Geschichte der Meteorologie − Teil 19: Übertragung meteorologischer Daten mit Telegraphie im 19. Jahrhundert
Das heutige Thema des Tages widmet sich der Entwicklung der Telegraphie. Mit ihr ließen sich meteorologische Beobachtungen erstmals schnell über große Entfernungen übermitteln – eine entscheidende Voraussetzung für Wetterkarten, Sturmwarnungen und moderne Wetterdienste.
Nach der Erforschung höherer Atmosphärenschichten mit Drachen und Ballonen richtet sich der Blick nun auf die technische Vernetzung der Messstationen. Persönlichkeiten aus Physik, Elektrotechnik, Astronomie und Meteorologie trugen dazu bei, regionale Messnetze im 19. Jahrhundert schrittweise zu nationalen und internationalen Beobachtungssystemen auszubauen.
Frühe elektrische Telegraphen
Die Physiker Carl Friedrich Gauß (1777−1855) und Wilhelm Weber (1804−1891) konstruierten 1833 in Göttingen einen elektromagnetischen Telegraphen. Zwei Kupferdrähte über den Dächern der Stadt verbanden das Physikalische Institut mit dem magnetischen Observatorium der Sternwarte.
Schon zuvor hatte der russische Orientalist, Offizier und Erfinder Paul Ludwig Schilling von Cannstatt, auch Pawel Lwowitsch Schilling von Cannstatt (1786−1837), an elektrischer Nachrichtenübertragung gearbeitet. Nach frühen Versuchen im Jahr 1809 entwickelte er 1832 einen Apparat, der Buchstaben und Ziffern darstellen konnte. 1835 präsentierte er einen verbesserten Nadeltelegraphen; 1836 gelang ihm eine Übertragung über eine rund zehn Kilometer lange Unterwasserleitung. Eine geplante Verbindung zwischen Kronstadt, Oranienbaum und Schloss Peterhof wurde nach seinem Tod nicht mehr verwirklicht.
Der britische Meteorologe und Erfinder Francis Ronalds (1788−1873) errichtete 1816 einen elektrostatischen Telegraphen. Ab 1843 leitete er das Observatorium Kew in London. Dort arbeitete er außerdem an fotografischen Registrierverfahren, mit denen zeitliche Abläufe meteorologischer Erscheinungen – besonders der atmosphärischen Elektrizität – automatisch aufgezeichnet werden konnten.

Samuel Morse und ein internationaler Standard
Der US-amerikanische Künstler und Erfinder Samuel Morse (1791−1872) begann in den 1830er-Jahren mit Prototypen eines elektrischen Telegraphen. Seine erste öffentliche Vorführung fand 1837 statt. Der zunächst verwendete amerikanische Morsecode wandelte Buchstaben in Zeichenfolgen um. Mit finanzieller Unterstützung des US-Kongresses entstand später eine 61 Kilometer lange Versuchsstrecke zwischen Washington, D. C., und Baltimore. Am 24. Mai 1844 wurde sie mit der Nachricht „What hath God wrought?“ in Betrieb genommen.
1851 setzte sich Morses System – mit Ausnahme Großbritanniens, wo zunächst die Telegraphen von Cooke und Wheatstone bevorzugt wurden – als europäischer Standard durch. Morses Patente blieben umstritten; der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten entschied 1854 im Verfahren O’Reilly v. Morse teilweise zu seinen Gunsten, begrenzte aber zugleich einen besonders weit gefassten Patentanspruch. 1865 nahm die neu gegründete Internationale Telegraphenunion eine weiterentwickelte Form des Codes als internationalen Standard an.
Morse war selbst nicht als Meteorologe tätig. Sein Telegraph veränderte die Meteorologie dennoch grundlegend: Aktuelle Beobachtungen konnten zentral gesammelt, auf Wetterkarten eingetragen und für die Analyse von Wettersystemen sowie erste Vorhersagen genutzt werden. In Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten entstanden zentrale Wetterdienste, sobald Wettertelegramme in den späten 1840er- und 1850er-Jahren praktisch verfügbar wurden.
Joseph Henry und das amerikanische Wettertelegraphennetz
Der US-amerikanische Physiker und Wissenschaftsorganisator Joseph Henry (1797−1878) gilt als einer der Wegbereiter des US-amerikanischen Wetterdienstes. Nach ihm ist die SI-Einheit der Induktivität benannt. Schon als Professor in Albany sammelte er landesweite Wetterbeobachtungen. Später untersuchte er in Princeton Blitze, Sturmverläufe und atmosphärische Physik.
1846 wurde Henry erster Sekretär der neu gegründeten Smithsonian Institution. Bereits im folgenden Jahr forderte er ein umfassendes meteorologisches Beobachtungssystem und erkannte, dass der elektrische Telegraph dabei eine Schlüsselrolle spielen würde. Bis 1849 entstand ein Netzwerk von etwa 150 ehrenamtlichen Beobachtern. Telegraphengesellschaften übermittelten Wetterdaten unentgeltlich an die Smithsonian Institution, die als wissenschaftliches und organisatorisches Zentrum fungierte.
Die Beobachter erfassten mehrmals täglich Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit, Wind, Bewölkung und Niederschlag. Auch Gewitter, Hurrikane, Tornados, Erdbeben, Meteore und Polarlichter wurden dokumentiert. Aus den Meldungen entstand eine große tägliche Wetterkarte, die 1856 erstmals öffentlich im Smithsonian-Gebäude in Washington gezeigt wurde. Farbige Scheiben kennzeichneten Schnee, Regen, Bewölkung oder heiteres Wetter; Pfeile zeigten die Windrichtung.
Henry erprobte die Karte auch für Vorhersagen, setzte sich für Sturmwarnungen ein und lieferte Meldungen an die Zeitung Washington Evening Star. Um 1860 umfasste das Netzwerk mehr als 600 freiwillige Beobachter in den Vereinigten Staaten, Kanada, Mexiko, der Karibik und Lateinamerika. Der Mathematiker und Meteorologe James Henry Coffin (1806−1873) wertete die umfangreichen Berichte aus und veröffentlichte 1861 den ersten von zwei Bänden mit Klima- und Sturmbeobachtungen aus den Jahren 1854 bis 1859.
Der Amerikanische Bürgerkrieg beeinträchtigte das Netz schwer. Nach dem Krieg drängte Henry die Bundesregierung erneut zur Einrichtung eines nationalen Wetterdienstes. 1870 übertrug der Kongress Sturmwarnungen und Wettervorhersagen an den Signal Service der US-Armee. 1891 gingen dessen meteorologische Aufgaben auf das neu gegründete US Weather Bureau über.
Kupffer und das russische Beobachtungsnetz
Der deutschbaltische Mathematiker und Physiker Adolph Theodor Kupffer (1799−1865) organisierte in Russland meteorologische und magnetische Beobachtungen. Nach einer Professur an der Universität Kasan wurde er 1828 Mitglied der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg. In engem wissenschaftlichem Austausch mit Alexander von Humboldt arbeitete er am Aufbau eines russischen Stationsnetzes; 1835 nahm das erste gemeinsame Netz magnetischer und meteorologischer Stationen seine Arbeit auf.
1849 entstand in Sankt Petersburg das Hauptgeophysikalische Observatorium als zentrale Stelle für Betrieb, Sammlung und wissenschaftliche Auswertung. Kupffer wurde dessen erster Direktor. Er förderte den internationalen Datenaustausch und ließ zweimal wöchentlich Wetter- und Eisverhältnisse aus dem Finnischen Meerbusen nach Hamburg melden. 1864 richtete er ein telegraphisches Meldesystem aus neun russischen und zwei ausländischen Stationen ein.
Kupffer sah die Atmosphäre als zusammenhängendes globales Forschungsfeld. Er hoffte, die Beziehungen zwischen Luftdruck, Feuchtigkeit, Wolken, Niederschlag und Wind eines Tages so gut zu verstehen, dass sich die Dauer meteorologischer Erscheinungen im Voraus berechnen ließe. Damit formulierte er früh einen Gedanken, der in Richtung numerischer Wettervorhersage weist.
Cooke, Wheatstone und Alter
Der britische Elektrotechniker William Fothergill Cooke (1806−1879) erkannte 1836 den Nutzen drahtgebundener Nachrichtenübertragung für den Eisenbahnbetrieb. Gemeinsam mit dem Physiker Charles Wheatstone (1802−1875) entwickelte er Nadel- und Zeigertelegraphen. Beim Zeigertelegraphen bewegten Stromimpulse einen Zeiger zu den einzelnen Buchstaben und Ziffern. Das System verbreitete sich in Großbritannien, wurde später jedoch weitgehend von der Morsetelegraphie verdrängt.
Auch der US-amerikanische Erfinder David Alter (1807−1881) entwickelte unabhängig von Morse und Wheatstone 1836 einen elektrischen Telegraphen. Sein System arbeitete mit sieben Drähten, deren Strom eine Nadel auf einer Scheibe auslenkte. Alter übermittelte damit Nachrichten zwischen seiner Werkstatt und seinem Wohnhaus in Elderton, Pennsylvania. Bekannt wurde er außerdem durch Arbeiten zur Spektralanalyse.
Urbain Le Verrier und der französische Wetterdienst
Der französische Astronom Urbain Le Verrier (1811−1877), bekannt durch die rechnerische Vorhersage des Planeten Neptun, setzte sich Anfang der 1850er-Jahre für einen zentralen französischen Wetterdienst ein. Ein nationaler Dienst brauchte aktuelle Daten aus einem Beobachtungsnetz – und damit den elektrischen Telegraphen.
Nach einem schweren Sturm bei Sewastopol am 14. November 1854 untersuchte Le Verrier die Wetterentwicklung über Europa vom 12. bis 16. November. Er konnte die Zugbahn des Sturms nachträglich rekonstruieren und folgerte, dass eine rechtzeitige Warnung mit einem Netz aus Wettertelegrammen möglich gewesen wäre. Am 16. Februar 1855 schlug er Kaiser Napoleon III. den Aufbau eines solchen Netzes vor. Einen Tag zuvor war die Fregatte La Sémillante vor der südfranzösischen Küste in einem Sturm untergegangen; mehr als 600 Menschen kamen ums Leben. Das Projekt wurde am 17. Februar genehmigt.
Aus französischen Hafenstationen entwickelte sich rasch ein größeres, bald internationales Beobachtungsnetz. 1856 umfasste es 24 Stationen. Ab dem 2. November 1857 erschienen die täglich telegraphisch übermittelten Beobachtungen im Bulletin international de l’Observatoire de Paris. Am 7. September 1863 veröffentlichte das Bulletin eine der frühen europäischen Wetterkarten auf Grundlage französischer Meldungen und der Daten von etwa 50 ausländischen Stationen.
Le Verrier arbeitete rund zwei Jahrzehnte am Aufbau des französischen Dienstes. Kurz vor seinem Tod entstanden meteorologische Warnangebote für Häfen und Landwirtschaft. 1878 wurde die meteorologische Abteilung des Pariser Observatoriums als Bureau central météorologique eigenständig. Es war ein Vorläufer des heutigen Météo-France.
Vom Einzelwert zum synoptischen Wetterbild
Die Telegraphie machte aus einzelnen Beobachtungen ein zeitnahes räumliches Bild der Atmosphäre. Messwerte, die zuvor erst Tage oder Wochen später eintrafen, konnten nun in Stunden zusammengeführt werden. So entstanden Wetterkarten, organisierte Sturmwarnungen und die Grundlagen staatlicher Wetterdienste. Die technische Vernetzung wurde damit ebenso wichtig wie die meteorologischen Instrumente selbst.
Die Serie „Geschichte der Meteorologie“ wird fortgesetzt. Der nächste Teil befasst sich mit Persönlichkeiten der Physik des 19. Jahrhunderts, deren Arbeiten auch für die Meteorologie von großer Bedeutung waren und sind.
Autor der DWD-Originalfassung:
Dipl.-Met. Markus Eifried
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, 11.10.2026
Quelle und Lizenz: Deutscher Wetterdienst, „Thema des Tages“ vom 11. Oktober 2026. DWD-Text unter CC BY 4.0. Für Windinfo redaktionell gegliedert und sprachlich gestrafft; ein chronologischer Widerspruch bei Schilling/Gauß/Weber, das Datum der US-Gerichtsentscheidung zu Morse sowie missverständliche historische Zuordnungen wurden korrigiert. Das verwendete historische Bild ist gemeinfrei; es wurde lokal gespeichert und für die Webdarstellung skaliert.


















