Eine Reise in die Great Plains

Über das Stormchasing als eines der etwas ausgefalleneren Hobbies wurde bereits in der Vergangenheit schon berichtet. Bei vielen Kollegen, die in der Vorhersagezentrale des Deutschen Wetterdienstes arbeiten, gibt es sowieso eine nur recht verschwommen wahrnehmbare Grenze zwischen Beruf und Hobby/Freizeit. Wetter findet halt rund um die Uhr statt.
Einige Genossen der Meteorologenzunft machen dabei gerne ihre scherzhaft gemeinten Bemerkungen, dass man so eine Reise in die USA zwecks Stormchasing doch als Fortbildungsveranstaltung deklarieren möge und nicht als Erholungsurlaub. Dabei hat so ein Trip tatsächlich nur wenig mit Erholung zu tun.

3 Wochen — 12 000 km

Zunächst einmal braucht man dafür nämlich jede Menge Sitzfleisch. Und man muss Autofahren mögen. Denn für erfolgreiches Betrachten schöner Superzellstrukturen oder gar Tornados muss man jede Menge Strecke zurücklegen. Immerhin gilt es ein Gebiet von Colorado und Nebraska bis nach Süd-Texas abzudecken. Das sind im Flächenvergleich mehrere Deutschlands (oder Deutschländer? Der Duden schweigt hierzu…). Da kommen schnell ein paar tausende Kilometer zusammen. Summa summarum waren es in diesem Fall etwas über 12 000, während des dreiwöchigen Aufenthalts im Schnitt also etwa 4 000 pro Woche.

Nebraska Sandhills, 02.06.25

Da an den Tagen vor- und nachher nicht allzu viel los war, entschied sich die Reisegruppe für einen Ausflug gen Norden bis in den Bundesstaat Nebraska. 1000 km später fand man sich in den sogenannten Sandhills wieder. Dabei handelt es sich um ein sehr dünn besiedeltes Gebiet zusammenhängender Sanddünen. Landschaftlich äußerst pittoresk, aber für das Chasen nur bedingt geeignet, weil man nicht mehr so weit in die Landschaft schauen kann. In dem Falle aber egal. Ein geeigneter Aussichtspunkt wurde gefunden. Dort formte sich anschließend eine veritable Gewitterlinie aus, die natürlich in allen Formen und Farben abgelichtet wurde.

Eine Reise in die Great Plains 1

Gewitter über den Nebraska Sandhills mit Blitzeinschlag, 02.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch

Morton, Texas, 05.06.25

Wenige Tage später ist man wieder in zurück in Texas. Nachdem der Vortag mit eher mäßigen Lagen rumgebracht wurde, sollte es an diesem Tag wieder zur Sache gehen. Am Ende stand eine monströse Superzelle, die sämtliche Erwartungen übertroffen hatte. Quasi nahezu mit Eintreffen vor Ort bildete sich ein riesiger sogenannter Wedge-Tornado aus. „Wedge” bedeutet hier, dass der sichtbare Teil des Tornados breiter als hoch ist. Dazu zog die Zelle genau parallel zu dem Highway, auf dem man sich positioniert hatte. So ließ sich das „Gerät” perfekt ablichten – wären da nicht der ganze Staub und Dreck von den Feldern gewesen, den es einem um die Ohren pfiff und der die Sicht deutlich einschränkte. Eine harte Belastungsprobe auch für das fotografische Equipment. Später ging es in Richtung der nahegelegenen Großstadt Lubbock, da die Zelle genau auf die Stadt zuzog. Dementsprechend wurde dort auch vor einem Tornado gewarnt, woraufhin eine Fluchtbewegung der Bevölkerung einsetzte. Glücklicherweise löste sich der Tornado noch in den ersten Vororten auf, sodass größere Schäden ausblieben.

Eine Reise in die Great Plains 2

Wedge-Tornado bei Morton, TX, 05.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch

Eine Reise in die Great Plains 3

Die Superzelle zu einem späteren Zeitpunkt nahe Lubbock, TX, 05.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch

Texline, Staatsgrenze Texas/Oklahoma, 08.06.2025

Wenn man denkt, dass man jetzt aber wirklich alles gesehen hat… wird man von Mutter Natur natürlich eines Besseren belehrt. Der 08.06. sollte der Sechser mit Superzahl im Stormchaser-Lotto werden. Könnte einem das nur mal jemand vorher verraten… Mittlerweile spielte die Musik im sogenannten „Oklahoma Panhandle”. So heißt der schmale Streifen des Staatsgebietes von Oklahoma, der weit nach Westen reicht und auf der Karte eben aussieht wie ein Pfannenstiel. Bereits in den Vormittagsstunden hatten sich entlang einer Konvergenzlinie im Osten des Panhandles zahlreiche Gewitter gebildet, die das Interesse der Chaser-Community (von manchen auch spaßeshalber „Die Horde” genannt) auf sich zog. Unsere Gruppe aber hatte andere Pläne. Denn die synoptischen Parameter zeigten vielversprechendes für den Westen des Panhandles. Das wurde auch durch die Vorhersagen und Diskussionen des Storm Prediction Centers bestätigt, deren Produkte man natürlich trotzdem auch immer mit zu Rate zieht. Die dortigen Kollegen und Kolleginnen haben einfach einen riesigen Erfahrungsschatz bei der Gewitter- und Tornadovorhersage. Zwar war die Wahrscheinlichkeit für die Gewitterbildung nicht so hoch, wie im Osten des Pfannenstiels. Aber wenn sich eine Zelle bilden würde, dann… ja dann…
Tatsächlich war es wenig später auch soweit und die ersten Radarsignale zeigten vielversprechende Signale. Also aufs Gaspedal gedrückt (10 mph über Tempolimit sind dort übrigens völlig normal) und hin da! Knapp huschten wir noch am Hagelkern einer mittlerweile ausgewachsenen Superzelle vorbei, um anschließend von Süden her direkt in den rotierenden Aufwindturm schauen zu können. Was dann passierte, davon kündigen die nachfolgenden Bilder. Der große Clou: Außer unserer Truppe war quasi kein anderer Stormchaser zugegen. Die Straße von und zu der Zelle war fast völlig verwaist. Der Beweis, die Silbernadel im großen Gewitterheuhaufen gefunden zu haben.

Eine Reise in die Great Plains 4

Freistehender Tornado an einer Superzelle nahe Texline, Grenze OK/TX, 08.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch

Eine Reise in die Great Plains 5

Freistehender Tornado an einer Superzelle nahe Texline, Grenze OK/TX, 08.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch

Eine Reise in die Great Plains 6

In Auflösung begriffener Tornado (sog. „Rope out”), 08.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch

Meteorologe M.Sc. Felix Dietzsch

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 29.08.2025
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Tropisch oder nicht, das ist hier die Frage! – Teil 2

In Teil 1 im Thema des Tages vom 26.08.2025 haben wir die CPS-Diagramme kennengelernt. Mit diesen kann zwischen tropischen und nicht-tropischen Eigenschaften eines Sturms unterschieden werden. Am Beispiel von ALEX soll nun die Entwicklung anhand dieser Diagramme nachvollzogen werden. Wer sich diese als Animation anschauen möchte, kann dies mit untenstehendem Link tun.

Am 7. Januar 2016 bildete sich ein erstes Tief auf dem Atlantik nordwestlich der Bahamas. Im CPS-Diagramm ist dieser Punkt mit einem „A“ gekennzeichnet. Das Tief war als außertropische Zyklone klassifiziert, besaß also einen kalten Kern und ein hohes Maß an Asymmetrie. Im ersten CPS-Diagramm ist es dementsprechend im linken oberen Quadranten verortet.

Tropisch oder nicht das ist hier die Frage

Erstes (links) und zweites (rechts) CPS-Diagramm des Sturms ALEX (2016)

In den nächsten Tagen wanderte es in nordöstliche Richtung weiter. Am 10. Januar hatte das System schon einen flachen warmen Kern ausgebildet (2. CPS-Diagramm rechts unten). Es erreicht sogar Windgeschwindigkeiten von 65 Knoten (~120 km/h), nach der Saffir-Simpson-Skala würde das für einen Hurrikan Stufe 1 reichen. Jedoch zeigte die Struktur noch nicht genügend tropische Eigenschaften. Das sollte sich aber noch ändern.

Durch eine blockierende Atmosphärendynamik änderte sich die Zugrichtung auf Südost. Der Sturm wurde dadurch über einen für diese Jahreszeit ungewöhnlich warmen Ozean gesteuert (Oberflächentemperatur ~23°C). Unter anderem kombiniert mit einer schwachen Windscherung, wurden die Umgebung zunehmend günstiger für die Entwicklung eines tropischen Wirbelsturms.

Am 12. Januar war ALEX offiziell ein subtropischer Sturm, der sowohl tropische als auch nicht-tropische Eigenschaften aufweist. Ab dem 14. Januar 8 Uhr hatte er den Status eines Stufe 1-Hurrikans. In unseren CPS-Diagrammen ist zu erkennen, dass er eine symmetrische Struktur ausgebildet hatte und einen hochreichenden warmen Kern besaß. Die Umwandlung eines außertropischen Sturms in einen tropischen wird übrigens „Tropische Umwandlung“ genannt. Die höchsten Windgeschwindigkeiten von 75 Knoten (~140 km/h) erreichte er etwas später im Tagesverlauf.

Tropisch oder nicht das ist hier die Frage 2

Satellitenbild von ALEX als außertropische Zyklone am 10.01.2016 (links) und als Hurrikan am 14.01.2016 (rechts)

Dann jedoch driftete er zunehmend nach Norden. Dadurch schwächte er sich wieder ab und verlor nach und nach seinen tropischen Charakter. In den CPS-Diagrammen gut nachzuvollziehen, ist erkennbar, wie sein warmer Kern flacher und der Aufbau asymmetrischer wurde (1. CPS-Diagramm, von rechts unten nach rechts oben, 2. CPS-Diagramm andersherum). Danach vollzog sich die „Außertropische Umwandlung“ bis zum Abend des 15. Januar komplett und er war nicht mehr tropisch. Am 17. Januar verschwand er schließlich gänzlich (Verlauf bis zum „Z“ in den Diagrammen).

Zum Glück hielten sich die angerichteten Schäden in Grenzen. Zu Beginn seiner Reise führte er zu Sturm und Regen in Bermuda. Die Azoren hatten am 15. Januar mit Regenfällen und teils schweren Sturmböen zu tun.

Die Entwicklung eines Hurrikans so früh Anfang des Jahres ist sehr ungewöhnlich. Die atlantische Hurrikansaison beginnt eigentlich am 1. Juni und endet am 30. November. Nur eine Handvoll Tropenstürme erreichten im Januar Hurrikanstärke. Ein Beispiel ist der Hurrikan ALICE, welcher sich allerdings am 30. Dezember 1954 bildete und sich über den Jahreswechsel und im Januar 1955 intensivierte.

M.Sc. Fabian Chow
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 28.08.2025
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Erst sommerlich, dann regnerisch

Wer gestern Nachmittag im Freien unterwegs gewesen ist, hat oft sommerliches Wetter vorgefunden. Die Temperaturen haben sich nochmal einen Ruck gegeben und es gab durchaus Orte an denen die 30-Grad-Marke erreicht worden ist. Dafür verantwortlich war das Hoch MAREIKE, das diese Erwärmung ermöglicht hat und nun über Südosteuropa liegt. Gleichzeitig befindet sich über dem Atlantik, etwas nordwestlich von Irland der ehemalige Hurrikan „Ex-ERIN“. Zwischen diesen Druckgebilden wird auch heute noch aus Südwesten warme Luft herangetragen. Für die heutigen Tageshöchsttemperaturen bedeutet dies, dass es verbreitet einen Sommertag geben wird, also 25°C erreicht werden. Vereinzelt können es auch 30°C werden. Der äußerste Norden muss sich mit etwas kühleren Temperaturen begnügen. Der Temperaturtrend zeigt aber auch allgemein in den nächsten Tagen nach unten.

Doch darf man nicht außer Acht lassen, dass die einfließende Luftmasse sehr feucht ist. Ihnen ist bestimmt nicht entgangen, dass die letzte Nacht deutlich wärmer war als die am Wochenende. Das hängt damit zusammen, dass die Taupunkte gestiegen sind und es dadurch nicht so stark auskühlen kann.

Zudem sind deutlich mehr Wolken unterwegs und es steht ein regnerischer Wetterabschnitt bevor. Dieser beginnt damit, dass aus Südwesten schauerartige Regenfälle aufziehen. Teilweise sind diese auch gewittriger Natur und gehen einher mit Starkregen, stürmischen Böen und kleinkörnigem Hagel. In der Nacht zum Donnerstag weitet sich diese Gewittertätigkeit bis in die mittleren oder sogar nordöstlichen Landesteile aus. Etwa ab der zweiten Nachthälfte kommt aus Südwesten zusammen mit einer Kaltfront ein weiterer Schwall an Niederschlägen heran. Durch den hohen Feuchtegehalt der Luftmasse ist dann insbesondere im Südwesten Baden-Württembergs mit (mehrstündigem) Starkregen zu rechnen. Das ICON-D2-Ensemble zeigt dort zudem eine Wahrscheinlichkeit (bis zu 30%) für über 35mm Regen in sechs Stunden. Das bedeutet nach den Kriterien des Deutschen Wetterdienstes Unwetter!

Am morgigen Tag kommen das Regenband bis in den Nordosten Deutschlands voran. Schauerartig verstärkte Regenfälle, die teilweise auch mit Gewittern gespickt sind, treten besonders in einer Linie von Baden-Württemberg über Franken, Thüringen, Sachsen-Anhalt bis nach Mecklenburg-Vorpommern auf. Der Fokus liegt dabei sicherlich auf dem Starkregen. Eine gewisse Unwettergefahr besteht diesbezüglich erneut, wobei die genaue Lage der intensivsten Regenfälle noch unsicher ist.

Im Laufe des Abends beziehungsweise in der Nacht zum Freitag wandert der nördliche Teil der, immer noch teils kräftigen, Niederschläge nach Nordosten. Der südliche Teil nach Südosten. Von den Benelux-Ländern, aber auch aus der Schweiz heraus kommen abermals kräftige Niederschläge nach Deutschland herein. Diese ziehen über den Nordwesten beziehungsweise den Süden des Landes.

Erst sommerlich dann regnerisch

Gesamtregenmengen des ICON-D2-Modells von heute, 27.08.2025 11 Uhr bis Freitag, 29.08.2025 8 Uhr

Danach wird es voraussichtlich wechselhaft weitergehen, somit sind die sommerlichen Temperaturen passé. Dafür kann man sich vorerst eher nicht über mangelnde Spannung im Wettergeschehen beklagen! Wem diese nassen Aussichten dennoch nicht reichen, kann einen Blick in die Alpen werfen. Durch die permanente Anströmung der Berge wird die Luft regelrecht „ausgequetscht“ und dabei können in den nächsten Tagen immense Mengen (nach ICON-D2 stellenweise >200mm bis Freitagmorgen) zusammenkommen.

Meteorologe M.Sc. Fabian Chow
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 27.08.2025

 

Tropisch oder nicht, das ist hier die Frage! – Teil 1

In den letzten Wochen ist der Name „ERIN“ immer wieder in den Themen des Tages aufgetaucht. Anfangs ein tropischer Wirbelsturm, der sogar zeitweise als ein Hurrikan der Stufe 5 kategorisiert worden war, ist er inzwischen bekannt als „Ex-ERIN“. „Ex“, weil er nun nicht mehr tropisch ist. Da stellt sich doch die Frage, woran das festgemacht wird?

Dieser Frage soll im heutigen Thema des Tages mit Hilfe von sogenannten CPS-Diagrammen etwas nachgegangen werden. CPS steht dabei für „Cyclone-Phase-Space“ (zu Deutsch: Zyklonen-Phasenraum). Ein solches Diagramm besteht eigentlich aus zwei einzelnen Diagrammen. Ein Beispiel für den Sturm ALEX aus dem Jahr 2016 ist unten zu finden.

Tropisch oder nicht das ist hier die Frage 1

erstes CPS-Diagramm des Sturms ALEX (2016)

Um diese Darstellung „lesen“ zu können, muss man wissen, dass sich der Aufbau tropischer und nicht-tropischer Stürme fundamental unterscheidet. Die in unseren Breiten auftretenden Systeme, lassen sich dadurch erkennen, dass sie ein Frontensystem haben. Das heißt uns wohl bekannte Kalt- und Warm- (und Okklusions-)fronten sprießen aus dem Tief heraus. Ihr Aufbau ist dementsprechend stark geprägt von asymmetrischen, warmen und kalten, Bereichen, die um den Tiefkern herumwandern. Und da wären wir direkt beim nächsten Merkmal: Dem Kern. Das Gebiet mit dem niedrigsten Bodendruck wird Kern genannt. Die dort herrschende Temperatur ist in solch einem System geringer als drumherum.

Im Kontrast dazu stehen die tropischen Eigenschaften. Diese zeichnen sich durch eine hohe „Rotationssymmetrie“ aus. Das heißt, sie haben einen kreisrunden Aufbau um das Zentrum herum, in dem sich das sogenannte „Auge“ des Sturms befindet. Zugleich besitzen tropische Wirbelstürme einen warmen Kern.
Zurück zu unserem CPS-Diagramm (Bild 1). Auf der y-Achse befindet sich der B-Parameter. Allgemein beschreibt er das Maß an Asymmetrie, das das System besitzt. Je höher dieser Wert, desto frontaler ist der Aufbau. Auf der x-Achse befindet sich ein Parameter, der angibt, wie warm der Kern in der unteren Troposphäre ist. Hier gilt, je kleiner der Wert, desto kälter der Kern.

Mit diesen Informationen, können wir nun vier Bereiche unterscheiden, die durch die breiten grauen Streifen voneinander getrennt sind. Links oben befinden sich asymmetrische Systeme mit kaltem Kern, also unsere außertropischen Zyklone. Rechts unten befinden sich die tropischen Stürme, die einen warmen Kern und einen symmetrischen Aufbau besitzen. Die anderen beiden Bereiche sind Mischformen, sogenannte Hybridzyklonen, die sowohl tropische als auch außertropische Merkmale besitzen.

Das zweite dazugehörige Diagramm (Bild 2) zeigt auf der x- und y-Achse die Temperatur des Kerns. Der Unterschied ist, dass auf der y-Achse die höhere Troposphäre betrachtet wird, auf der x-Achse die untere. Hinter dieser Idee steckt, dass man somit darstellen kann, ob der Sturmkern auch in größerer Höhe stark ausgeprägt ist. Eine erneute Kategorisierung bringt: Rechts oben einen hochreichenden und rechts unten einen nur flachen warmen Kern. Dementsprechend links unten einen hochreichenden und links oben einen flachen kalten Kern.

Tropisch oder nicht das ist hier die Frage 2

zweites CPS-Diagramm des Sturms ALEX (2016)

Wenn Sie mögen, können Sie nun schon einmal anhand der beiden Diagramme versuchen, den Verlauf der Eigenschaften des Sturms ALEX nachzuvollziehen. Hierbei markiert „A“ den Startzustand in der Nähe von Florida und „Z“ das Ende der Zugbahn südlich von Grönland. Mit dem untenstehenden Link, können Sie sich auch durch den Lebenszyklus klicken. Eine Fortsetzung und Erklärung anhand dieses Sturms wird es aber im Laufe der nächsten Tage geben.

M.Sc. Fabian Chow
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 26.08.2025
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Der Landgang eines Tropensturms

Wir befinden uns ja aktuell mitten in der Hurrikansaison 2025 und hatten bisher glücklicherweise nur zweimal von einem Landgang zu berichten – Ende Juni traf Tropensturm Barry im Süden von Texas an Land sowie Chantal Anfang Juli im Südosten der USA.

Tropische Stürme sind beeindruckende Energiebündel, die sich meist über den tropischen Meeren bilden und im Zusammenspiel mit warmem Meerwasser, einer nur geringen Zunahme des Windes mit der Höhe (Windscherung) sowie mit einer feuchten Troposphäre innerhalb weniger Tage nicht selten rasant an Kraft zulegen können. Manchmal passieren die heftigsten Intensivierungsschübe innerhalb nur weniger Stunden und lassen die diensthabenden Meteorologen vor Ort gehörig ins Schwitzen kommen. Häufig sind es diese Phasen im Leben eines tropischen Sturms, wo medial (besonders international) noch eher wenig berichtet wird. Meist steigt das Interesse der Medien verständlicherweise deutlich an, sobald sich so ein Tropensturm einer bewohnten Insel oder einer Landmasse nähert.

Nicht nur bei der Intensivierung eines Tropensturms greifen zahlreiche Mechanismen, die sich im ungünstigsten Fall gegenseitig aufschaukeln können und die Rate der Verstärkung diktieren. Auch beim Landgang eines tropischen Sturms wird nicht automatisch (wenigstens zeitnah) eine Abschwächung eingeläutet. Diese Unsicherheiten lassen nicht selten die numerischen Verfahren bzw. die diensthabenden Meteorologen verzweifeln.

Der sicherlich bekannteste Effekt beim Landgang eines Tropensturms ist der sogenannte „brown ocean effect, BOE“, der im Zuge einer NASA Studie aus dem Jahr 2013 seinen Platz in zahlreichen Auswertungen fand. Dieser Effekt beschreibt grob beschrieben eine verzögerte Abschwächung bzw. temporär gar eine erneute Intensivierung über Land. Hierfür muss aber die richtige Bodenbeschaffenheit vorhanden sein, die neben eines sehr hohen Feuchtegehalts auch eine hohe Verdunstungsrate ermöglicht. Letztendlich muss eine anhaltende und kräftige Wolken- und Niederschlagsbildung gewährleistet sein, um den Motor des tropischen Systems auch über Land am Laufen zu halten.

Der Landgang eines Tropensturms 1

Abb 1: Radarbild des ehemaligen Tropensturms ERIN, der sich 2007 über Oklahoma (USA) und somit über Land vorübergehend intensivieren konnte.

Diese Beobachtungen gingen dabei auf Untersuchungen eines tropischen Systems zurück (Tropensturm ERIN), das sich nach der Passage über Texas Mitte August 2007 über Oklahoma plötzlich erneut intensivierte (siehe Abbildung 1). Durch die Interaktion der Reste von Ex-ERIN mit einer außertropischen Störung (einer Kurzwelle), konnte sich Ex-ERIN über Oklahoma vorübergehend deutlich strukturieren. Über mehrere Stunden traten an einigen Stationen anhaltende Winde von Bft 9 bis 10 auf, inklusive einzelner Orkanböen (Bft 12). Noch dramatischer jedoch waren die Zunahme und Intensivierung der hochreichenden Konvektion mit der temporären Ausbildung eines Auges, sodass regional mehr als 200 l/m2 Niederschlag in kurzer Zeit fiel. Dabei sorgte dieser Entwicklungsschub von Ex-ERIN für mehr wetterbedingte Todesopfer als zur Zeit seines Landgangs im Süden von Texas als waschechter Tropensturm.

Etwas versteckt kann so ein Prozess auch in Form eines langlebigen mesoskalig konvektiven Wirbels (engl. Mesoscale convective vortex, MCV) ablaufen, der pulsierend als Rest eines an Land gegangenen Tropensturms besonders ab den Abendstunden regional heftige Niederschläge und teils auch Böen bis weit ins Landesinnere trägt. Das tragische Beispiel eines solchen Ereignisses wurde im Thema des Tages vom 13.07.2025 beschrieben.

Es gibt aber noch einige andere Faktoren, die den Landgang eines Tropensturms nicht selten unberechenbar bzw. schwer vorhersagbar machen.

Der Tropensturm ist ja ein sich rasch drehendes System, bestehend aus sehr schnell um ein Zentrum wirbelnder Winde, die somit ein hohes Maß an Wirbelhaftigkeit bzw. Rotation aufweisen, im engl. unter dem Begriff „Vorticity“ bekannt. Über Wasser, wo das tropische System keine Landmassen oder aber andere meteorologische Faktoren wie Fronten oder Tröge (mit hoher Windscherung) stören, ist so ein Sturm meist durch eine symmetrische, nahezu kreisrunde Verteilung der Vorticity auszumachen. Mittlerweile können sehr hochaufgelöste numerische Simulationen gar diese Vorticity weiter auflösen in unzählige, sich um das Zentrum windende Vorticity-Fragmente und Schlieren. Der Einfachheit halber aber sehen wir den Sturm als eine einheitliche Rotationsmasse an.

Trifft der Sturm nun an Land, so wird natürlich auch erst ein Teil des Sturmes durch die Interaktion mit dem Land negativ bzw. positiv beeinflusst.

Negativ, weil das Windfeld und die begleitende Rotation durch die Interaktion mit der Landmasse in dem Bereich regelrecht fragmentiert bzw. vereinfacht gesagt stark gestört wird. Das hat meist eine Abnahme der Symmetrie und regional auch der intensiven Konvektion zur Folge und kann sich z.B. sehr kurzfristig auf die Verlagerung eines Sturmes auswirken. Fachlich wird das u.a. als „trochoidal motion“ bezeichnet und kann z.B. durch eine asymmetrische Verteilung der Vorticity bzw. der begleitenden intensiven Konvektion hervorgerufen werden (neben weiteren Einflüssen). Bereits kleinste Abweichungen des Zentrums von der vorhergesagten Zugbahn können dabei enormen Einfluss z.B. auf Evakuierungszonen haben. Auch das Ausmaß der küstennahen Überflutung wird bedeutend von der exakten Zugbahn beeinflusst, weshalb es immer besser ist, die evakuierten Bereiche etwas gröber zu fassen.

Wiederholt tritt dieser Effekt in beeindruckender Weise vor Taiwan auf. Wenn die Taifune hier aus südöstlicher Richtung auf die Insel treffen, ergeben sich durch den Einfluss der bergigen Region nicht selten beeindruckende Abweichungen von der vorhergesagten Verlagerung. Nicht selten werden gar Loopings beobachtet. Dies kann man in Abbildung 2 erkennen, wo einige dieser Zugbahnen übereinandergelegt wurden.

Der Landgang eines Tropensturms 2

Abb 2: Zugbahn von einigen tropischen Systemen vor Taiwan.

Positiv (mit Blick auf den Organisationsgrad des Sturmes) kann sich die Landinteraktion aber auf die Konvektionsbänder auswirken, die einen ausgewachsenen Sturm in den meisten Fällen begleiten. Durch die vorübergehend verstärkte Konvergenz entlang der Küste wird die Konvektion innerhalb der Bänder zeitnah intensiviert, was nicht nur die Regenraten erhöht, sondern auch das Potenzial für höhere Windgeschwindigkeiten verstärkt. Dies kann sich natürlich ebenfalls auf die ggf. noch nicht abgeschlossene Evakuierung auswirken, denn nicht selten sorgen bereits diese Bänder weit abseits vom eigentlichen Sturm für die ersten umgeknickten Bäume oder unterbrochenen Stromleitungen.

Ansonsten kann man aber natürlich unter dem Strich sagen, dass über kurz oder lang die innere Struktur eines Tropensturms beim Landgang nachhaltig degradiert wird, was einen mehr oder weniger schnellen Abschwächungstrend induziert. Dieser findet umso nachhaltiger statt, je höher die störende Orografie ist. Eine zunehmende Windscherung, fehlendes Wasser bzw. auch zunehmende Windscherung und/oder trockenere Luftmassen sorgen dann in der Folge für eine Abschwächung des tropischen Sturms bzw. bei weit nordwärts ausgreifenden Zugbahnen auch für eine außertropische Umwandlung.

Der Landgang eines Tropensturms 3

Abb 3: Vergleich von zwei Mikrowellenbildern mit Fokus auf der Entwicklung des Auges von Taifun KAJIKI.

Aktuell trifft der Taifun KAJIKI auf das südliche Nordvietnam, bringt den Regionen Orkanböen und heftigen Regen, bevor sich der Sturm unter zügiger Abschwächung über dem Norden von Laos und Thailand bzw. im Osten von Myanmar auflöst, dort allerdings heftige Regenfälle mit der Gefahr von Sturzfluten und Erdrutschen auslöst. Nicht selten fallen solche Auflösungsprozesse über bergigen Landmassen schadensträchtiger aus als der eigentliche Landgang, was leider auch die Anzahl der Todesopfer betrifft. Auch bei diesem Sturm konnte ein Einfluss der Landnähe (allerdings ohne direkten Landgang) beobachtet werden. In Abbildung 3 ist zu sehen, wie sich die Augenwand während der Passage knapp südlich der Insel Hainan immer weiter intensivieren und das Auge gar schließen konnte. Dabei erkennt man die Konvektion vor allem durch die rote bis schwarze Einfärbung, was auf der Farbskala entsprechend niedrige Temperaturwerte darstellt. Hier spielte sicherlich neben weiteren Mechanismen auch die verstärkte Konvergenz zwischen KAJIKI und Hainan eine Rolle, die für eine Intensivierung der Gewitter im Nordrand der Augenwand sorgte.

Es bleibt nun zu hoffen, dass das Ausmaß der Zerstörung durch den Taifun überschaubar bleibt.

Dipl.-Met. Helge Tuschy
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 25.08.2025
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Ein letztes Aufbäumen des Hochsommers

Für Frühaufsteher mutete der heutige Morgen bereits leicht frühherbstlich an. In vielen Regionen gab es einstellige Tiefstwerte, nur an den Küsten und den tiefen Lagen des Südens bliebt es mit über 10 Grad etwas milder. In Bodennähe (gemessen in 5 cm Höhe) gab es besonders im Mittelgebirgsraum schon leichten Frost. Wie bereits im gestrigen Thema des Tages beschrieben, dominiert nun der Einfluss des Hochdruckgebiets MAREIKE. Dabei kann sich die eingeflossene kühle Luftmasse langsam wieder erwärmen. Bereits heute Nachmittag steigt die Temperatur vielerorts über die Marke vom 20 Grad, nur im Norden und in manchen Mittelgebirgslagen bleibt es etwas kühler. Doch reicht es in den kommenden Tagen nochmals für eine sommerliche Witterung?

Diese Frage kann mit einem eindeutigen „Ja“ beantwortet werden. Die Gleise für die aktuelle Wetterentwicklung wurden bereits vor knapp zwei Wochen in weit entfernten Gefilden gelegt. Am 11. August entwickelte sich vor der Westküste Afrikas der Tropische Sturm ERIN (etwa bei den Kapverdischen Inseln). In weiterer Folge zog dieser weiter in Richtung Karibik, drehte aber kurz davor nach Norden ab. Ein Glück für die dortigen Inselbewohner, denn er wurde kurzzeitig sogar mit der höchsten Kategorie 5 eingestuft. Auf dem Nordatlantik wandelte er sich schließlich in ein außertropisches Sturmtief um und ist in den heutigen Wetterkarten weit westlich von Irland zu finden. Doch seine Mission ist noch nicht zu Ende. Mit weiterer Ostverlagerung sorgt er zunehmend dafür, dass eine sehr warme Luftmasse aus Südwesteuropa nach Deutschland gelenkt wird.

Ein letztes Aufbaeumen des Hochsommers 1

Tageshöchstwerte und Wetter am Mittwoch, den 27.08.2025

Besonders am Dienstag und Mittwoch wird der Höhenpunkt der Warmluftzufuhr erwartet. In weiten Teilen Deutschlands wird dabei die Marke von 25 Grad deutlich überschritten, am Oberrhein sind sogar knapp 30 Grad möglich. Etwas länger gedulden müssen sich die Bewohnerinnen und Bewohner im Nordosten, dort kommt die Luft von der Iberischen Halbinsel erst am Mittwoch an. Abseits der unmittelbaren Küstengebiete gibt es schließlich auch dort nochmal einen klassischen „Sommertag“ mit mindestens 25 Grad.

Doch EX-ERIN hat ein enormes Durchhaltevermögen und weitet seinen Tiefdruckeinfluss in der zweiten Wochenhälfte auf Mitteleuropa aus. Dabei kommt ihm vielleicht auch ein „kleiner Bruder“ zur Hilfe. An seiner Südwestflanke könnte sich nämlich ein kleines Tief bilden, das sich ab Freitag auf Mitteleuropa auswirken würde. Über den detaillierten Ablauf sind sich die Wettermodelle zwar noch nicht einig, aber der Pfad zu verstärktem Tiefdruckeinfluss scheint in der Modellwelt schon gut ausgetreten zu sein. Mit diesem geht auch die Heranführung von deutlich kühlerer Meeresluft einher.

Ein letztes Aufbaeumen des Hochsommers 2

Temperaturverlauf für ausgewählte Städte bis Samstag, den 30.08.2025

Fans des Hochsommers müssen sich also so langsam damit abfinden, dass die Ausgabe 2025 im Laufe der kommenden Woche zu Ende geht. Denn nicht nur die Temperaturen legen den Rückwärtsgang ein, es wird auch deutlich wechselhafter mit Regenfällen und teils windigen Abschnitten. Allerdings kann es auch im weiteren September nochmal viel Sonne und Wärme geben, dann aber wahrscheinlich eher in der Kategorie „Spätsommer“ oder „Frühherbst“.

Mag.rer.nat. Florian Bilgeri
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 24.08.2025
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Hoch „Mareike“ sorgt für ruhiges Wetter

Am heutigen Samstag (23. August 2025) liegt Deutschland noch zwischen zwei Druckgebilden. Westlich von uns erstreckt sich Hoch „Mareike“ mit seinen beiden Schwerpunkten von Großbritannien bis zu den Färöer-Inseln. Östlich von Deutschland findet man hingegen tiefen Luftdruck auf den Wetterkarten. Insbesondere Tief „Severin“ mit Kern über dem Baltikum und der Ostsee sorgt heute noch für viele Wolken, insbesondere in der Nordosthälfte auch für einige Schauer. Zudem sorgt kalte Höhenluft und die Nähe zum Tief im Nordosten tagsüber sogar für einzelne Graupelgewitter. Diese können aufgrund der trockenen Grundschicht lokal sogar mit stürmischen Böen einhergehen. Aber auch bei nicht-elektrischen Schauern können Windböen auftreten.

Hoch Mareike sorgt fuer ruhiges Wetter 1

Ausschnitt der Warnkarte des Deutschen Wetterdienstes vom 23. August 2025 um 09:59 Uhr. (Quelle:DWD)

Zwischen beiden Druckgebilden herrscht darüber hinaus eine nördliche Strömung, mit der bereits in den vergangenen Tagen deutlich kühlere Luft nach Deutschland strömte. So muten die heutigen Tageshöchstwerte mit 16 bis 23 Grad nicht gerade sommerlich an. Für die Jahreszeit sind die aktuellen Höchsttemperaturen im Vergleich zum klimatologischen Mittel etwas zu tief.

Hoch Mareike sorgt fuer ruhiges Wetter 3

DWD-Vorhersagekarte für den Bodendruck und die Luftmassengrenzen im Bereich von Europa und dem Nordostatlantik für Samstag, den 23. August 2025, 14 Uhr MESZ auf Basis des ICON-Modelllaufs vom 22. August 2025, 00 UTC. (Quelle:DWD)

Am Sonntag und Montag verlagert Hoch „Mareike“ seinen Schwerpunkt genau über Deutschland hinweg und beruhigt das Wettergeschehen. Gleichzeitig schwindet der Einfluss von Tief „Severin“. So kommt es nur noch im Küstenumfeld zu dichteren Wolkenfeldern und vereinzelten Schauern. Sonst scheint wieder zunehmend die Sonne und die Luft kann sich etwas erwärmen. Am Sonntag werden am Hochrhein möglicherweise die 25 Grad erreicht. Am Montag steigt das Thermometer noch etwas höher. So wird es zumindest in der Südwesthälfte wieder sommerlicher.

Hoch Mareike sorgt fuer ruhiges Wetter 4

DWD-Vorhersagekarte für den Bodendruck und die Luftmassengrenzen im Bereich von Europa und dem Nordostatlantik für Montag, den 25. August 2025, 14 Uhr MESZ auf Basis des ICON-Modelllaufs vom 23. August 2025, 00 UTC. (Quelle:DWD)

Vor allem in der Nacht zum Sonntag sowie in der Nacht zum Montag zeigt sich in den östlichen Mittelgebirgen aber ein weiteres Phänomen, das den fortgeschrittenen Sommer widerspiegelt. In Mulden und Senken kann die bodennahe Temperatur (gemessen 5 cm über dem Erdboden) Werte um 0 Grad annehmen, sodass vereinzelt leichter Frost in Bodennähe nicht ausgeschlossen werden kann.

Ein weiteres, markantes Druckgebilde auf den Wetterkarten fällt derzeit ins Auge: Der ehemalige Hurrikan „Ex-Erin“ zieht aktuell über dem Nordatlantik in Richtung Island und beeinflusst in der kommenden Woche unser Wetter. Was „Ex-Erin“ für Deutschland im Gepäck hat und ob der ehemalige Tropensturm den Sommer zurückbringt, das erfahren Sie am morgigen Sonntag hier im Thema des Tages.

MSc-Meteorologe Sebastian Schappert
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 23.08.2025
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Die Gänseblümchenwelt – Teil 2

In Teil 1 haben wir gesehen, dass sich ein Planet, auf dem nur weiße und schwarze Gänseblümchen wachsen können, bis zu einem gewissen Grad selbst regulieren kann. Auch äußere Einflüsse wie zum Beispiel stärkere Sonneneinstrahlung können durch unterschiedlichen Rückstrahl-Eigenschaften des Bewuchses abgefedert werden und eine recht stabile Temperatur auf dem Planeten gewährleisten.

Nun soll es um weitere Modifikationen des ursprünglichen Modells gehen. Man kann beispielsweise die Anzahl an unterschiedlichen Arten von Gänseblümchen ändern. Dabei ist das Ergebnis am Ende jedoch immer gleich; nämlich, dass im Endzustand nie mehr als zwei Arten vorhanden sind.

Eine andere Möglichkeit ist, dass es neben den Daisys z.B. noch „Tiere“ wie Kaninchen oder Füchse gibt, die die Rolle eines Pflanzen- oder Fleischfressers übernehmen. Das Ergebnis dieser Experimente ist zwiespältig. Unter bestimmten Bedingungen haben diese Veränderungen zur Folge, dass sich die Selbstregulierung des Planeten etwas verschlechtert. Andere jedoch zeigen, dass sich zusätzliche Komplexität positiv auf das ganze System auswirkt (Wood et al., 2006).

Eine weitere Idee ist, noch andere Arten von Pflanzen, die sich auf Kosten der Gänseblümchen vermehren, zuzulassen. Diese haben aber den Effekt, dass sie am Ende die ursprünglichen Daisys verdrängen und das ganze System destabilisieren.

Kommen wir zurück zu unserer Erde. Wir wissen, dass die Erdoberfläche etwa zu zwei Dritteln von Wasser bedeckt ist. Was würde mit den Meeren passieren, wenn die Einstrahlung unserer Sonne verringert oder gar komplett ausgeschaltet würde?

Wasser hat eine hohe spezifische Wärmekapazität und damit die Fähigkeit, viel Wärme zu speichern. Ozeane würden daher nur langsam auskühlen und der planetaren Abkühlung zunächst entgegenwirken. Ab einem kritischen Punkt fingen sie aber an zu gefrieren. Schließlich wäre der Planet vollständig vereist. Hypothesen bezüglich einer solchen „Schneeballerde“ besagen, dass sie vor etwa 600 Millionen Jahren tatsächlich existiert haben könnte. Die Datenlage zur Stützung dieser Hypothese ist jedoch ziemlich dürftig.

Die Gaensebluemchenwelt 2

Schneeballerde

Problematisch an dieser Idee ist zudem, dass die gestern beschriebene Albedo eine positive Rückkopplung bewirkt. Sie erhöht sich bei zunehmender Vereisung der Oberfläche. Dementsprechend wird mehr Einstrahlung reflektiert, wodurch es noch kälter wird, was wiederum den Vereisungsvorgang beschleunigt.

Ein anderer Aspekt unseres Klimas muss demnach diese Kälteperiode beendet haben: Es ist der berühmt-berüchtigte Treibhauseffekt. Starke Vulkanaktivität hat enorme Mengen an CO₂ ausgestoßen und dadurch die Erdatmosphäre erwärmt.

Leider ist dieser Begriff heutzutage oftmals negativ konnotiert. Dabei ist er überlebenswichtig für uns Menschen! In der heutigen Zeit liegt die mittlere Oberflächentemperatur weltweit bei etwa +15°C. Ohne diesen wärmenden Schutzmantel aus Gasen läge sie bei rund -18°C!

In den heutigen Klimamodellen spielen natürlich Rückkopplungen, wie der oben im umgekehrten Fall beschriebene Eis-Albedo-Effekt, eine wesentliche Rolle. Leider ist das Erdklima nicht so einfach gestrickt. In der aktuellen Klimaforschung bestehen trotz stetigen Fortschritts daher immer noch Wissenslücken angesichts der Fülle an komplexen Wechselwirkungen von Land, Vegetation, Ozeanen und Atmosphäre. Aktuellster Forschungsgegenstand sind zum Beispiel die Auswirkungen sich verändernder Bewölkungsverhältnisse in den Polarregionen.

MSc.-Met. Fabian Chow
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 22.08.2025
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Der Gänseblümchenplanet – Teil 1

Stellen Sie sich einen erdähnlichen Planeten vor, der nur mit Land bedeckt ist … und auf dem nur Gänseblümchen wachsen. Sie denken jetzt vielleicht, schön und gut, das ist ja eine nette Idee, aber wozu könnte man die benutzen?

James Lovelock und Andrew Watson entwickelten 1983 eine Modellsimulation ebenjener Idee und tauften sie „Daisyworld“ (Gänseblümchenwelt). Im Prinzip ist der Aufbau einfach: Es gibt einen Planeten mit Sonneneinstrahlung. Durch die Sonneneinstrahlung erwärmt sich die Atmosphäre. Ab einer bestimmten Temperatur (nehmen wir mal 5°C) können Gänseblümchen auf der Oberfläche wachsen. Soweit so gut.

Nun ist auch festgelegt, dass es eine optimale Wachstumstemperatur (z.B. 25°C), aber auch eine Maximaltemperatur (z.B. 40°C) gibt, ab der die Blumen nicht mehr wachsen, sondern absterben. Eine weitere Besonderheit ist, dass vorgegeben wird, dass dabei nur zwei verschiedene Arten wachsen können – weiße und schwarze. Diese haben unterschiedliche Albedowerte (siehe hierzu „Weitere Informationen zum Thema“). Das bedeutet, dass weiße Gänseblümchen mehr Sonnenlicht reflektieren und es damit in ihrer Umgebung kühler ist als ohne Pflanzen und nochmals kühler als bei schwarzen Gänseblümchen, da diese eine niedrigere Albedo besitzen.

Spannend ist jetzt zu beobachten, was passiert.

Zu Beginn ist der Planet noch zu kalt für das Wachstum und erwärmt sich nur langsam durch die Sonne. Dann bilden sich erst einzelne, dann mehr schwarze Gänseblümchen, was dazu führt, dass sich der Planet schneller erwärmt, da weniger Sonnenlicht reflektiert wird. Irgendwann können auch weiße Gänseblümchen überleben und breiten sich aus. Der nächste Schritt ist, dass mit zunehmender Temperatur, die schwarzen Gänseblümchen langsamer wachsen. Nach und nach stellt sich ein Gleichgewicht ein, in dem die komplette Oberfläche mit Pflanzen bedeckt ist.

Das alles ist natürlich nur eine Simulation, daher kann man daran herumschrauben, wie man möchte. Stellen wir doch einfach mal die Sonne etwas „stärker“ ein…

Das hat zur Folge, dass im Endgleichgewicht mehr weiße Gänseblümchen auf der Planetenoberfläche gewachsen sind als davor. Andersherum funktioniert das genauso: Schwächere Sonne, weniger weiße und dafür mehr schwarze Gänseblümchen! Dieses Verhalten ist sogar für recht große Schwankungen in der Sonneneinstrahlung stabil. Viel zu starke (oder schwache) Einstrahlung kann aber trotzdem nicht abgefedert werden und am Ende überlebt die Vegetation die Hitze (Kälte) nicht.

Das heißt aber, alleine die Tatsache, dass zwei Arten von Pflanzen dort wachsen können, hilft dabei, einen Planeten gegen äußere Einflüsse resistenter zu machen und eine lebensfreundliche Umwelt zu erhalten!
Der Gaensebluemchenplanet 1

Gänseblümchenwiese

M.Sc. Fabian Chow
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 21.08.2025
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Akklimatisierung – der Schlüssel beim Höhenbergsteigen

Am heutigen Mittwoch ist es genau 45 Jahre her, als Reinhold Messner auf 8848 m Höhe den Gipfel des Mount Everest erreichte und das im Alleingang und im reinen Alpinstil. Das gab es bis dahin noch nie! Alpinstil bedeutet, dass zum Beispiel die Route im Vorfeld nicht vorbereitet, also präpariert, die komplette Verpflegung und Ausrüstung selbst getragen und auf Flaschensauerstoff verzichtet wird. Letzteres heißt also schlicht und ergreifend, man muss mit der Luft auskommen, die einen umgibt und das ist in dieser Höhe nicht sonderlich viel.

Denn Luft ist bekanntlich ein Gasgemisch und besteht zu etwa 21 % aus dem für uns lebenswichtigen Sauerstoff. Auf die Luftmoleküle wirkt – genauso wie auf uns Menschen – die Schwerkraft. Daher sind in den bodennahen Luftschichten die meisten Luftmoleküle zu finden. Je weiter man in die Höhe steigt, desto weniger Moleküle sind in der Luft vorhanden und dementsprechend geringer ist auch der Luftdruck. Die prozentuale Zusammensetzung der Luft ist zwar in der Höhe nahezu unverändert, die Anzahl ihrer Moleküle (und damit auch der Sauerstoffgehalt) aber geringer.

Der Sauerstoffmangel wirkt sich ab etwa 2500 m (Angaben stets ü. NN.) spürbar auf den menschlichen Körper aus. In dieser Höhe kann vor allem bei nicht genügend akklimatisierten Personen bereits die sogenannte akute Höhenkrankheit auftreten. Diese äußert sich beispielsweise durch Kopfweh, Übelkeit und/oder Schwindelgefühle. Oberhalb von etwa 3000 m kann es dann ohne vernünftige Akklimatisierung schon richtig gefährlich werden. Die Wahrscheinlichkeit an der Höhenkrankheit zu erkranken steigt rapide an. Auch die Bildung von Ödemen in Lunge oder Gehirn sind möglich, was im allerschlimmsten Fall sogar tödlich ausgehen kann. Dabei ist die körpereigene Fitness übrigens nicht ausschlaggebend. Entscheidend sind Aufstiegsgeschwindigkeit (je langsamer, desto besser), erreichte Höhe (v.a. die Übernachtungshöhe) und die eigene Empfindlichkeit.

In diesen Höhen ist es also immens wichtig, seinem Körper die nötige Zeit zu geben, sich der dünneren Luft anzupassen. Für die kurzfristige Anpassung beschleunigt der Körper zunächst nur die Atmung, um dem eigenen Sauerstoffbedarf gerecht zu werden. Erst bei mehrtägigem Aufenthalt in großen Höhen beginnt er mit der Produktion roter Blutkörperchen, um mehr Sauerstoff pro Zeit in den Blutbahnen transportieren zu können.

Oberhalb von etwa 7000 m nützt dann aber selbst die beste Akklimatisierung nichts mehr, denn ab dieser Höhe kann der Körper den eigenen Sauerstoffbedarf auf Dauer nicht mehr decken, sodass er unweigerlich abbaut. Das hätte letztendlich für die meisten Menschen den sicheren Tod zur Folge, weshalb man in diesem Höhenbereich auch von der sogenannten Todeszone spricht. Mit letzterer werden manchmal auch erst Höhenbereiche ab 8000 m bezeichnet. Denn dort gilt ein Aufenthalt von mehr als 48 Stunden als quasi nicht überlebbar. Demnach ist es als wahres Wunder anzusehen, als sich im Mai 2012 am Mount Everest ein italienischer Bergsteiger ganze vier Tage auf rund 8300 m aufhielt, ehe er mit starker Erschöpfung und Erfrierungen von chinesischen Kletterern gerettet wurde.

Akklimatisierung der Schluessel beim Hoehenbergsteigen

Nordseite des Mount Everests vom Weg zum Basislager aus gesehen. (Quelle: Luca Galuzzi)

Neben dem Sauerstoffmangel lauern natürlich noch andere Gefahren, die einen erfolgreichen Aufstieg auf den Everest letztlich nicht gerade sehr wahrscheinlich machen: Steinschläge, Lawinen und natürlich auch das Wetter. Trotzdem hat der Tourismus am höchsten Berg der Welt in den vergangenen Jahrzehnten rapide zugenommen. Teilweise stehen die Expeditionsteilnehmer beim Aufstieg regelrecht im Stau. Davon kann man natürlich halten, was man will. Reinhold Messner positioniert sich klar und sagt dazu: „Der Everest ist zu einem Zirkus geworden. Es geht nur noch darum, zahlende Kunden auf den Gipfel zu bringen, ohne Rücksicht auf die Umwelt oder die Kultur der Sherpas.“

Dipl.-Met. Tobias Reinartz
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 20.08.2025
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