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Der Winter hat sein Pulver noch nicht verschossen! 

Tiefausläufer brachten und bringen feuchte Luft zu uns. Aus Osten strömt kalte Luft ins Land, aus Westen und Süden wird hingegen mildere Luft advehiert. Diese milde Luft macht sich nicht wirklich am Boden bemerkbar, sie ist eher „höhenaktiv“. Bedeutet: Der fallende Niederschlag schmilzt in einer gewissen Höhe und wird zu Regen. Dieser fällt dann in relativ kalte Luft am Boden, wo die Belagstemperatur von Straßen und Wegen teils unter 0 Grad liegt. Im Ergebnis friert der Regen auf Belägen und es bildet sich Glatteis. Das ist je nach Niederschlagsmenge recht dick oder auch mal dünner und damit unterschiedlich glatt.
Der Winter hat sein Pulver noch nicht verschossen

Karte Europa und Nordatlantik mit Analyse von Isobaren und Fronten von Samstag, 24.01.2026, 0 UTC/1 MEZ 

Verantwortlich für den aktuellen Zustrom feuchter Luft ist Tief LEONIE I bei den Britischen Inseln. Sie lenkt feuchte und milde Luft ins Land, die vor allem im Westen und Nordwesten etwas Regen bringt. Die kalte Luft aus Osten, herangeführt auf der Rückseite des Hochs über Russland, setzt sich im Laufe des Nachmittags durch und lässt den Regen wieder in Schnee übergehen. Es bleibt grundsätzlich glatt, nur die Gefahr von Glatteis geht zurück. 

 

Nach Süden und Osten hin ist es weitgehend niederschlagsfrei, wenn auch gebietsweise trüb durch Nebel oder Hochnebel. Nur im Südosten liegt ebenfalls etwas feuchtere Luft, aus der es stellenweise leicht nieseln oder sprühen kann. Diese verlagert sich in der Nacht zum Sonntag ost-nordostwärts und somit raus aus Deutschland. Bis dahin sind bei leichtem Niederschlag aber auch dort Glätte oder Glatteis möglich.
 

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Karte Europa und Nordatlantik mit Vorhersage von Isobaren und Fronten für Sonntag, 25.01.2026, mittags 

Im Laufe des Sonntags macht sich LEONIE II auf den Weg nach Norden und übernimmt bei uns die Wetterregie. Sie bringt ab den Nachmittagsstunden dem Süden Schnee und Schneeregen. Im Laufe des Abends und der Nacht zum Montag ziehen die Niederschläge nordwärts. An der Ostseite/Vorderseite des Tiefs wird in der Höhe relativ milde Luft in die östlichsten Regionen Deutschlands geführt. Der Schneefall kann dort also in Regen oder Schneeregen übergehen. Da die bodennahe Luft aber weiterhin kalt ist und meist unter 0 Grad liegt, droht gefrierender Regen und somit Glatteis. 

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Deutschlandkarte mit Vorhersage von Schnee (weiß) und Regen (blau) aus dem ICON Modell für Montag, 26.01.2026 1 Uhr 

Wann genau und wie genau das Tief zieht, ist derzeit noch ungewiss. Das Potenzial einer überregionalen Glättelage ist aber gegeben. Sei es durch Schneefall oder durch Glatteis. Da die Luft reich an Feuchte ist, werden die Niederschläge teilweise kräftiger ausfallen. 

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Modellvergleich der 12-stündigen Schneemenge von EZMW (links) und ICON (rechts) für Montag, 26.01.2026 06 UTC/7 MEZ 

In wenigen Stunden sind 5 Zentimeter Neuschnee wahrscheinlich. Über die Nacht hinweg kommen verbreitet 5 bis 10 cm Neuschnee zusammen, regional sind bis Montagvormittag auch bis 15 cm innerhalb von 12 Stunden möglich.
 

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Deutschlandkarte mit der Vorhersage des signifikanten Wetters aus dem ICON D2 Modell für Montag, 26.01.2026 1 Uhr  

Die Modelle sind sich noch nicht ganz einig, nähern sich aber mehr und mehr an. Unser Lokalmodell ICON D2 simuliert in der zweiten Nachthälfte für weite Teile Brandenburgs und die Bundeshauptstadt gefrierenden Regen. In den frühen Morgenstunden soll dieser aber nordwärts abziehen und von Schneefall abgelöst werden.

Apropos Norden: Hamburg wird es diesmal nicht so hart treffen wie in den ersten Tagen des Jahres. Aber an der Ostsee frischt mit Annäherung von LEONIE II der Nordostwind deutlich auf. In Böen sind teilweise um 65 km/h möglich. Schnee und Schneeregen fallen also eher waagerecht und können sich – wie sollte es auch anders sein – an oft ungünstigen Stellen akkumulieren.

Als Fazit bleibt zu ziehen: Es ist mal wieder eine spannende Lage mit großem Potential für überregionale Glätte und damit verbunden weitreichenden Störungen im Straßen- und Schienenverkehr. Und das Ganze auch noch zur besten Zeit: Montagmorgen!

Wer denkt, dass die letzten Tage des Januars entspannter werden, der irrt. Es geht mit einem Wechselspiel aus milderer und kälterer Luft weiter. Die Nächte sind verbreitet frostig, im Osten und Nordosten ist auch wieder/immer noch Dauerfrost ein Thema. Zudem stehen im Zustrom zeitweise feuchter Luft Schnee, Regen und damit einhergehend Glätte auf dem Programm. 

Diplom-Meteorologin Jacqueline Kernn
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 24.01.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst 

 

Nasser Norden 

Schon im gestrigen Thema des Tages wurde die Luftmassengrenze über Norddeutschland angesprochen. Auch die Abläufe mit der Hebung der Warmluft durch die von Norden einströmende Kaltluft wurden skizziert. Da kann man sich natürlich die Frage stellen, wieviel Regen denn bisher gefallen ist – auch wenn der Regen im Norden weiterhin andauert.

Die Abbildung eins zeigt dazu oben die 24-stündigen Niederschlagsmengen bis zum gestrigen Morgen (14.11., 07 MEZ), unten sind entsprechend die 24-stündigen Mengen bis zum Samstagmorgen abgebildet. Dabei stammen die Zahlenwerte aus dem DWD-Messnetz, die Flächendarstellung ist dagegen aus dem DWD-Radarverbund abgeleitet (die zu den Radardaten gehörende Legende ist rechts im Bild zu sehen). Schon am Donnerstag und in der Nacht zum Freitag bildete sich ein Streifen vom mittleren Emsland bis in die Lüneburger Heide, in dem über 10 mm, lokal sogar über 15 mm zusammengekommen sind (Station Saterland-Ramsloh: 17 mm).

Am Freitag selbst intensivierte sich dann das Niederschlagsgeschehen. Von Ostfriesland und dem nördlichen Emsland bis nach Vorpommern zog sich ein Bereich mit mehr als 15 mm akkumuliertem Regen, in diesem Streifen war, geht man nach den Messstationen, der Regen in Emden mit 31 mm am ergiebigsten. 

Nasser Norden

24-stündige Niederschläge über dem Norden Deutschlands, oben bis Freitagmorgen, 14.11., 07 MEZ, unten bis Samstagmorgen, 15.11., 07 MEZ. Flächige Darstellung: Niederschlagswerte abgeleitet aus dem Radar, Zahlenwerte: Messungen aus dem Messnetz. 

Erklären kann man die Intensivierung der Hebung und der Niederschlagsraten mit einem verstärkten Aufgleiten. In der Höhe wurde warme Luft noch etwas nach Norden gedrückt. So stieg die Temperatur in 500 hPa (etwa 5,5 km Höhe) über Sylt um etwa 2 °C an (von knapp über -20 °C auf knapp über -18 °C). Andererseits sickerte bodennah Kaltluft ein und schob sich nach Süden voran. Die Abbildung zwei zeigt entsprechend die Temperatur (und den für uns hier nicht relevanten Taupunkt) im südlich von Bremen gelegenen Bassum. Während am Donnerstag noch der übliche Tagesgang zu erkennen ist, bei dem die Temperatur am Morgen etwa 9 °C beträgt und sich bis zu einem Spitzenwert von etwa 16 °C am frühen Nachmittag aufschwingen kann, zeigt der Freitag ein gänzlich anderes Bild. Aus der Nacht heraus bei milden 11 °C liegend, sinkt die Temperatur ab dem Morgen kontinuierlich ab. Abends sind es dann nur noch gut 6 °C, die Kaltluft ist bodennah also vorangekommen. Das Zusammenspiel dieser gegenläufigen Entwicklungen in der Höhe und am Boden ist ein Grund für den kräftigeren Regen am Freitag. 

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Meteogramm mit der Temperaturentwicklung der Station Bassum am Donnerstag und Freitag (12. und 13.11.) 

Es lohnt sich allerdings, noch einmal einen zweiten Blick auf den unteren Teil der Abbildung eins zu werfen. Denn auffällig ist dort nicht nur der angesprochene Niederschlagsstreifen, sondern auch eine halbkreisförmige Zone vermeintlich sehr starker Niederschläge über der Nordsee. Allerdings handelt es sich hier mitnichten um kräftigen Regen, sondern um ein Artefakt bei der Radarmessung.

Im gedachten Zentrum des Halbkreises steht eine 17 (Niederschlagsmessung in mm des Flugplatzes auf Borkum). Und nicht weit davon entfernt (für Borkum als Insel aber dann doch relativ weit weg) steht am Borkumer Hafen der Radarturm des Deutschen Wetterdienstes. Der Halbkreis scheint sich um das Radar herum zu winden – und das hat gute Gründe. Denn die Strahlen, die das Radar aussendet, schließen mit dem Erdboden immer einen kleinen Winkel ein. Sie sind also leicht nach oben gerichtet. In der Folge erreichen sie irgendwann die Schicht in der Atmosphäre, in dem der fallende Niederschlag schmilzt. In dieser Schicht werden die Radarstrahlen besonders effektiv reflektiert, was dann als besonders kräftiger Niederschlag interpretiert wird. 

Nasser Norden 3

Brightband-Effekt: grafische Erläuterung (unten) sowie Beispielwetterlage (oben) 

Die Abbildung drei zeigt dazu eine schematische Darstellung (unten) und ein Beispielbild aus dem Jahr 2019. Weitere Erläuterungen sind auch im DWD-Lexikon zu finden, aus dem auch die Grafik stammt. Und dort findet man auch die Erklärung dafür, warum der Ring am gestrigen Tag nur ein halber Ring gewesen ist. Der Ring oder Ausschnitte eines Ringes werden vom Radar dann abgebildet, wenn der Radarstrahl im Bereich der Schneefallgrenze unterwegs ist. Und die Schneefallgrenze lag gestern auf der Nordseite der Luftmassengrenze in der Kaltluft viel niedriger als in der südlich der Luftmassengrenze befindlichen Warmluft. Entsprechend stärker ist die Reflektivität – und es entsteht ein halber Ring.

Noch als Schlussbemerkung: Genau genommen ist die Niederschlagsabschätzung aus den Radarreflektivitäten natürlich kein einzelnes Radarbild, sondern nutzt eine Vielzahl von Einzelbildern. Eine gewisse Verzerrung der Situation durch zeitliche Entwicklungen ist somit eigentlich zu erwarten. Umso erstaunlicher, wie klar sich der Ring trotz der zeitlichen Integration bzw. Aufsummierung herausbildet. Das spricht auch dafür, dass sich die Situation im Laufe des Tages nur wenig verändert hat und die Position der Luftmassengrenze recht stabil gewesen ist. 

Dipl.-Met. Martin Jonas
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 15.11.2025
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst 

 

Polarluft versus Warmluft 

Zwei völlig konträre Luftmassen treffen derzeit in Deutschland aufeinander. Während in den Norden bereits polare Meeresluft einfließt, lagert im Süden subtropische Warmluft. Dort wo diese zwei Luftmassen aufeinandertreffen hat sich eine Luftmassengrenze etabliert, in deren Umgebung es zu länger anhaltenden Regenfällen kommt. Am Freitagmorgen erstreckte sich die Luftmassengrenze in etwa vom Emsland über die Lüneburger Heide bis in die Uckermark. 

Polarluft versus Warmluft

Analysekarte für Europa mit Lage der Druckgebilde und Isobaren sowie Stationsdaten am Freitagmorgen, den 14.11.2025 um 06 UTC. Quelle: DWD 

Am heutigen Freitag stehen in der Warmluft im Süden und Südwesten des Landes nochmals außergewöhnlich milde Temperaturen auf der Agenda. Die Höchstwerte bewegen sich dort zwischen 18 und 22 Grad. Bereits gestern wurden ähnliche Maxima erreicht, sodass an einigen Stationen Dekaden-, teils auch Monatsrekorde gemessen wurden. Nachfolgend eine kleine Tabelle der Höchstwerte des gestrigen Tages (Donnerstag, 13.11.2025).
 

Station  Temperatur 
Emmendingen-Mundingen (BW)  22,3 °C. 
Baden-Baden-Geroldsau (BW)  22,1 °C. 
Freiburg (BW)  22,0 °C. 
Hechingen (BW)  21,5 °C. 
Elzach-Fisnacht (BW)  21,4 °C. 

Am Samstag gehen die Höchstwerte dann auch im Süden etwas zurück, liegen aber immer noch im sehr milden Bereich zwischen 10 und 15 Grad. 

Wir wollen uns nun aber der Luftmassengrenze am Samstagnachmittag widmen. In nachfolgendem Bild wurde eine Cross-Section, also ein Vertikalschnitt durch die untere Atmosphäre, durchgeführt. Die Route verläuft vom äußersten Süden über die Mitte bis in den Norden Deutschlands (Kaufbeuren-Meiningen-Peine-Hamburg-Flensburg). 

Polarluft versus Warmluft 2

Cross-Section von Süd nach Nord am Samstagnachmittag, den 15.11.2025 um 15 UTC. Quelle: DWD 

Im oberen Bild ist die Bewölkung in verschiedenen Höhenniveaus (1), die Nullgradgrenze (2), die Schneefallgrenze (3) und die Topografie (4) abgebildet. Die ganzen Angaben beziehen sich immer auf den jeweiligen Streckenabschnitt (Distanz zum Startpunkt ist ganz unten im Bild in Kilometer angegeben). Ganz im Süden herrscht am Samstagnachmittag nur etwas hohe Bewölkung vor, anschließend gesellt sich weiter in Richtung Landesmitte auch mittelhohe Bewölkung dazu und im frontalen Bereich (Luftmassengrenze) erstreckt sich die Bewölkung nahezu über alle Höhenniveaus. Ganz im Norden gibt es dann kaum noch Bewölkung. Die Höhe der Nullgradgrenze verläuft im Bereich der Warmluft sehr konstant in etwa 2500 m Höhe und sinkt dann nördlich der Luftmassengrenze rapide auf etwa 800 m ab. Mit der Schneefallgrenze verhält es sich ähnlich auf etwas niedrigerem Niveau. Das ist daher der Fall, da Schnee auch bei leichten Plusgraden fällt, bevor er schmilzt. Da die Schneefallgrenze aber auch im Norden noch bei 400-600 m liegt und es dort keine entsprechend hohen Erhebungen gibt, ist am Samstag auch in der Polarluft nicht mit Schneefall am Boden zu rechnen. 

Im unteren Bild ist die Temperatur in verschiedenen Höhenniveaus sowohl als farbige Flächendarstellung, als auch als Zahlenwert abgebildet. In der Warmluft ergibt sich eine relativ homogene Verteilung und die Temperatur nimmt nach Norden hin langsam ab. Als interessant kristallisiert sich der rot eingekreiste Bereich heraus. Hier kann bodennah mit einem östlichen Wind bereits die kältere Luft (blauer Pfeil) einfließen, während im etwas höheren Niveau noch die Warmluft vorherrschend bleibt. Die Kaltluft schiebt sich also wie ein Keil unter die Warmluft und zwingt diese zur Hebung, wodurch Niederschläge ausgelöst werden. Wäre die einfließende Kaltluft bodennah noch etwas kälter und der Boden ausgekühlt, könnte sich hier eine gefährliche Lage mit gefrierendem Regen einstellen, was aber am Samstag nicht der Fall sein wird. 

Am Sonntag erstreckt sich die Luftmassengrenze in etwa vom Niederrhein bis zur Lausitz und am Montag wird dann das ganze Land mit polarer Kaltluft geflutet. 

3Polarluft versus Warmluft

Vorhersagekarte für die Druckverteilung und die Lage der Frontensysteme am Sonntag, den 16.11.2025 um 12 UTC und am Montag, den 17.11.2025 um 12 UTC. Quelle: DWD 

Wer nun aber deutschlandweit einen Wintereinbruch samt Schneefall bis ins Tiefland erwartet, der wird enttäuscht. Allenfalls in den Alpen kann sich ab Montagnachmittag eine Schneedecke bilden und auch in den höheren Lagen der Mittelgebirge reicht es hier und da für eine dünne Neuschneedecke. 

Dipl.-Met. Marcel Schmid
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 14.11.2025
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst 

 

Schwere Gewitter in Süddeutschland – Ein Rückblick

Für die Meteorologinnen und Meteorologen in der Wettervorhersage des Deutschen Wetterdienstes bedeutete der gestrige Mittwoch (04. Juni 2025) in jedem Fall viel Arbeit, denn die Wetterlage war nicht nur komplex. Insbesondere in Süddeutschland deutete sich auch eine Schwergewitterlage an. Aber der Reihe nach…

Wie gestaltete sich die Wetterlage?

Auf der Vorderseite eines umfangreichen Tiefdruckgebiets auf dem Nordostatlantik zwischen Island und Schottland wurde feucht-warme und energiereiche Luft in die Südosthälfte Deutschlands geführt. Im Grenzbereich zu dieser Subtropikluft und der von Westen einströmenden mäßig-warmen Atlantikluft bildete sich eine markante Luftmassengrenze aus, die durch Hebungsimpulse aktiviert und verstärkte wurde. Gleichzeitig sollte sich im östlichen Alpenvorland ein sogenanntes Leetief entwickeln, an dessen Nordflanke nochmal feuchtere und damit besonders energiegeladene Luft aus Osten nach Südbayern geführt werden würde. Insgesamt waren dort sowie in den angrenzenden Gebieten die Bedingungen für eine sogenannte „dynamische Gewitterlage“ mit besonders starken und langlebigen Gewittersystemen gegeben. Denn die energiegeladene Luft wurde von starker Windscherung überlagert, also einer raschen Änderung von Windrichtung und -geschwindigkeit mit der Höhe.

Schwere Gewitter in Sueddeutschland Ein Rueckblick teil 1

Abb 1: DWD-Vorhersagekarte für den Bodendruck und die Luftmassengrenzen für Mittwoch, den 04. Juni 2025, 14 Uhr MEZ auf Basis des ICON-Modelllaufs vom 03. April 2025, 02 Uhr 

Was simulierten die Wettermodelle?

Die Wettermodelle simulierten im Vorfeld am Montag und Dienstag zwei Gewitterschwerpunkte: Zum einen ein markanter Streifen von teils gewittrigen Starkregenfällen, der sich am Mittwochmorgen entlang der Luftmassengrenze von Frankreich ins Saarland und nach Rheinland-Pfalz schieben sollte. Im Verlauf wurde dieser durch die Hebungsimpulse verstärkt und produzierte schließlich kräftige, gut organisierte Gewitterzellen. Dabei waren durchaus auch unwetterartige Entwicklungen mit heftigem Starkregen und Hagel bis 3 Zentimeter möglich.

Zum anderen waren die Gewitterzutaten im Süden für eine ausgewachsene Schwergewitterlage gegeben. In der energiereichsten Luft in Süd- und Südostbayern sollten sich am Nachmittag zunächst isolierte Superzellen, also kleinräumige, aber sehr starke und langlebige Gewitterzellen bilden. In einige Modellberechnungen passten alle meteorologischen Parameter zusammen und das Potenzial der Gewitterlage wurde voll umgesetzt. In extrem stark rotierenden Superzellen war demnach Großhagel bis 5 oder gar 8 cm zu befürchten. Im weiteren Nachmittagsverlauf rechneten die Modelle einen nachfolgenden größeren Gewitterkomplex, teils sogar in Form einer ausgeprägten Gewitterlinie. Dabei sollten mit einer markanten Winddrehung von Ost auf West teilweise Böen bis Orkanstärke und heftiger Starkregen zwischen 20 und 40 Liter pro Quadratmeter in kürzester Zeit auftreten.

Schwere Gewitter in Sueddeutschland Ein Rueckblick teil 2 

Abb 2: Wettergefahrenkarte für Mittwoch, den 04. Juni 2025 

Was machte die Atmosphäre am Mittwoch schließlich daraus?

Im Laufe der Nacht zum Mittwoch griff bereits der schauerartige Regen auf den Südwesten und Westen über, blieb aber zumindest in Bezug auf die Gewittertätigkeit etwas hinter den Erwartungen zurück. Darüber hinaus zog im Laufe des Vormittags dichtere Bewölkung in den Süden Deutschlands ausgehend von Gewitterresten über der Schweiz. Dies behinderte die Sonneneinstrahlung. Die für den Aufbau hoher Energiewerte benötigte ungehinderte Einstrahlung blieb also aus bzw. setzte erst später ein. Damit konnte sich auch das Leetief nicht in der vorhergesagten Stärke entwickeln, sodass sich kaum Ostwind im Süden Bayerns durchsetzen konnte bzw. die Winddrehung auf West schon vor den Gewittern einsetzte. Das nahm der Gewitterlage, insbesondere der abends gerechneten Gewitterlinie mächtig Wind aus den Segeln. So ruderten die Wettermodell am Mittwoch im Tagesverlauf ein wenig zurück, die Prognosen wurden etwas abgemildert.

Schwere Gewitter in Sueddeutschland Ein Rueckblick teil 3

Abb 3: Vergleich der vorhergesagten Reflektivität für Mittwoch, den 04. Juni 2025, 20 Uhr MESZ auf Basis des ICON-D2-Laufs von Dienstagmittag (links) und Mittwochmittag (rechts). Man erkennt die stärkeren Gewitterzellen im Vorlauf 

Dennoch bildeten sich am Nachmittag über der Schweiz und Ostfrankreich teils kräftige Gewitterzellen, die in der Folge auf den Südwesten übergriffen und sich zu einer Gewitterlinie formierten. Gleichzeitig entwickelten sich in deren Vorfeld über Bayern ebenfalls einzelne kräftigere Zellen. Letztere verbrauchten die ohnehin nicht in der befürchten Ausprägung vorhandene Energie, sodass der Gewitterlinie auf dem Weg nach Ostbayern schließlich „die Luft“ bzw. die Energie ausging. In der Folge verclusterten die Gewitterlinie und die Gewitterzellen auf ihrem Weg nach Tschechien.
Schwere Gewitter in Sueddeutschland Ein Rueckblick teil 4

Abb 4: Animation der Radar-Reflektivität von Mittwoch, den 04. Juni 2025 zwischen 16 bis 23 Uhr MESZ  

Welche Auswirkungen hatten die Unwetter?

Zwar blieb der vorhergesagte Großhagel von 8 Zentimeter aus, in Essenbach in Niederbayern wurden am Abend immerhin noch knapp 5 Zentimeter registriert. Auch anderorts ist die Rede von golfballgroßen Hagelkörnern. Knapp verpasst wurde hingegen der Osten Deutschlands. Dort bildeten sich am Abend im Zittauer Gebirge kräftige Gewitter, die aber rasch auf polnischen Boden abzogen. In der Folge wurden in Polen Hagelkörner mit Korngrößen von bis zu 6 Zentimeter registriert. Einigermaßen glimpflich ging es dagegen in München ab. Kurz nach 20 Uhr zog ein Gewitter mit Hagel von 1 bis 2 Zentimeter über die Allianz Arena hinweg, sodass das Aufwärmtraining des Nations-League-Halbfinales zwischen Deutschland und Portugal unterbrochen werden musste. Der Anpfiff verzögerte sich dadurch um zehn Minuten. Während das Fußballspiel also stattfand, wurde das Campusfest in Regensburg mit 12000 Besuchern am Nachmittag hingegen vorsorglich abgebrochen.

Starkregen wurde lokal eng begrenzt ebenfalls gemessen. In den radarbasierten Niederschlagsprodukten konnten durchaus auch unwetterartige Mengen über 25 Liter pro Quadratmeter detektiert werden. Zudem meldeten einige Feuerwehren Einsätze aufgrund vollgelaufener Keller oder überfluteter Unterführungen.

Auch die Böen blieben etwas hinter den Erwartungen zurück, wenngleich die Auswirkungen sicherlich ein etwas anderes Bild sprechen. Knapp südlich der Donau wurde im oberbayerischen Burgheim um 21 Uhr MESZ eine orkanartige Böe mit 104 km/h (Windstärke 11) gemessen. Zudem meldeten Feuerwehren mehrere Einsätze wegen umgestürzter Bäume. Auch ein Passagierflugzeug, das sich auf dem Weg von Berlin nach Mailand befand, kam aufgrund des Unwetters in Turbulenzen und musste kurzerhand außerplanmäßig in Memmingen eine Sicherheitslandung einleiten. An Bord wurden 8 Passagiere und ein Crew-Mitglied verletzt.

Auch in Erbach an der Donau und Donaustetten hinterließen die Gewitter deutliche Spuren. Dort wurden die Dächer mehrerer Reihenhäuser abgedeckt, sodass diese nicht mehr bewohnbar sind. Zudem wurde eine Straßenlaterne abgeknickt, ein Foto zeigt zurückgebliebene Stämme von Birken entlang einer Straße, deren komplette Baumkrone abgerissen wurde. Die Schäden zeigen bereits, welch extreme Böen hier am Werk waren. Aktuell wird vermutet, dass es sich dort um kleinräumig besonders starke Fallböen gehandelt haben könnte. Allerdings kann derzeit zumindest ein kurzlebiger Tornado auch nicht ausgeschlossen werden. Einzig eine Schadensanalyse vor Ort wird Aufschluss darüber geben können. Die Begutachtung und die abschließende Einschätzung werden wahrscheinlich in den nächsten Tagen erfolgen.

Als Fazit kann man festhalten, dass die Gewitterlage nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen konnte, weil sich kurzfristig einzelne Parameter zu Ungunsten extremer Unwetter veränderten. Dennoch kam es lokal zu größeren Auswirkungen und Schäden, sodass die Warnungen im Vorfeld durchaus berechtigt waren, wenngleich das „Worst-Case-Szenario“ mit 8 Zentimeter Großhagel glücklicherweise ausblieb.
 

MSc.-Meteorologe Sebastian Schappert
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 05.06.2025
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst 

 

Heftige Gewitter drehen die Wetteruhr vom Frühsommer zurück zum Frühling!

Da sich der hohe Luftdruck aus dem Staub gemacht hat und mit dem Hoch RICCARDA nun zwischen Island und den Britischen Inseln zu finden ist, konnten weite Teile Europas, von Skandinavien bis zur Iberischen Halbinsel, vom tiefen Luftdruck erobert werden. 

Heftige Gewitter drehen die Wetteruhr vom Fruehsommer zurueck zum Fruehling teil 1

Prognostizierte Wetterlage für Samstag, 3. Mai mit Hoch RICCARDA südlich Island, Tief IMMO bei Dänemark und Tief HENRY über Nordfinnland. (Quelle: DWD) 

Dabei schieben die Tiefs über der Iberischen Halbinsel von Südwesten weiter warme Subtropikluft bis nach Deutschland, während in den Norden schon kühlere Nordseeluft einsickert. Resultierend kann sich eine sogenannte Luftmassengrenze über Deutschland ausbilden. An dieser sowie auf der warmen, südlichen Seite kommt die Troposphäre richtig in Wallung. Quellwolken können in die Höhe schießen und kräftige Gewitter auslösen. Über die Mitte hinweg stehen die Gewitter vor allem mit Starkregen in kurzer Zeit oder mehrstündig in Verbindung. Dabei sind Regenmengen bis 35 l/m² möglich. Vom Saarland und Rheinland-Pfalz über Südhessen, Südthüringen, den Norden Baden-Württembergs hinweg bis nach Nordostbayern und Sachsen sind bei kräftigen und/oder wiederholt auftretenden Gewittern auch mehrstündiger Starkregen bis 50 l/m² sowie Sturmböen bis 85 km/h und kleinkörniger Hagel auftreten. Vom Allgäu über dem Süden und Osten Bayerns hinweg können im Tagesverlauf in der warmen bis sehr warmen Luft auch einzelne, teils rotierende und langlebige Gewitterzellen entstehen, die mit Starkregen, Hagel und Sturmböen, vereinzelt sogar schweren Sturmböen einhergehen. 

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Schematische Karte für die potentielle Gewittergefahr am Samstag, 3. Mai. Über der Mitte und dem Süden starke bis schwere Gewitter mit Starkregen, Sturmböen und Hagel. (Quelle: DWD) 

Die genannte Luftmassengrenze mit viel Getöse und ordentlichen Krachern bleibt aber nicht über der Mitte liegen, sondern bewegt sich bis Sonntag zu den Alpen. Denn zwischen dem Hoch RICCARDA und den Tiefs HENRY über Nordfinnland und Tief IMMO über Dänemark setzt eine stramme nördliche Grundströmung ein, die Polarluft anzapft und erwärmt über die Nordsee hinweg nach Deutschland schiebt. Die Vorderseite wird dabei von einer zu IMMO gehörenden Kaltfront markiert, die zwar thermisch signifikant ist, aber aus Wettersicht eher auf leisen Pfoten daherkommt. An bzw. in den Alpen kommt die nach Süden geschobene Luftmassengrenze zum Schleifen. Zudem sorgen die einsetzenden Nordwinde an den Alpen für eine gewisse Staukomponente. Als Folge kann es dort sowie im Vorland bis in die Nacht zum Dienstag teils länger anhaltend und schauerartig verstärkt regnen. 

Heftige Gewitter drehen die Wetteruhr vom Fruehsommer zurueck zum Fruehling teil 3

Akkumulierte Niederschlagsmengen des ICON6-Modells bis Dienstag 8 Uhr. Vor allem an den Alpen in der Fläche 30 bis 50 l/qm möglich. (Quelle: DWD) 

Ansonsten kann sich nach Abzug der Luftmassengrenze das Hoch RICCARDA aufplustern und sich von den Britischen Inseln bis nach Deutschland ausdehnen. Da der Wind aber weiter von Norden weht und somit die Zufuhr von kühler Luft polaren Ursprungs anhält, bleibt das Temperaturniveau eher auf Frühlingsniveau. Die Nordseeluft verfügt zudem auch über ausreichend Feuchte, sodass im Küstenumfeld und vielleicht auch im Mittelgebirgsraum einzelne kurze Schauer möglich sind. 

Heftige Gewitter drehen die Wetteruhr vom Fruehsommer zurueck zum Fruehling teil 4

Prognostizierte Wetterlage für Mittwoch, 7. Mai mit Hoch RICCARDA über der Nordsee und Tiefs über dem zentralen Mittelmeerraum. (Quelle: DWD) 

Mit Blick auf warnwürdige Wetterparameter ist neben den starken bis schweren Gewittern von Samstag bis Sonntagabend noch der stark böige Wind an der Nordsee sowie dem höheren Bergland zu nennen. Ab der Nacht zum Montag und vor allem in der Nacht auf Dienstag muss im Norden, Osten und Teilen der Mitte auch nochmals mit Bodenfrost, im Osten gebietsweise sogar mit Luftfrost gerechnet werden, sodass gefährdete Pflanzen geschützt werden sollten.
Im Trend über die Woche hinweg bis zum Wochenende sorgt Hoch RICCARDA verbreitet für freundliche, zunehmend auch sonniges und trockenes Wetter. Mit dem Sonnenschein steigen auch die Temperaturen langsam wieder auf Werte um 20 Grad an. Allenfalls im Süden ziehen häufiger noch dichtere Wolken durch, die zeit- und gebietsweise auch etwas Regen bringen können. 

Dipl. Met. Lars Kirchhübel
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 03.05.2025
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst 

 

 

Luftmassen

Die Theorie und Klassifizierung von Luftmassen wurde bereits vor über 100 Jahren von Villhelm Bjerknes und seinem Sohn Jacob Bjerknes, Halvor Solberg und Tor Bergeron an der Universität Bergen entwickelt. In ihren Arbeiten wiesen sie nach, dass sich Eigenschaften wie Temperatur und Feuchtigkeit einer Luftmasse über einen längeren Zeitraum nur unwesentlich ändern, wenn sie über Land zieht.

Luftmassen werden nach ihrer Herkunft klassifiziert. Ursprünglich wurden drei Haupttypen unterschieden: Polarluft (P), Tropikluft (T) und Äquatorialluft (E). Zusätzlich wurde zwischen trockenen kontinentalen Luftmassen (c) und feuchten maritimen Luftmassen (m) unterschieden. So bezeichnete „mP“ die maritime Polarluft und „cT“ die kontinentale Tropikluft. Im Jahr 1948 verfeinerte der Meteorologe Richard Scherhag diese Einteilung, insbesondere für die Wetteranalyse in Mitteleuropa. Er führte die Begriffe „subtropische“ und „subpolare“ Luft, um die Übergangsbereiche besser zu erfassen, sowie „arktische Luft (A)“ als eigenständige Kategorie ein. Außerdem wurden Luftmassen, denen nicht eindeutig kontinental oder maritim zugeordnet werden konnten, mit einem „x“ gekennzeichnet (z.B. xP). Zusätzlich wurde eine weitere Kategorie für Luftmassen der mittleren Breiten (Sp) eingeführt.
Luftmassen teil 1

Tabelle der Luftmassen nach Scherhag, die Mitteleuropa beeinflussen.

Luftmassen teil 2  

Ursprungregionen der Hauptluftmassen  

In der heutigen Meteorologie wird zur genauen Beschreibung von Luftmassen die sogenannte äquivalentpotenzielle Temperatur verwendet. Sie beschreibt die Temperatur, die ein Luftpaket hätte, wenn der gesamte Wasserdampf kondensiert und die dabei freiwerdende Kondensationswärme an die Luft abgegeben würde und auf das 1000 hPa-Druckniveau gebracht würde. 

Diese Größe erlaubt eine differenzierte Betrachtung der Luftmassen: Warme, feuchte Luftmassen wie die maritime subtropische Luft haben eine hohe, kalte, trockene Luftmassen wie die kontinentale arktische Luft eine niedrige äquivalentpotenzielle Temperatur. 

Trägt man diese Temperatur in eine Karte mit Linien gleicher äquivalentpotenzieller Temperatur ein, so erkennt man an den Drängungszonen der Isolinien eine sogenannte Luftmassengrenze. Diese werden je nach relativer Bewegungsrichtung als Warm- oder Kaltfront bezeichnet. Durch die Zirkulation um ein Tiefdruckgebiet werden Warm- und Kaltfronten verwirbelt und aufgewickelt. Dabei vermischen sich die wärmeren und kälteren Luftmassen – es entsteht eine sogenannte Okklusion. Dies ist die Grundlage der Frontentheorie, die ebenfalls von Bejerknes vor über 100 Jahren entwickelt wurde.
 

Luftmassen teil 3 

Donnerstag 27.02.2025 12 UTC Frontenanalyse mit äquivalentpotenzieller Temperatur (ThetaAe) und Luftmassen. 

 

Diplom-Meteorologe Christian Herold
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 27.02.2025
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst