühjahr aber auch in Teilen von Sachsen-Anhalt, Sachsen, in Teilen Mittelfrankens, im Raum Stuttgart und am Oberrhein signifikant zu trocken (70-80 % des Solls).

Seit über drei Wochen befindet sich Deutschland nun in einer Trockenphase (siehe gestriges Thema des Tages vom 07.06.2023). Die negativen Folgen wie Waldbrandgefahr, sinkende Pegel und zunehmende Dürre machen sich bereits bemerkbar, wie am Vortag ausführlich beschrieben wurde. Die aktuellen Gewitter bringen nur kleinräumig eine Entspannung und bis in die kommende Woche hinein werden keine flächendeckenden Niederschläge erwartet.
Ob wir am Beginn eines erneuten Dürresommers stehen, bleibt aber noch abzuwarten.

* Referenzperiode 1961-1990, ** Referenzperiode 1991-2020

Dr. rer. nat. Markus Übel (Meteorologe)
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 08.06.2023
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

Hitzeaufschlag

Wenn Alexander Zverev am heutigen Freitagabend in seinem Halbfinalmatch bei den French Open in der heißen Asche von Roland Garros gegen den Norweger Casper Ruud aufschlägt, fiebern tennisbegeisterte Fans weltweit vor den Fernsehschirmen mit. Bei Temperaturen um die 30°C fließt der Schweiß in Strömen. Immerhin ist nach dem Court Philippe-Chatrier ab nächstem Jahr auch der Court Suzanne-Lenglen mit einem flexiblen Dach ausgestattet, um die Wetterabhängigkeit zu reduzieren. Ohnehin waren Unterbrechungen bis dato aber weniger wegen der Hitze (eher bekannt für die Australian Open) als vielmehr auf kräftige Regenfälle oder Gewitter zurückzuführen.

Hierzulande hat es dann nun auch tatsächlich gereicht! In Berlin und Umgebung wurden am gestrigen Donnerstag (Fronleichnam) erstmals die 30 Grad Marke überschritten. In meteorologischer Hinsicht geht also der erste heiße Tag des Jahres 2023 am 08. Juni in die Statistik ein. Spitzenreiter waren die Stationen Potsdam mit 30,7°C, Manschnow (Brandenburg) mit 30,6°C und Berlin-Buch mit 30,5°C. Zuvor wurde die ominöse Grenze sowohl am 22. Mai in Waghäusel-Kirrlach (Baden-Württemberg) mit 29,9°C als auch am 07. Juni (vorgestern) in Berlin-Buch nur haarscharf verfehlt. Da lohnt sich doch am heutigen Tag des Archivs (ja, den gibt’s wirklich!) ein kurzer Blick in die Vergangenheit.

DWD Hitzeaufschlag

Der Allzeitrekord für den frühesten registrierten heißen Tag stammt aus dem April 2007. Dort wurden bereits am 15. des Monats und damit nur eine Woche nach Ostern im westfälischen Hagen und auch benachbarten Herten 30°C gemessen. Und wann fiel die 30 Grad Marke am spätesten? 2019 und 2020 kamen wir zunächst auch ganz gut ohne Hitze durch, Anfang Juni schnellten die Temperaturen aber jeweils rasch nach oben. Und so muss man schon bis ins Jahr 2013 zurückgehen, wo erst am 13. Juni in Rheinfelden (BW) 30,4°C geknackt wurden. Hitzeliebhaber mussten sich im Jahr 1991 sogar bis Anfang Juli gedulden, um sich die Klamotten vom Leib reißen zu können, 1974 gar erst Mitte Juli. Ein späteres Datum des ersten Eintretens als der 12.07.1974, wo es an der Grenze zur Schweiz in Waldshut und Friedrichshafen für glatte 30,0°C gereicht hat, lassen sich in den Analen nicht finden.

Deutschlandweit liegt das Mittel mittlerweile bei rund 10 heißen Tagen im Jahr. Dabei gibt es allerdings räumlich große Unterschiede. Während es im höheren Bergland und in Küstennähe ohne Weiteres Jahre komplett ohne heißen Tag geben kann, können es im Oberrheingraben locker 30 Tage und mehr sein.

Und wie geht es nun weiter? Zunächst erst einmal auf einem ähnlichen Temperaturniveau. Dabei werden am heutigen Freitag und auch in den kommenden Tagen vermehrt auch im Westen und Südwesten Höchsttemperaturen über 30°C erreicht. Deutschlandweit kann man von sommerlichen Tagesmaxima zwischen 26 und 32°C ausgehen. An der Ostsee bleibt es bei teils stürmischem Wind aus Nordost beispielsweise mit Höchstwerten zwischen 17 und 23°C teils deutlich kühler. Mehr lassen die Wassertemperaturen in ähnlicher Größenordnung noch nicht zu. Doch selbst in den wärmsten Ecken Deutschlands bleibt es eine recht angenehme „Hitze“, da keine große Schwüle vorhanden ist, die Luftmasse also recht trocken daherkommt. So bleiben auch die nächtlichen Tiefstwerte mit 17 bis 10°C erholsam und schlaftauglich.

DWD Hitzeaufschlag 1

Zur Wochenmitte kündigt sich eine leichte Abkühlung auf dann noch Werte um 25°C an. Ob damit dann auch endlich flächendeckendere Niederschläge verbunden sind, die die anhaltende Trockenheit signifikant lindern, bleibt zwar zu hoffen, ist nach aktuellem Stand aber noch sehr unsicher.

Dipl. Met Robert Hausen
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 09.06.2023

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Deutschlandwetter im Frühjahr 2023

Erste Auswertungen der Ergebnisse der rund 2000 Messstationen des DWD in Deutschland.

Besonders warme Orte im Frühjahr 2023*

Platz Station Bundesland durchschnittliche Temperatur Abweichung
1 Waghäusel-Kirrlach Baden-Württemberg 11,6 °C +1,4 Grad
2 Freiburg Baden-Württemberg 11,4 °C +2,2 Grad
3 Lahr Baden-Württemberg 11,3 °C +1,1 Grad

Besonders kalte Orte im Frühjahr 2023*

Platz Station Bundesland durchschnittliche Temperatur Abweichung
1 Zinnwald-Georgenfeld Sachsen 4,6 °C +1,0 Grad
2 Carlsfeld Sachsen 4,6 °C +1,0 Grad
3 Kahler Asten Nordrhein-Westfalen 4,9 °C +1,0 Grad

Besonders niederschlagsreiche Orte im Frühjahr 2023**

Platz Station Bundesland Niederschlagsmenge Anteil
1 Aschau-Stein Bayern 685,0 l/m² 130 %
2 Immenstadt Bayern 684,5 l/m² 151 %
3 Ruhpolding-Seehaus Bayern 655,2 l/m² 120 %

Besonders trockene Orte im Frühjahr 2023**

Platz Station Bundesland Niederschlagsmenge Anteil
1 Arkona Mecklenburg-Vorpommern 63,3 l/m² 60 %
2 Greifswalder Oie Mecklenburg-Vorpommern 68,6 l/m² 62 %
3 Fehmarn Schleswig-Holstein 71,8 l/m² 59 %

Besonders sonnenscheinreiche Orte im Frühjahr 2023**

Platz Station Bundesland Sonnenscheindauer Anteil
1 Arkona Mecklenburg-Vorpommern 718 Stunden 128 %
2 Rostock-Warnemünde Mecklenburg-Vorpommern 672 Stunden 127 %
3 Fehmarn Schleswig-Holstein 669 Stunden 127 %

Besonders sonnenscheinarme Orte im Frühjahr 2023**

Platz Station Bundesland Sonnenscheindauer Anteil
1 Oberstdorf Bayern 361 Stunden 84 %
2 Garmisch-Partenkirchen Bayern 364 Stunden 80 %
3 Kempten Bayern 378 Stunden 80 %

Oberhalb 920 m NHN sind Bergstationen hierbei nicht berücksichtigt.
* Jahreszeitenmittel sowie deren Abweichung vom vieljährigen Durchschnitt (int. Referenzperiode 1961-1990)
** Prozentangaben bezeichnen das Verhältnis des gemessenen Jahreszeitenwertes zum vieljährigen Jahreszeitenmittelwertes der jeweiligen Station (int Referenzperiode, normal = 100 Prozent).

Hinweis:
Einen ausführlichen Jahreszeitenrückblick für ganz Deutschland und alle Bundesländer finden Sie im Internet unter

Meteorologe Denny Karran
Deutscher Wetterdienst

Vorhersage- und Beratungszentrale

Offenbach, den 03.06.2023
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

Tag der offenen Tür

Immer wieder erreichen uns Anfragen, ob man uns nicht mal besuchen könnte. Leider ist das im täglichen Geschäft nicht möglich. Aber am Tag der offenen Tür sind Sie herzlich eingeladen, unsere Räumlichkeiten zu besichtigen und uns mit Fragen zu löchern. In unregelmäßigen Abständen öffnen die Zentrale in Offenbach sowie die Niederlassungen in Hamburg, Potsdam, Leipzig, Essen, Stuttgart und München ihre Pforten für Wetterbegeisterte oder Interessierte.

Ein solcher Tag der offenen Tür findet am kommenden Samstag/Sonnabend in Leipzig statt. Von 10 Uhr bis 15.30 Uhr können Interessierte die Räume des Deutschen Wetterdienstes in der Kärrnerstraße 68 in Leipzig-Holzhausen erkunden, an spannenden Führungen teilnehmen und sich Vorträge zum Thema Wetter und Klima anhören. Unsere Mitarbeitenden stehen Ihnen Rede und Antwort. Sie erfahren, wie eine Wettervorhersage entsteht und wie Wetterwarnungen ausgegeben werden. Sie können einen Blick auf die Messgeräte werfen und Ihre persönliche Geburtstagswetterkarte mit nach Hause nehmen.

Kommen Sie vorbei und schauen Sie den Kollegen und Kolleginnen bei der Wetterbeobachtung über die Schulter. Stellen Sie Ihre drängendsten Fragen zum Klimawandel. Lassen Sie sich in die kleine Wolkenkunde einführen. Erfahren Sie mehr über die Produkte und Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes und wie sich der Job des Meteorologen/der Meteorologin über die Jahre gewandelt hat.

DWD Tag der offenen Tuer

DWD Tag der offenen Tuer 1

Der letzte Einlass ist um 15 Uhr. Für das leibliche Wohl ist ebenfalls gesorgt.
Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Dipl. Met. Jacqueline Kernn
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 04.06.2023
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Mitternachtsdämmerung

Am Donnerstag war meteorologischer Sommeranfang, der den Beginn der längsten Tage des Jahres markiert. Die warme Jahreszeit lädt zu ausgedehnten Grillabenden ein und bietet uns viel Tageslicht. Gleichzeitig verlängert sich auch die Dauer der Dämmerung.
Die Dämmerung bezeichnet die Phase vor Sonnenauf- bzw. Sonnenuntergang, in der die Sonne noch unter dem Horizont steht, aber ihr Streulicht in der Atmosphäre sichtbar ist. Es gibt drei Phasen der Dämmerung: die bürgerliche Dämmerung, die nautische Dämmerung und die astronomische Dämmerung.

Die bürgerliche Dämmerung beginnt unmittelbar nach Sonnenuntergang und geht weiter, bis die ersten hellen Sterne oder Planeten sichtbar werden. Dies geschieht, wenn die Sonne etwa 6 ° unter dem Horizont steht. Nach der bürgerlichen Dämmerung folgt die nautische Dämmerung, in der Sterne mittlerer Helligkeit sichtbar werden. Sie endet, wenn die Sonne etwa 12 ° unter den Horizont sinkt. An die nautische Dämmerung schließt sich die astronomische Dämmerung an, die endet, wenn die Sonne etwa 18 ° unter dem Horizont steht und die Nacht beginnt.

In der Zeit des astronomischen Sommerbeginns, zur Sommersonnenwende ist die Dämmerung besonders lang. Dies liegt daran, dass die scheinbare Bahn der Sonne zu dieser Zeit am flachsten auf dem Horizont steht, wodurch der Winkel, unter dem die Sonne untergeht, am kleinsten ist. Die kürzesten Dämmerungszeiten hingegen gibt es zum Frühlings- bzw. Herbstanfang während der Tagundnachtgleiche.

In der Nordhälfte Deutschlands, wird es jetzt selbst um Mitternacht nicht mehr vollständig dunkel. Am Nordhorizont ist immer noch einen Rest von Dämmerung erkennbar. Da die Sonne dort derzeit nachts nicht mehr als 18 ° unter den Horizont sinkt, wird die abendliche astronomische Dämmerung nicht mehr beendet und geht in die morgendliche astronomische Dämmerung über. Dieses Phänomen wird Mitternachtsdämmerung genannt. Zur Sommersonnenwende am 21.Juni tritt es nördlich des 49. Breitengrades auf. Nördlich des 61. Breitengrades sinkt die Sonne die ganze Nacht nicht mehr als 6° unter den Horizont, wodurch die bürgerliche Dämmerung nicht mehr endet. Diese Nächte werden dort als „Weiße Nächte“ bezeichnet. Bekannt sind vor allem „die Weißen Nächte von St. Petersburg“. In Deutschland kann man die Weißen Nächte nur ansatzweise auf einigen Nordseeinseln oder im Norden Schleswig-Holsteins erleben.

Der Zeitpunkt der beginnenden Dämmerung hängt nicht nur von der geographischen Breite ab, sondern auch von der geographischen Länge. So wird es am östlichen Ende der Bundesrepublik etwas über 30 Minuten früher dunkel als am westlichen Ende. Die Intensität der Dämmerung wird auch von Aerosolen wie zum Beispiel Vulkanstaub in der oberen Atmosphäre beeinflusst. Mit etwas Glück lassen sich auch leuchtende Nachtwolken beobachten. Dies sind Wolken in 81 bis 87 km Höhe in der Mesopausenregion. Sie können nur in der Zeit um die Mitternachtsdämmerung beobachtet werden. Denn wenn die Sonne etwa 6 bis 16 Grad unter dem Horizont steht, erscheint der Himmelshintergrund bereits dunkel, die Wolken werden allerdings aufgrund ihrer enormen Höhe von der Sonne noch beschienen und erscheinen als Leuchtende Nachtwolken. Doch dies ist ein weiteres Thema für einen anderen Tag.

 

DWD Mitternachtsdaemmerung
Dipl. Met Christian Herold
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 05.06.2023

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Leuchtende Nachtwolken – ein sommerliches Phänomen

\Wettertechnisch sieht es in den nächsten Tagen sehr sommerlich aus. Zum ersten Mal in diesem Jahr werden die Temperaturen die 30 Grad-Marke überschreiten. Auch lauen Nächten steht dann nichts mehr im Wege. Bei den warmen Verhältnissen hält man sich dann auch nachts noch gerne draußen auf. Ein Phänomen was sich dort eventuell am nächtlichen Himmel blicken lässt, sind leuchtende Nachtwolken (englisch: noctilucent clouds, kurz: NLC).

Leuchtende Nachtwolken sind silbrig-weiße dünne Wolken, haben jedoch im engeren Sinne nicht direkt was mit Wetter zu tun. Denn das Wetter spielt sich hauptsächlich in der Troposphäre ab, deren Obergrenze in unseren Breiten in etwa eine Höhe von 10 bis 13 km erreicht. Leuchtende Nachtwolken entstehen in der Mesosphäre, in einer Höhe zwischen 80 bis 85 km. Vieles was mit der Entstehung der leuchtenden Nachwolken zu tun hat, ist im Detail noch nicht geklärt. Man weiß aber, dass sie aus kleinen Wassereisteilchen bestehen, weswegen sie optisch an Cirruswolken erinnern. Schon lange vermutet, wurde dieses erst 2001 durch das Satelliten-Messinstrument HALOE bewiesen. Zur Entstehung von Wolkeneisteilchen braucht man zum einen Wasserdampf und zum anderen Sublimationskerne, an die sich die Wasserteilchen anheften können.

In der Mesosphäre ist kaum Wasserdampf vorhanden, sodass sich im Normalfall nur wenige Wassermoleküle miteinander verbinden können. Damit die Wasserdampfmoleküle doch zu kleinen Eisteilchen gefrieren, benötigt man besonders kalte Temperaturen von unter minus 120 Grad Celsius. Von Mai bis August sind aufgrund der inter-hemisphärischen Zirkulation die Temperaturen in der Mesosphäre besonders kalt. Es treten dort teils Temperaturen von unter minus 140 Grad auf. Im Winter dagegen ist die Mesosphäre meist wärmer, sodass dann keine Wolken entstehen können.

Die zur Eiskristallbildung benötigten Eiskeime können aus verschiedenen Staubpartikel oder andere Aerosole bestehen. Die Staubpartikel kommen zum einen durch Meteorite, die in die Erdatmosphäre eindringen und dabei verglühen in diese Atmosphärenschicht. Zur Zeit der ersten Entdeckung der NLC lag die Vermutung nahe, dass Vulkanausbrüche größere Mengen von Staub auch in diese Höhen transportieren. Die erste Beschreibung von leuchtenden Nachtwolken stammt aus dem Jahr 1885, zwei Jahre nach dem Vulkanausbruch des Krakatau. Doch bis heute ist es weiterhin unklar, ob der Vulkanausbruch tatsächlich zu einer erhöhten NLC Aktivität geführt hat. Es könnte auch sein, dass die intensivere Beobachtung des Himmels erhöhte Sichtungszahlen der leuchtenden Nachtwolken ergaben. Nach dem Vulkanausbruch kam es durch die große Staubbelastung in der Tropo- und Stratosphäre spektakuläre Sonnenuntergänge. Es besteht auch die Theorie, dass bei der Entstehung von Eiskristallen nicht unbedingt Sublimationskerne vorhanden sein müssen. Aufgrund des Dipol-Charakters von Wassermolekülen bilden sich sogenannte Wasserclusterionen. Diese Wassercluster sind aber nur kurzlebig.

Um die Wolken zum Leuchten zu bringen ist Licht nötig. Dieses Licht stammt von der Sonne, die zwischen 6 und 16 Grad unter dem Horizont stehen muss, damit die Wolken in einer Höhe von etwa 83 km über dem Erdboden angestrahlt werden. Daher sind in unseren Breiten leuchtende Nachtwolken zwischen Anfang Juni und Mitte Juli zu sehen. Und das am besten gegen Mitternacht, wenn die Dämmerung am dunkelsten ist und das schwache Schimmern der Wolken nicht übertrifft. Sie erreichen über Deutschland eine Höhe von etwa 20 Grad über dem Horizont, wenn man in nördliche Richtungen blickt. In Ausnahmefällen sind sie auch bis in Zenitnähe zu sehen.

 

DWD Leuchtende Nachtwolken ein sommerliches Phaenomen

Langzeitliche Trends zur NLC Aktivität sind schwer zu prognostizieren, da die Forschungen darüber noch andauern. Ein Zusammenhang mit der Sonnenaktivität ist nahe liegend. Allerdings konnte bis jetzt nicht eindeutig beobachtet werden, dass die Häufigkeit der leuchtenden Nachtwolken im Sonnenmaximum-Zeitraum wirklich zunimmt. Für eine erhöhte Nachtwolken-Aktivität könnte auch die Zunahme von Methan und Kohlenstoffdioxid verantwortlich sein. Durch das Erwärmen der Troposphäre, könnte die Mesosphäre kälter werden. Ein weiterer Zusammenhang wird zwischen leuchtenden Nachtwolken in unseren Breiten und den polaren mesosphärischen Wolken vermutet, die während des gesamten Sommers über den Polen liegen. Durch erhöhte Windgeschwindigkeiten könnten die mesosphärischen Wolken über den polaren Gebieten sich schneller und weiter nach Süden hin ausweiten. Auch erhöhte Konzentration von Eiskeimen in der Mesosphäre kann zur Zunahme von Leuchtenden Nachtwolken führen. Bei den Starts der Space Shuttles zwischen 1981 und 2011 als auch beim Start von SpaceX Falcon 9 2014 wurden nach dem Start leuchtende Nachtwolken gesichtet. Durch die Raketen werden nicht nur Staubpartikel, sondern auch Wasserdampf in große Höhen in die Atmosphäre gebracht. Allerdings ist die Höhe des Beitrags von Raketenstarts zur Bildung von leuchtenden Nachtwolken noch umstritten.

Wer in der kommenden Nacht leuchtende Nachtwolken beobachten möchte, hat die größten Chancen dazu an der Ostsee oder im Südwesten Deutschlands. Dort ist der Himmel meist klar. Wer das ganze Spektakel am Himmel auch fotografieren möchte, dem empfiehlt sich eine Belichtungszeit von etwa 10 Sekunden bei einer erhöhten ISO von 800 bis 1600, da sich die Eiswolken bewegen. Das erste Foto von leuchtenden Nachtwolken schoss übrigens Otto Jesse weit vor Erfindung von Digitalkameras im Jahr 1887. Er gab den Wolken auch ihren Namen.

 

DWD Leuchtende Nachtwolken ein sommerliches Phaenomen 1

MSc Sonja Stöckle (Meteorologin)
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 06.06.2023
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

Deutschlandwetter im Mai 2023

Die wärmsten, trockensten und sonnigsten Orte in Deutschland

Erste Auswertungen der Ergebnisse der rund 2000 Messstationen des DWD in Deutschland.

Besonders warme Orte im Mai 2023*

Platz Station Bundesland durchschnittliche Temperatur Abweichung
1 Waghäusel-Kirrlach Baden-Württemberg 16,4 °C +1,9 Grad
2 Frankfurt a. Main Hessen 15,8 °C +2,1 Grad
3 Rheinau-Memprechtshofen Baden-Württemberg 15,7 °C +2,1 Grad

Besonders kalte Orte im Mai 2023*

Platz Station Bundesland durchschnittliche Temperatur Abweichung
1 Carlsfeld Sachsen 9,3 °C +1,2 Grad
2 Zinnwald-Georgenfeld Sachsen 9,3 °C +0,8 Grad
3 Kahler Asten Nordrhein-Westfalen 9,4 °C +1,2 Grad

Besonders niederschlagsreiche Orte im Mai 2023**

Platz Station Bundesland Niederschlagsmenge Anteil
1 Hindelang, Bad-Gailenberg Bayern 257,2 l/m² 160 %
2 Bischofswiesen-Winkl Bayern 237,1 l/m² 141 %
3 Kreuth-Glashütte Bayern 233,9 l/m² 121 %

Besonders trockene Orte im Mai 2023**

Platz Station Bundesland Niederschlagsmenge Anteil
1 Arkona Mecklenburg-Vorpommern 1,5 l/m² %
2 Gardelegen-Lindstedterhorst Sachsen-Anhalt 1,6 l/m² %
3 Feldberg Mecklenburg-Vorpommern 2,0 l/m² %

Besonders sonnenscheinreiche Orte im Mai 2023**

Platz Station Bundesland Sonnenschein Anteil
1 Arkona Mecklenburg-Vorpommern 343 Stunden 131 %
2 Greifswalder Oie Mecklenburg-Vorpommern 341 Stunden 130 %
3 Rostock-Warnemünde Mecklenburg-Vorpommern 331 Stunden 135 %

Besonders sonnenscheinarme Orte im Mai 2023**

Platz Station Bundesland Sonnenscheindauer Anteil
1 Garmisch-Partenkirchen Bayern 147 Stunden 86 %
2 Oberstdorf Bayern 154 Stunden 93 %
3 Kempten Bayern 169 Stunden 93 %

Oberhalb 920 m NHN sind Bergstationen hierbei nicht berücksichtigt.
* Monatsmittel sowie deren Abweichung vom vieljährigen Durchschnitt (int Referenzperiode 1961-1990)
** Prozentangaben bezeichnen das Verhältnis des gemessenen Monatswertes zum vieljährigen Monatsmittelwert der jeweiligen Station (int Referenzperiode, normal = 100 Prozent).

Hinweis:
Einen ausführlichen Monatsüberblick für ganz Deutschland und alle Bundesländer finden Sie im Internet unter

Meteorologe Denny Karran
Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

Der meteorologische Sommer hat begonnen!

Der meteorologische Sommeranfang zeigt sich gerade in der Mitte und im Süden von seiner sonnigen, vor allem im Osten und Nordosten schon seit geraumer Zeit erneut von seiner anhaltend trockenen Seite. In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, was wir in Deutschland wetter- und witterungstechnisch von den bevorstehenden drei Sommermonaten zu erwarten haben.
Zu Beginn sei auf die aktuelle Mittelfristvorhersage verwiesen, die 7 bis 10 Tage in die Zukunft schaut, manchmal auch mit Trendangaben bis zu Tag 15(siehe weitere Informationen zum Thema).

Ab diesem Zeitpunkt würde man dann allerdings schon vom subsaisonalen Bereich der Wettervorhersage sprechen, wobei diese Steilvorlage als Überleitung zu saisonalen Klimavorhersagen geeignet ist. Saisonale Klimavorhersagen geben eine Prognose darüber ab, mit welcher Wahrscheinlichkeit die kommenden Monate wärmer/kälter oder auch trockener/feuchter als im langzeitlichen Mittel werden. Die Kombination von numerischen Vorhersagen für die zukünftige Periode mit zusätzlichen Vorhersagen aus der Vergangenheit erlaubt eine gewisse statistische Bewertung der Prognosen und die Ableitung von Trendaussagen auf Basis einer Klimatologie.

Im Thema des Tages vom 11.05.23 wurde die aktuelle saisonale Wettervorhersage bereits ausführlich seziert, einschließlich Verweis auf die Copernicus-Seite [Multimodellvorhersage mit schöner Zusammenfassung der Highlights(siehe weitere Informationen zum Thema)].

Schaut man auf die prognostizierte mittlere Luftdruckverteilung auf Meereshöhe über die drei Sommermonate, fällt – unabhängig von im Sommer oft schwächeren Luftdruckgegensätzen – doch ein gewisses Muster auf, nämlich die erhöhte Wahrscheinlichkeit für höheren Luftdruck über dem östlichen Nordatlantik und Teilen Skandinaviens. Demgegenüber stehen relativ deutliche Signale für tieferen Luftdruck über Süd- und Südwesteuropa. Diese Konstellation entspräche für den Index der Nordatlantischen Oszillation (kurz NAO-Index) wohl eine (leicht) negative Abweichung (siehe weitere Informationen zum Thema).

DWD Der meteorologische Sommer hat begonnen

Soweit so gut, aber was heißt Letzteres nun etwas konkreter für die zu erwartenden (mittleren) Witterungsverhältnisse bzw. mögliche Wettermuster über die Sommermonate für den atlantisch-europäischen Wetterraum und speziell für Mitteleuropa?
„NAO negativ“ bedeutete eine nach Süden verschobene Frontalzone im atlantischen Sektor (teilweise Verbindung von Subpolar- und Subtropen-Jet), bis in den zentralen Mittelmeerraum reichend. Demgegenüber haben wir prognostizierte positive Luftdruckabweichungen im östlichen Mittelmeerraum bis zum Schwarzen Meer und Kleinasien. Damit steigt vom zentralen-östlichen Mittelmeerraum bis nach Kleinasien das Risiko markanter Hitzewellen (vergleich Hitzewelle in großen Teilen des Mittelmeerraums in 2019 bei damals ebenso NAO negativ).

Positive Luftdruckabweichungen erkennt man auch vom östlichen Nordatlantik bis nach Skandinavien, mit entsprechend simulierter positiver Temperaturabweichung in diesen Bereichen.

Für Mitteleuropa bestünde somit eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für insgesamt (leicht) zu warme Verhältnisse, bei wohl insgesamt häufigeren Großwetterlagen (GWL) mit nordwestlichen oder nördlichen Strömungsverhältnissen – zyklonal oder antizyklonal ausgepägt würde letzteres auch im Mittel eher normale bis (leicht) zu niedrige Niederschlagsmengen für Mitteleuropa bedeuten. Bei möglichen Blockierungen im Bereich Nordmeer/Skandinavien hingegen bestünde bei nordöstlichen bis östlichen Strömungsverhältnissen und dem Zustrom von überwiegend trockener Festlandsluft gerade für die Nordosthälfte das Risiko längerer trockenerer Perioden.

Im Tagesthema vom 11.05.23 wurden bereits mögliche Ursachen dieser persistenten Blockierungslagen (einschl. Spurensuche bei der Frühjahrszirkulation) untersucht. Letztendlich sind aber Langfristvorhersagen immer mit Vorsicht zu genießen, da diese lediglich einen mittleren Zustand der atmosphärischen Bedingungen beschreiben. Abweichungen davon, auch über einen längeren Witterungsabschnitt sind daher durchaus möglich.

 

Dipl.-Met. Dr. Jens Bonewitz
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 01.06.2023
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Clear Air Turbulence – die unsichtbare Gefahr

Aktuell ist die Warnkarte des Deutschen Wetterdienstes nahezu leer. Auch letzten Donnerstag, den 25.05.2023 gab es in keinem einzigen Landkreis eine Wetterwarnung. Ruhige Zeiten also für die Meteorologen im Vorhersagedienst. Letzten Donnerstag traf das aber nicht auf alle Bereiche in der Meteorologie zu. Im Flugwetterdienst war nämlich einiges los. Ein Kaltlufttropfen sorgte in der Höhe für starke Turbulenzen. Am Boden bekommt man davon nichts mit. Für die Luftfahrt sind das aber wichtige Informationen. Durch die Warnung vor starker Turbulenz werden die meteorologische Sicherheit der Luftfahrt gewährleistet und Flugrouten optimiert. Wie kam es genau zu den Turbulenzen und wie werden diese prognostiziert?

Clear Air Turbulence (CAT) oder auf deutsch Klarluftturbulenz ist mit dem bloßen Auge nicht zu sehen, da es sich um Turbulenz in wolkenfreier Luft handelt. Die CAT wird durch das Aufeinandertreffen von signifikant andersartigen Luftmassen verursacht, die sich mit stark unterschiedlichen Geschwindigkeiten in Höhen oberhalb 6 Kilometern bewegen. Durch den ungleichen Charakter der Luftmassen entsteht an der Zone des Zusammentreffens ein Bereich erhöhter Windgeschwindigkeiten auch Jetstream genannt. Die horizontale Erstreckung von Gebieten mit CAT liegt bei 80 Kilometern, kann sich aber auch auf einen Bereich bis 500 Kilometer erstrecken. Die vertikale Ausdehnung beträgt im Mittel 600 Meter. Die unteren Grenzwerte liegen bei 20 bis 30 Metern. Diese Art von Turbulenz ist besonders gefährlich für die Luftfahrt, da sie im Gegensatz zu anderen Wetterphänomenen, wie zum Beispiel Gewittern oder Vereisung, weder mit dem bloßen Auge noch mit Radar geortet werden kann. Die Turbulenzen sind aber meist zu schwach, um ein Verkehrsflugzeug stark zu beschädigen oder zu zerstören. Es kam jedoch schon zu kleineren Beschädigungen an Luftfahrzeugen sowie zu verletzten Passagieren (meist nicht angeschnallt).

 

DWD Clear Air Turbulence die unsichtbare Gefahr

DWD Clear Air Turbulence die unsichtbare Gefahr 1

DWD Clear Air Turbulence die unsichtbare Gefahr 2

Letzten Donnerstag gab es einen typischen Fall für CAT. In der unteren Troposphäre herrschte Hochdruckeinfluss vor. Ein kräftiges Hoch über den Britischen Inseln streckte einen Keil über Deutschland hinweg bis nach Südosteuropa. In der mittleren und oberen Troposphäre zirkulierte jedoch zwischen Frankreich und dem Südwesten Deutschlands ein Kaltlufttropfen. Die unterschiedlichen Luftmassen sind im Luftmassen RGB (Abbildung 1) gut zu sehen. Im rot gefärbten Bereich ist die Luftmasse sehr trocken und kalt.

Während über dem Südosten Deutschlands eine warme und feuchte Luftmasse vorherrschte (in der Abbildung bläulich). Die unterschiedlichen Eigenschaften der Luftmassen werden auch in den Radiosondenaufstiegen von Idar-Oberstein und Oberschleißheim deutlich. Der Aufstieg von Idar-Oberstein erfolgte in der trockenen und kalten Luftmasse (im roten Bereich), während das Vertikalprofil von Oberschleißheim die wärmere und feuchtere Luftmasse repräsentiert (Abbildung 2). An der Grenze zwischen den unterschiedlichen Luftmassen entwickelte sich ein Starkwindband. Im ICON 6-Modell konnte man die simulierten Windgeschwindigkeiten des Jetstreams an der Nordwestflanke des Kaltlufttropfens mit Spitzengeschwindigkeiten von 120 Knoten (etwa 220 Kilometer pro Stunde) gut erkennen. (siehe Isotachen-Darstellung in Abbildung 3)

Die Zutaten für starke Turbulenz in der Troposphäre waren also gegeben. Es gab zwei signifikant unterschiedliche Luftmassen in der Höhe. Und es hat sich im Grenzbereich der beiden Luftmassen ein Jetstream entwickelt. Wo genau sich jetzt die CAT-Zone befindet, lässt sich durch die Zusammenschau von Radiosondenaufstiegen und Satellitenbilder verifizieren. Doch um bereits vor dem Ereignis warnen zu können, werden numerische Vorhersagemodelle herangezogen. Dabei sind zum einen die Windprognosen in unterschiedlichen Höhenstufen wichtig. Zum anderen wird aber auch die Berechnung des Eddy Dissipiation Parameters zu Rate gezogen. Der Eddy Dissipitation Parameter (EDP) wird aus der berechneten turbulenten kinetischen Energie hergeleitet. Der Parameter wurde bereits jahrelang verifiziert und mit Meldungen aus dem Cockpit sowie Messungen durch spezielle Mess-Flugzeuge verglichen. Inzwischen ist die Bereitstellung des EDP für die Luftfahrt operationalisiert und wird als Grundlage zur Turbulenzeinschätzung für die Luftfahrt routinemäßig herangezogen. Auch letzten Donnerstag haben die Berechnungen des EDP ein Gebiet mit starker Turbulenz über Deutschland prognostiziert. (Abbildung 4)

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Die Zusammenschau der vorliegenden Messungen und numerischen Modellparameter führte letztendlich zur Ausgabe einer Warnung vor einer signifikanten meteorologischen Erscheinung für die Luftfahrt – kurz SIGMET abgekürzt. Da Wetterphänomene sowie der innereuropäische und internationale Luftverkehr nicht an politischen Grenzen enden, ist eine Absprache mit den angrenzenden Wetterdiensten von großer Bedeutung. Dies beugt Irritationen durch widersprüchliche Wetterinformationen vor. In diesem Fall hat die Region der starken Turbulenz nicht nur den deutschen Luftraum beeinflusst, sondern auch den französischen. Dank der Absprache zwischen der Flugwetterzentrale des Deutschen Wetterdienstes in Frankfurt mit dem Büro der Météo France in Toulouse, wurde eine einheitliche Warnung vor schwerer Turbulenz in einem Bereich zwischen Flughöhe 250 und 340 (also zwischen 7500 Metern und 10000 Metern über NN) ausgegeben.

So unerwartet wie vielleicht angenommen, treten die Turbulenzen also gar nicht mehr auf. Die numerischen Modelle können schon viele der unsichtbaren Turbulenzbereiche prognostizieren. Und auch Satellitenmessungen geben Auskunft über Gefahrenbereiche, auch wenn diese nicht durch auffällige Wolkenformationen gekennzeichnet sind. Durch die Warnungen können Piloten den größeren Gebieten gefährlicher Turbulenzen ausweichen, sodass es oft gar nicht mehr so turbulent im Flieger wird. Es ist jedoch wohl weiterhin ratsam, angeschnallt zu bleiben.

DWD Clear Air Turbulence die unsichtbare Gefahr 4

M.Sc. Sonja Stöckle (Meteorologin)
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 29.05.2023
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„Immer dieser kalte Ostwind“

„Schon wieder dieser kalte Ostwind!“, so oder so ähnlich wurde es in den letzten Wochen häufig kolportiert. Die meisten werden in diesem Frühling das Gefühl einfach nicht los, dass an den meisten Tagen ein äußerst beständiger, böiger Ostwind weht, der die ohnehin meistens nur mäßig warme Luft deutlich kälter erscheinen lässt.

Woher der Wind bei uns weht, hängt von der Verteilung der Druckgebilde, also der Hochs und Tiefs ab. Man spricht dabei auch von einer bestimmten Großwetterlage. Sie ist definiert durch eine mittlere Luftdruckverteilung in Meereshöhe und der mittleren Troposphäre (bis ca. 10 km Höhe) in einem großen Gebiet und über eine Dauer von mehreren Tagen. Der Deutsche Wetterdienst klassifiziert die Großwetterlagen nach dem von Paul Hess und Helmuth Brezowsky entwickelten Schema. Dabei wird insgesamt zwischen 29 Großwetterlagen unterschieden, die wiederum in 7 Großwetterlagentypen und 3 Zirkulationsformen gruppiert werden. Unabhängig davon spricht man bei einem Übergang zwischen zwei Wetterlagen von einer Übergangswetterlage. Eine vollständige Beschreibung und Liste der Großwetterlagen finden Sie im DWD-Wetterlexikon.

Der Übersicht halber beschränken wir uns auf die Zirkulationsformen. Hier definiert man die sogenannte „zonale“, „gemischte“ und „meridionale“ Form. Bei der zonalen Zirkulation befinden wir uns zwischen tiefem Luftdruck nördlich von uns und hohem Luftdruck südlich von uns in einer mehr oder weniger glatten West-Ost-Strömung. Es weht also ein Wind aus westlicher Richtung. Bei einer gemischten Zirkulation verschieben sich die Druckgebilde soweit, dass der Wind eine Nord- oder Südkomponente bekommt (also aus Nordwest oder Südwest weht) oder sich ein Hoch oder Tief über Mitteleuropa befindet. Die meridionale Zirkulation ist gekennzeichnet durch eine ausgeprägte Nord- oder Südströmung über Mitteleuropa, je nachdem, ob sich die Tiefs westlich oder östlich von uns aufhalten. Aber auch kräftige, oft stationäre und im Fachjargon als blockierend bezeichnete Hochdruckgebiete über Nord- und Nordosteuropa gehören dazu. Letztere sind ein Garant für Winde aus östlichen Richtungen (von Nordost bis Südost). Wollen wir also Großwetterlagen mit östlicher Strömung identifizieren, müssen wir nach den meridionalen Zirkulationsformen schauen.

DWD Immer dieser kalte Ostwind

Im oberen Diagramm der gezeigten Abbildung wird die über den Zeitraum von 1881 bis 2008 gemittelte, relative Häufigkeit der Zirkulationsformen für die jeweiligen Monate dargestellt. Wir erkennen, dass die meridionale Zirkulationsform im Mittel im Frühling Hochkonjunktur hat. Soweit, so gut. Allerdings fallen nur etwas mehr als die Hälfte der Tage im April und Mai auf diese Zirkulation. Der Anteil der Ostlagen, der als Linie im Diagramm eingeblendet ist, liegt lediglich bei rund 20%. Nur an 2 von 10 Tagen wäre demnach ein östlicher Wind zu erwarten. Im unteren Diagramm wird die Verteilung der Zirkulationsformen für den Zeitraum von Januar bis Mai 2023 dargestellt. Nachdem im Januar, Februar und März gemischte Zirkulation und zonale Westlagen dominierten, konnten wir im April und Mai einen enormen, bezogen auf das Klimamittel äußerst ungewöhnlichen Zuwachs an meridionalen Wetterlagen verzeichnen. An etwa Dreiviertel der Tage konnte eine meridionale Zirkulationsform klassifiziert werden. Noch bemerkenswerter ist allerdings die Tatsache, dass es sich im April ausschließlich, im Mai zu einem großen Teil um Ostlagen handelte. Eine relative Häufigkeit von 70% bedeutet, dass an 7 von 10 Tagen ein Wind aus vorwiegend östlichen Richtungen wehte.

Es lässt sich also statistisch belegen, dass wir seit April ungewöhnlich oft mit Ostwind zu tun haben. Der subjektive Eindruck des unangenehmen Ostwindes ist wohl meistens ein Resultat einer kognitiven Dissonanz oder wird zumindest durch diese verstärkt: Einerseits sind die mit dem Ostwind herangeführten Luftmassen trocken, sodass die Sonne oft von einem stahlblauen Himmel scheint, womit optisch der Eindruck eines warmen Sommertages erzeugt wird. Andererseits kann mit der östlichen Strömung die im Frühling über Osteuropa teilweise noch lagernde Kaltluft angezapft werden, sodass ein thermisches Empfinden entsteht, das dem optischen Eindruck sehr gegensätzlich sein kann. Erst im Sommer, wenn sich die Landmassen und damit auch die Luft über Osteuropa stark erwärmt haben, wird der Ostwind wärmer und als nicht mehr ganz so unangenehm empfunden.

Dipl.-Met. Adrian Leyser
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 30.05.2023

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