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Von „warmen Nasen“ und unterkühlten Tropfen

17. Januar 2022/0 Kommentare/in Klima, Thema des Tages, Wetter, Wind/von WINDINFO

Eine Fragestellung, die sich mit der Erscheinungsform des Niederschlages beschäftigt, nämlich „Wann schneit es eigentlich?“ bzw. „Wie bestimmt man eigentlich die Schneefallgrenze?“, wurde Mitte Dezember vergangenen Jahres in einem Thema des Tages bereits behandelt.

Ein nicht zu vernachlässigender Aspekt bei einer Aussage darüber, in welcher Form oder genauer in welchem Aggregatzustand der Niederschlag fällt und was damit am Boden passiert, ist die Betrachtung der Temperatur- und Feuchteverhältnisse in der Atmosphäre bzw. in dem Bereich der Atmosphäre, in dem der Niederschlag gebildet wird und durch den er zu Boden fällt. Und dann schließt sich natürlich die Frage an, was passiert mit dem Niederschlag beim Auftreffen auf den Erdboden.

Niederschlag wird in Bereichen der Atmosphäre gebildet, in denen Sättigung herrscht – wichtig dabei sind die Temperaturverhältnisse in diesem Bereich. Die Bildung von Niederschlag findet im Wesentlichen über die Eisphase statt und wird mit dem sogenannten Bergeron-Findeisen-Prozess beschrieben: Große Tropfen werden in Mischwolken in einem Temperaturbereich zwischen -10 und -35 Grad gebildet, in denen Wassertröpfchen und Eiskristalle nebeneinander existieren. Die Eiskristalle wachsen auf Kosten der Wassertröpfchen an, werden immer größer und fallen schließlich irgendwann zu Boden. Fallen diese Eiskristalle dann durch warme Luftschichten über dem Gefrier- bzw. Schmelzpunkt von 0 Grad, schmelzen sie und kommen als (große) Regentropfen am Boden an.

Ob allerdings ein Schmelzen stattfindet, liegt am Temperaturverlauf in der Atmosphäre. Dieser kann insbesondere im Winterhalbjahr natürlich auch unterhalb von 0 Grad verbleiben oder nur vorübergehend mal darüber liegen: Liegt die Temperatur in der gesamten unteren Atmosphäre, durch die die Eiskristalle fallen, unterhalb der 0-Grad-Marke, kommen auch Eiskristalle am Boden an, es fällt also Schnee. Steigt die Temperatur zwar über den Gefrierpunkt, aber nur in einem gewissen Bereich oder kurzzeitig, kommt es hinsichtlich der Niederschlagsphase am Boden entscheiden auf die Größe der „Schmelzschicht“ und auf deren Lage bzw. Höhe in der Atmosphäre an.

Und hier sind wir dann endlich bei dem in der Überschrift erwähnten Begriff der „warmen Nase“. Schaut man sich nämlich den Verlauf der Temperatur mit der Höhe an (Stichwort Vertikalprofil oder Radiosondenmessung), so sieht eine warme Schicht mit Temperaturen über 0 Grad, die nicht am Boden aufliegt (siehe Abbildung rechts), aus wie eine Nase… Ist diese warme Nase groß genug, schmelzen die durch diese warme Schicht fallenden Eiskristalle und es werden Wassertropfen daraus. Unterhalb der warmen Nase kann nun die Luft über dem Gefrierpunkt temperiert sein, dann bleiben es bis zum Boden warme Regentropfen. Gehen die Temperaturen unterhalb der Nase wieder auf unter 0 Grad zurück, ergeben sich unterkühlte Wassertropfen. Ist die sogenannte kalte Grundschicht sehr mächtig, können die unterkühlten Wassertropfen auch wieder gefrieren, dann bilden sich allerdings keine schönen Eiskristalle mehr, sondern es entstehen Eiskörner.

Findet die Bildung von Niederschlagsteilchen in einer Umgebung statt, die wärmer ist als -10 Grad, z. B. in einer relativ „tiefen“ Stratusbewölkung oder in einer Hochnebelschicht (siehe Abbildung Mitte), dann erfolgt die Bildung im Wesentlichen ohne Eisphase. Es sind also keine Eispartikel vorhanden, die auf Kosten der Wassertröpfchen anwachsen, daher entstehen viele kleine Tröpfchen. Am Boden kommen diese dann als kleintropfiger Regen bzw. Sprühregen an. Auch für Sprühregen muss besonders im Winterhalbjahr das Temperaturprofil der „durchflogenen“ Luftschicht berücksichtig werden. Herrschen in der gesamten Schicht Temperaturen unterhalb von 0 Grad, handelt es sich um unterkühlte Tröpfchen, die gegebenenfalls zu gefrierendem Sprühregen führen können.

Nicht zuletzt ist auch die Temperatur des Bodens, auf den der Niederschlag fällt, von Bedeutung und damit die „Wettervorgeschichte“: Zu Beginn des Winters mit noch warmen Böden passiert beim Auftreffen unterkühlter Tropfen nichts. Mit fortschreitender Jahreszeit und nach den ersten Frostphasen gehen die Temperatur im Boden zurück, nach einer längeren Frostperiode dringt der Frost mehr und mehr in den Boden ein. Die Wärmekapazität des Bodens ist deutlich höher als die der Luft, d.h. er reagiert träger auf Temperaturänderungen der darüberliegenden Luft und es dauert so wie beim langsameren Abkühlen des Bodens auch wieder länger, bis dieser sich erwärmt. Fällt nun also Regen oder Sprühregen auf gefrorenen Boden, kann sich eine Eisschicht und damit Glatteis bilden. Man spricht hier auch von gefrierendem Regen oder Sprühregen. Das ist besonders tückisch, wenn die Lufttemperatur (und das Autothermometer) bereits einige Plusgrade zeigt, der Frost aber noch im Boden „steckt“. Besonders rasant geht dieser Gefrierprozess bei den beschriebenen unterkühlten Tropfen, die beim Auftreffen auf kalte Gegenstände oder den kalten Erdboden spontan gefrieren und so zu erheblicher Glätte führen können. Der Boden oder auch kalte Gegenstände wirken hier wie Eiskerne in den Wolken, die das Gefrieren wie ein Katalysator begünstigen.

Dipl.-Met. Sabine Krüger

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 17.01.2022

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2022/01/DWD-Von-warmen-Nasen-und-unterkuehlten-Tropfen.jpg 679 2218 WINDINFO https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2019/07/windinfo_logo_eu-300x212.png WINDINFO2022-01-17 14:59:362022-01-17 15:03:36Von „warmen Nasen“ und unterkühlten Tropfen

Vom Himmel fallende Burgerbrötchen, Pilzhüte und Fallschirme

16. Januar 2022/0 Kommentare/in Klima, Thema des Tages, Wetter, Wind/von WINDINFO

„Ein großer Regentropfen hat – im Gegensatz zu seiner typischen Darstellung – in Wirklichkeit oftmals eher die Form eines …? A: Pizzastücks, B: Dönerspießes, C: Hamburgerbrötchens, D: Brathähnchens“. So lautete vor einigen Wochen eine Frage in einer bekannten Quizshow im deutschen Fernsehen. Vielleicht haben Sie die Sendung auch gesehen und waren verwundert über diese doch ziemlich skurrilen Antwortmöglichkeiten? Per Ausschlusskriterium könnte man der Lösung der Frage womöglich ein Stückchen näherkommen. Aber was steckt genau hinter der Form von fallenden Wassertropfen?

Die Entstehung von Regentropfen in der Atmosphäre ist ein derart komplexer Prozess, sodass man ein eigenes Thema des Tages darüber schreiben könnte. Beschränken wir uns heute nur auf das Wichtigste: Eine Wolke besteht aus winzigen Wassertröpfchen und Eiskristallen. Diese winzigen schwebenden Teilchen interagieren miteinander. Sie fangen ihre Nachbarteilchen ein, verschmelzen zu größeren Gebilden, ändern ihre Phase von flüssig zu fest (und umgekehrt) und können sich auch wieder teilen. Sind die zusammengewachsenen Teilchen groß und damit schwer genug, fallen sie aufgrund der Schwerkraft nach unten. Größere Regentropfen waren im Laufe ihres doch recht kurzen „Lebens“ meist im oberen Bereich der Wolke zunächst ein Konglomerat aus Schnee- und Eiskristallen, die beim Fallen in eine wärmere Luftschicht weiter unten zu Wassertropfen schmelzen.

Die Form dieser Regentropfen kann ganz unterschiedlich aussehen. Um eines gleich vorweg zu nehmen: die „typische“ Tropfenform (oben spitz, unten rund) wird man am Himmel vergeblich suchen. Tropfen sind auch nicht länglich. Dass dies für den Beobachter so aussieht, liegt daran, dass unser Auge nicht schnell genug ist, die fallenden Tropfen nachzuverfolgen. Dies erweckt den Anschein, als ob Regentropfen wie Nadeln vom Himmel fallen.

Das Aussehen eines Regentropfens hängt maßgeblich von seiner Größe ab. Dabei spielen zwei auf den Tropfen wirkende Drücke die entscheidende Rolle. Das wäre zum einen der Luftdruck, der auf die Oberfläche des Tropfens wirkt, und zum anderen der Innendruck des Tropfens, der diesen zusammenhält. Der Tropfeninnendruck hängt wiederum von der Oberflächenspannung des Wassers, von seinem Radius sowie dem äußeren Luftdruck ab (genaugenommen ist der Innendruck die Differenz zwischen dem kapillaren Krümmungsdruck und dem von außen wirkenden statischen Druck). Dabei ist der Innendruck umso größer, je kleiner der Tropfen ist (bzw. umso stärker die Tropfenoberfläche gekrümmt ist). Bei sehr kleinen Regentropfen von weniger als 1 bis 2 Millimetern (mm) Durchmesser ist der Innendruck viel stärker als der auf den fallenden Tropfen wirkende Luftdruck. Der Tropfen behält dadurch seine Kugelform bei. Nieseltröpfchen sind also nahezu kugelförmig.

Das ändert sich bei stärkerem Regen mit Tropfendurchmessern von 2 bis 5 mm. Der Innendruck des Tropfens wird geringer. Gleichzeitig verstärkt sich der Luftdruck, der auf den fallenden Tropfen wirkt, da größere Tropfen schneller fallen als kleinere. Der Luftwiderstand an der Unterseite des Tropfens führt daher zu einer Abplattung, während die Oberseite in etwa halbkugelförmig bleibt. Der Tropfen nimmt also die Form eines Burgerbrötchens an.

Wird der Regen noch stärker und die Tropfen noch größer, kommt es an der Unterseite zu einer Eindellung; der Tropfen sieht dann wie ein Pilzhut aus. Bei heftigem Platzregen (z.B. bei einem Gewitter) kommen sogar Tropfen mit einem Durchmesser von bis zu 9 mm vor. Der Luftwiderstand auf den mit hoher Geschwindigkeit fallenden Tropfen ist dann so stark, dass dieser zu einem Fallschirm-artigen Gebilde deformiert wird. Würde der Tropfen noch größer werden, könnte der Innendruck des Tropfens dem Luftdruck nicht mehr standhalten. Der „Fallschirm“ wird instabil und zerreißt an der Oberseite in zwei kleinere Tropfen. Regentropfen können also nicht beliebig groß werden. Tropfen größer als 9 mm Durchmesser sind auf der Erde also unter Normalbedingungen physikalisch nicht möglich.

Zurück zum Quiz: „C: Hamburgerbrötchen“ war also die richtige Antwort auf die gestellte Frage. Die Kandidatin entschied sich übrigens intuitiv und ganz ohne fremde Hilfe für die richtige Antwort. Für die physikalischen Hintergründe hat ihr Wissen aber nicht gereicht.

Dr. rer. nat. Markus Übel (Meteorologe)

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 16.01.2022

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

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Rodelfrust in Nordwestdeutschland

15. Januar 2022/0 Kommentare/in Klima, Thema des Tages, Wetter, Wind/von WINDINFO

Mit dem gestrigen 14.01.2022 sind nun 44 des 89 Tage andauernden meteorologischen Winters 2021/2022 (01.12.2021 bis 28.02.2022) vergangen. Damit haben wir quasi die Halbzeit erreicht. In Sachen Schnee fällt das Fazit dazu bisher ziemlich unterschiedlich aus. Während die Schneefans vor allem in den nordöstlichen und südöstlichen Landesteilen bereits häufiger zum Zuge kamen, hatten im Nordwesten Deutschlands vor allem diejenigen Glück, die mit Schnee nichts anfangen können.

So gab es im Nordwesten an vielen Stationen in diesem Winter noch keinen einzigen Tag, an dem eine Schneedecke registriert wurde. Vor allem von der Nordsee bis zum Münsterland und Rheinland, aber auch in Teilen des südöstlichen Niedersachsens und Sachsen-Anhalts steht die Null. Wenn sich dort Schneeflocken zeigten und diese vorübergehend liegen blieben, so waren sie spätestens am nächsten Morgen zum täglichen Messtermin um 7 Uhr MEZ wieder verschwunden („Stundenschnee“). Schlittenfahren auf den eh meist nur flachen Hügeln in diesen Regionen war damit bisher so gut wie unmöglich, was insbesondere bei Kindern natürlich Frust auslöste (bzw. immer noch auslöst). „Rodelfrust“ gibt es allerdings auch in einigen Flussniederungen im Westen und Süden Deutschlands sowie im Saarland. Auch dort leuchtet in der Grafik öfter die Null auf.

Mehr Schneedeckentage wurden dagegen im Nordosten und im Südosten Deutschlands erfasst. Gebietsweise sind die Zahlen selbst im Flachland zweistellig. In Vorpommern beispielsweise lag sogar schon bis zu 21 Tage Schnee und damit fast die Hälfte des Winters bisher. Aber auch in Bayern verwandelte der Schnee die Landschaften immer wieder in Weiß, die Straßen dagegen in Rutschbahnen.

Schneesicherer waren natürlich die Berge. So hatte der Begriff des „Berglandwinters“ erneut Hochkonjunktur. 20 bis 40 Schneedeckentage zeigen, dass dort meist über längere Zeit Schnee lag. Volle 43 Tage mit einer Schneedecke schafften beispielsweise Oberstdorf im Allgäu (Bayern) und ein paar weitere Stationen in den höher gelegenen Alpen sowie im Bayerischen Wald.

Wie geht es nun mit dem Winter bzw. dem Schnee weiter? Nach einem Wintereinbruch mit flächendeckenden Schneefällen bis ins Tiefland sieht es derzeit nicht aus, auch wenn es in den nächsten Tagen zeitweise kühler wird als bisher und gebietsweise leichte Niederschläge aufkommen. Für mehr als „Berglandwinter“ oder „Stundenschnee „im Tiefland reicht es aber voraussichtlich erst einmal nicht.

Für „Ski und Rodel gut“ müssen die Hoffnungen also auf den Rest der zweiten Hälfte des Winters gelegt werden. Bei den meisten Wettermodellen für Langfristvorhersagen stehen die Zeichen allerdings weiterhin auf zu mild, was dem Schnee natürlich abträglich wäre. Ganz ähnlich sah es aber auch im vergangenen Winter aus, als im Februar dann doch noch ein größerer Wintereinbruch mit zum Teil viel Schnee bis ins Tiefland folgte – Wiederholung nicht ausgeschlossen.

Dipl.-Met. Simon Trippler

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 15.01.2022

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https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2022/01/DWD-Rodelfrust-in-Nordwestdeutschland.jpg 720 1280 WINDINFO https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2019/07/windinfo_logo_eu-300x212.png WINDINFO2022-01-15 13:51:292022-01-15 13:56:17Rodelfrust in Nordwestdeutschland

Blizzard-ähnliche Zustände im Nordosten der USA

14. Januar 2022/0 Kommentare/in Klima, Thema des Tages, Wetter, Wind/von WINDINFO

Während sich das Wetter hierzulande im Einflussbereich des umfangreichen Hochs CARLOS eher von seiner ruhigen Seite zeigt, geht es in den kommenden Tagen im Nordosten der USA und Kanadas deutlich „ruppiger“ zur Sache. Zwar schrammen am kommenden Samstag kräftige Regen- und Schneefälle samt Orkanböen noch östlich an Quebec im Osten Kanadas vorbei und betreffen eher die dünn besiedelten Regionen von New Brunswick und Labrador, doch das wird sich zum Wochenwechsel ändern.

So entwickelt sich in guter Modellübereinstimmung im Laufe des Sonntags im Raum Louisiana ein kräftiges Tiefdruckgebiet, dessen Kerndruck sich binnen 48 Stunden von rund 1015 hPa auf unter 990 hPa vertieft. Das erfüllt zwar per definitionem noch nicht den Tatbestand einer rapiden Zyklogenese (24 hPa Druckfall binnen 24 Stunden, siehe zum Beispiel Thema des Tages vom 07.01.2018), ist aber dennoch insofern bemerkenswert, als dass die „ultimativen“ Luftmassen noch gar nicht aufeinandertreffen. Luftmassengegensätze sind der wesentliche Antrieb für die Entstehung von Tiefdruckgebieten. Die Atmosphäre ist bestrebt, die gegensätzlichen Temperaturen zwischen Pol und Äquator ständig auszugleichen, wozu die Tiefdruckwirbel durch den Transport warmer Luftmassen polwärts und kalter Luftmassen Richtung Äquator einen wesentlichen Beitrag leisten. Wenn zudem noch ein starkes Ausströmen in der Höhe überlagert ist, wodurch eine Art Sog am Boden entsteht, setzt starker Druckfall ein – ein neues Tief entsteht. In diesem Fall ist ein kleinräumiges Höhentief und sehr warme Luft über dem Golf von Mexiko förderlich. Arktische Kaltluft dringt aber zunächst nur über Umwege bis in den Mittleren Westen der USA vor und hat sich bis dahin auch ordentlich erwärmt. Die Luftmassengegensätze halten sich folglich zunächst noch in Grenzen.

Nachdem das Tief im Laufe des Sonntags über Alabama und Georgia hinwegzieht und fortan allmählich einen nordöstlichen Kurs einschlägt, kommt es dort schon zu ersten kräftigeren Schnee- und Regenfällen, über Florida neben teils kräftigen Gewittern auch zu Sturmböen. Ein entscheidender Schritt zur weiteren Vertiefung setzt allerdings erst im Laufe des Sonntags ein, wenn das Tief entlang der Ostküste der USA nordwärts zieht. Nun wird auf dessen Rückseite mit nordwestlichen Winden Polarluft aus Kanada angezapft. Diese hatte sich in abgeschwächter Form bereits vor wenigen Tagen bis in den Nordosten der USA durchgesetzt. Beispielhaft dafür die Tiefstwerte von New York (Kennedy Airport) der letzten Tage: Mo, 10.01.: -2,8 Grad Di, 11.01.: -8,9 Grad Mi, 12.01.: -10,0 Grad Do, 13.01.: -2,2 Grad

Dadurch wird nun nochmal einiges an Potential aus dem Tief, das mittlerweile auf den Bundesstaat Virginia zusteuert, freigelegt. So stehen der Region zwischen Virginia, Pennsylvania bis zum Erie- und Ontariosee Blizzard-ähnliche Zustände bevor. Doch was bedeutet das überhaupt? Als Blizzard bezeichnet man einen starken Schneesturm in Nordamerika, der in vielen Fällen das öffentliche Leben als Folge von Stromausfällen, Schäden an der Infrastruktur und teils meterhoher Schneeverwehungen in den betroffenen Regionen vorübergehend lahmlegt. Allerdings wird der Begriff mittlerweile nicht nur in Nordamerika, sondern auch in anderen Teilen der Welt verwendet. Nach Definition des US-Amerikanischen Wetterdienstes müssen folgende Bedingungen mindestens 3 Stunden erfüllt sein:

– Windgeschwindigkeiten von wenigstens 56,3 km/h (35 Meilen/Stunde, Bft 7) – heftiger Schneefall und/oder aufgewirbelter Schnee (Schneetreiben) – Sichtweiten unter 400 m (1/4 Meile)

Weitergehende Informationen finden Sie auch im DWD Wetterlexikon.

Verbreitet werden die Kriterien wahrscheinlich nicht erreicht, dafür fehlt es in der Summe sowohl etwas an Wind (Böen meist zwischen 40 und 50 km/h) als auch an Schneefallintensität. Lokal – gerade zwischen Washington und Buffalo – können die Schwellen für wenigstens 6 Stunden aber schon erfüllt sein, weshalb es der Begriff „Blizzard-ähnliche Zustände“ wohl am besten beschreibt. In der beigefügten Grafik sieht man, dass in dem genannten Gebiet laut des ICON-Vorhersagemodells lokal durchaus 20-30 Zentimeter Neuschnee bis Montagmittag zu erwarten sind. Dazu existieren bereits Vorabinformationen des US-Amerikanischen Wetterdienstes. Die Küstenstädte Washington, New York und Boston kommen voraussichtlich glimpflich davon, da sie noch sehr lange vorderseitig des Tiefs in einer milden südlichen Strömung verbleiben mit deutlich positiven Temperaturen und kräftigen Regenfällen. Wenn die kanadische Kaltluft im Laufe des Montags einsickert, klingen die Niederschläge auch schon wieder ab.

Apropos Kanada, zur Erinnerung: Nach dem Hitzerekord mit knapp 50 Grad aus dem vergangenen Sommer 2021 und einer weiteren Höchstmarke von 22,5 Grad im Westen Kanadas Anfang Dezember, kam erst kürzlich vor dem Jahreswechsel die Region im Northwest Territory in die Schlagzeilen, wo an der Station Rabbit Kettle Tiefstwerte unter -51 Grad gemessen wurden. Ein neuer Kälterekord in Kanada. Allesamt Werte, von denen wir hierzulande weit entfernt sind. An den Höchstwerten, die meist zwischen 2 und 8 Grad liegen, wird sich vorerst kaum etwas ändern. In den Nächten gibt es vor allem in der Südhälfte vielfach leichten Frost. Naja, zugegeben, es müssen ja nicht gleich -50 Grad sein, aber ein bisschen mehr „Nachschlag“ darf es nach Meinung vieler Winterfans hierzulande schon noch geben.

Dipl.-Met. Robert Hausen

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 14.01.2022

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2022/01/DWD-Blizzard-aehnliche-Zustaende-im-Nordosten-der-USA.png 812 843 WINDINFO https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2019/07/windinfo_logo_eu-300x212.png WINDINFO2022-01-14 16:18:172022-01-14 16:24:09Blizzard-ähnliche Zustände im Nordosten der USA

Milderung über Umwege

13. Januar 2022/0 Kommentare/in Klima, Thema des Tages, Wetter, Wind/von WINDINFO

Ruhig ist es derzeit in Deutschland, was das Wetter angeht – Hoch CARLOS sei Dank. Okay, im Nordosten ist’s etwas windig, aber mehr als ein müdes „Aha…“ dürfte das nur den Wenigsten entlocken. In der Südwesthälfte herrscht dagegen eher Flaute, wie am gestrigen Mittwoch in weiten Teilen des Landes. In höheren Luftschichten zeigte sich gestern dagegen eine zum Teil sehr lebhafte Nordströmung, die heute auf Nordwest dreht. Damit wurde das Land bis gestern noch mit subpolarer Meeresluft versorgt, deren Temperatur in rund 1500 bis 1600 m Höhe bei -1 bis -4 Grad lag.

„1500 bis 1600 m Höhe? Wen interessiert das denn bitte?“ werden Sie sich vielleicht fragen. Tatsächlich ist das ein in der Meteorologie gern genutzter Höhenbereich. Genauer genommen bedient man sich dem Druckniveau 850 hPa, das im Mittel etwa in 1500 m Höhe zu finden ist. Denn dort bleibt die Luft im Allgemeinen unbeeinflusst von bodennahen Prozessen wie beispielsweise Reibung, nächtlicher Auskühlung oder Erwärmung tagsüber. Damit lassen sich Aussagen über die „Qualität“ einer Luftmasse treffen, also zum Beispiel über ihre Temperatur und Feuchte. Bei einer gut durchmischten Luftmasse, wie sie vor allem an sonnigen Sommertagen – im Winter dagegen eher selten – vorhanden ist, dient die Temperatur in dieser Höhe zudem als grober Richtwert für die zu erwartende Höchsttemperatur in 2 m über Grund. Als Faustregel kann man dann nämlich sagen, dass die Temperatur ausgehend von der Höhe in 850 hPa bis zum Boden um 1 Kelvin pro 100 m zunimmt (entspricht 1 Grad Celsius pro 100 m, Temperaturdifferenzen werden offiziell allerdings in Kelvin angegeben).

Am gestrigen Mittwoch lag die Temperatur der Luft in 850 hPa über Deutschland, wie gesagt, bei -1 bis -4 Grad. Heute Mittag wird sie dagegen bereits bei +8 Grad im Norden und um +1 Grad ganz im Süden liegen. Im Großen und Ganzen bedeutet das eine Erwärmung um 5 bis 10 Kelvin innerhalb von 24 Stunden. Und das bei einer nordwestlichen Höhenströmung? Kommt da eigentlich nicht die kalte Luft her und die warme Luft aus Süden oder Südwesten? Tja, eigentlich schon und im Prinzip ist es auch so.

Zur Erklärung springen wir noch einmal zurück zum Beginn der Woche (keine Sorge, nur in Gedanken). Denn zu diesem Zeitpunkt lag einerseits „unser“ Hoch noch über dem mittleren Nordatlantik, westlich der Azoren und machte sich in der Folge Richtung Westeuropa auf. Andererseits wirbelte ein umfangreiches Sturmtief zwischen Grönland und Ostkanada. Zwischen diesen beiden Druckgebilden stellte sich eine kräftige südwestliche Strömung ein, mit der ein Schwall sehr milder Meeresluft bis in den Nordostatlantik vorstieß. Von dort wurde sie im Uhrzeigersinn um das Hoch herumgeführt und gelangte so über die Nordsee – also aus Nordwesten – bis nach Mitteleuropa. Durch Überströmung des norwegischen Gebirges kann sich die Luft in 850 hPa über Südschweden föhnbedingt sogar auf rund +10 Grad erwärmen.

Doch zurück nach Deutschland. Würden die oben erwähnten +8 Grad im Norden an einem sonnigen Sommertag eine Höchsttemperatur von etwa 23 Grad in 2 m Höhe bedeuten, reicht es dort heute „nur“ für 6 bis 8 Grad (was für Januar aber natürlich recht mild ist). Die Gründe dafür sind schlicht fehlende Sonnenunterstützung und schlechte Durchmischung. Im Süden werden überwiegend immerhin 2 bis 5 Grad erreicht, besonders südlich der Donau wird man es dagegen schwer haben, überhaupt aus dem Frostbereich zu kommen.

Auch die nächsten Tage über bleibt bzw. wird es mild – zumindest in 2 m Höhe. In rund 1500 m fällt die Temperatur dagegen ab Sonntag schon wieder verbreitet in den negativen Bereich – zum Wochenstart im Nordosten eventuell sogar auf -8 Grad. Aus Norden strömt dann nämlich Polarluft nach Mitteleuropa – ohne Umwege.

Dipl.-Met. Tobias Reinartz

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 13.01.2022

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

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Wo ist der Schnee hin?

12. Januar 2022/0 Kommentare/in Klima, Thema des Tages, Wetter, Wind/von WINDINFO

Am vergangenen Samstagmorgen (08.01.22) rieb sich die eine oder der andere vor allem in der Südhälfte Deutschlands sicherlich die Augen. Beim Blick aus dem Fenster schaute man selbst im sonst so schneearmen Rhein-Main-Gebiet auf eine weiße Schneelandschaft. Innerhalb von wenigen Stunden kamen in Offenbach immerhin 14 Liter pro Quadratmeter an Niederschlag vom Himmel. Daraus resultierte schließlich eine Schneedecke von gemessenen 5 cm, im Norden Frankfurts waren es noch ein paar Zentimeter mehr. Ging man höher hinaus ins Bergland, so kamen dort sogar ganz anständige Mengen über 10 cm, im Taunus sogar bis zu 21 cm über Nacht zusammen. Dies zog den Schnee- und Wintersportliebhaber am Samstag natürlich raus in die Natur und man konnte sich im Schneemannbauen messen oder mit dem Schlitten um die Wette rodeln.

Aber so schnell der Schnee gefallen war, so schnell schmolz er auch wieder weg. Denn in der Nacht zum Sonntag brachte Tief „Doreen“ etwas mildere Luft und Regen, womit es dem Schnee dann zumindest in tieferen Lagen vollends an den Kragen ging. Anhand der Aufnahmen von Webcams konnte man das auch online gut verfolgen. Im Anschluss an das Thema des Tages unter. sind deshalb beispielhaft zwei Webcams in Darmstadt und Fürstenfeld ausgewählt, die jeweils ein Bild von Samstag, dem 08.01.22, als auch von Sonntag, dem 09.01.22, zeigen.

Höhere Lagen profitierten hingegen am Sonntag von „Doreen“. So kamen vom Thüringer Wald und dem Erzgebirge bis zum Bayerischen Wald sowie im Schwarzwald und dem Allgäu nochmals einige Zentimeter an Neuschnee zusammen, punktuell waren es sogar mehr als 10 cm. Dies war einerseits natürlich gut für den entspannten Hobbywintersportler, professionelle Biathleten, die in Oberhof am Rennsteig im Thüringer Wald zum Weltcup antraten, liefen hingegen sicherlich keine Bestzeiten bei dem bremsenden Neuschneegestöber.

In dieser Woche lässt es das Wettergeschehen in Deutschland wieder etwas ruhiger angehen. Lediglich zum Wochenstart fielen am Alpenrand nochmal bis zu 10 cm, im Berchtesgadener Land kamen sogar 15 cm zusammen. Ansonsten dürfte der Schnee in tieferen Lagen leider „von gestern“ sein. Wo finden wir also aktuell noch etwas mehr von der „weißen Pracht“? Wo lohnt es sich noch, die Langlaufskier anzuschnallen?

Die schlechte Nachricht: Der Schnee hat sich meist bis in Berglagen zurückgezogen. In tiefen Lagen finden sich – wenn überhaupt – nur noch Schneereste, die wahrscheinlich nur wenig zum echten Winterfeeling beitragen.

Die gute Nachricht: Im Bergland gibt es noch reichlich Schnee. In den Mittelgebirgen finden sich zumindest gebietsweise ab etwa 400 bis 500 m rund 10, in höheren Lagen sogar 20 bis 30 cm an Schnee. Entsprechend gibt es einige Skigebiete, die ihre Pisten und Loipen aktuell geöffnet und präpariert haben. An einigen Stellen sorgen darüber hinaus Schneekanonen für weitere künstliche Zuwächse: In Winterberg misst die Schneedecke auf der Piste so bis zu 50 cm. Schaut man auf die Höhen des Schwarzwalds, findet man diese Mengen auch ohne den Einsatz von Schneekanonen. Dort sollten sich aktuell die höchsten Schneemassen auftürmen, wenn man von den deutschen Mittelgebirgen ausgeht.

Noch eine „Schippe“ mehr Schnee findet man in den Alpen. Dort herrscht im Winter – je nach Höhenlage – eine gewisse Schneesicherheit. Wintersportler sind dort deshalb immer ganz gut aufgehoben. Während im Allgäu aktuell sogar in tieferen Lagen noch einige Zentimeter Schnee liegen, finden sich ab 1000 m schon 20 bis 40 cm, ab 1500 m sind es schon über 50 cm. Ab 2000 m kommt man schon auf deutlich mehr als einen Meter, wie beispielsweise auf dem Zugspitzplatt, wo aktuell 136 cm gemessen werden.

Mit diesen Schneehöhen muss man sich in dieser Woche allerdings zufriedengeben. Denn Neuschnee ist erst einmal nicht in Sicht. Außerdem könnte die einfließende, mildere Luft bei positiven Tageshöchstwerten zu einem allmählichen Abschmelzen der Schneedecke führen. Ab Sonntag könnte sich die Wetterlage zumindest vorübergehend wieder umstellen, was mit weiteren Niederschlägen einhergeht. Zwar ist der genaue Ablauf aus heutiger Sicht noch mit einigen Unsicherheiten verbunden, zumindest im Bergland dürfte es jedoch für einen Nachschlag an Schneekristallen reichen.

MSc.-Met. Sebastian Schappert

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 12.01.2022

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

 

 

https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2022/01/DWD-Wo-ist-der-Schnee-hin.png 682 1022 WINDINFO https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2019/07/windinfo_logo_eu-300x212.png WINDINFO2022-01-12 14:58:262022-01-12 15:04:37Wo ist der Schnee hin?

Im Mittelmeer spielt die Musik

11. Januar 2022/0 Kommentare/in Klima, Thema des Tages, Wetter, Wind/von WINDINFO

In Mitteleuropa respektive Deutschland übernimmt eine veritable und beständigere Hochdruckzone in den kommenden Tagen die Regie. Das Wettergeschehen gelangt somit wieder in ruhigeres Fahrwasser, wodurch vermehrt Grenzschichtprozesse (Stichworte Nebel und Hochnebel) zum Tragen kommen. Wirft man den Blick jedoch ins östliche Mittelmeer, stellt man schnell fest, dass das Wetter bei uns doch recht „harmlos“ ist.

Tief „DOREEN IV“ (ihre Vorläufer I-III sind bereits über West- und Mitteleuropa in die Knie gegangen) entstand in der Nacht zum Sonntag durch einen ins westliche Mittelmeer abgeführten Höhentrog- und Kaltluftvorstoß als Leezyklogenese im Golf von Genua. DOREEN verlagerte sich anschließend mit ihrem korrespondierenden Höhentiefkomplex über die Apenninhalbinsel hinweg und erreichte am gestrigen Montag das Ionische Meer vor der Westküste Griechenlands. Dabei schaufelt DOREEN auf der Vorderseite milde und feuchte Luftmassen von Nordafrika und dem südöstlichen Mittelmeer vor allem nach Griechenland und in den Süden Anatoliens. Gleichzeitig stößt an der Ostflanke einer Hochdruckzone, die sich von Mitteleuropa bis nach Nordwestrussland erstreckt und auf den Namen BERNHARD getauft wurde, polare Kaltluft zur Balkanhalbinsel vor. Diese aufeinandertreffenden Luftmassen lösen teils heftige, konvektiv und mitunter auch mit Gewittern durchsetzte Niederschläge aus, die sich vor allem von Griechenland über die Ägäis bis an die Südküste der Türkei abladen. In den zurückliegenden 24 Stunden zeigten einige Messstationen etwa am Golf von Gökova (nördlich der Insel Rhodos) zwischen 57 und 77 Liter pro Quadratmeter aber auch in der mittelgriechischen Region Thessalien wurden um oder etwas über 40 Liter pro Quadratmeter gemessen (siehe Abbildung 1). Mit der vor allem zunächst auch nach Griechenland vordringenden Kaltluft sinkt auch die Schneefallgrenze. So kommen vor allem im Pindos-Gebirgszug (zentraler Gebirgskamm, der das westliche Griechenland in südsüdöstlicher Richtung durchzieht) oder im Olymp Gebirge oberhalb etwa 800 bis 1000 Meter verbreitet 30 bis 80 Zentimeter, in den höchsten Lagen auch um oder etwas über einen Meter Neuschnee bis einschließlich des morgigen Mittwochs zusammen. Und auch entlang der Taurus-Gebirgskette an der Südküste der Türkei summieren sich die Neuschneemengen auf ähnliche Werte, wenngleich die Schneefallgrenze hier meist eher um 1500 Meter oder etwas darüber liegen dürfte.

Doch damit nicht genug. Zwischen DOREEN und BERNHARD kommt es zu beachtlichen Luftdruckgegensätzen, die schließlich einen strammen Nordostwind an der istrischen und dalmatischen Adriaküste in Gang setzen. Sogar einen eigenen Namen trägt dieses Windphänomen: „Bora“. Die Bora beschreibt einen kalten, trockenen und stark böigen Fallwind, der vom höher gelegenen Karstplateau der Balkanhalbinsel über die im Mittel 1000 m hohen Gebirgszüge der Dinariden zur Adria hinab strömt und in Böen teils Orkanstärke erreichen kann. Besonders stark ist sie im Windschatten des Velebit-Gebirges, dem steilsten und markantesten Gebirgszug der Dinarischen Alpen in Kroatien (bis 1750 Meter Höhe). Die höchste Windgeschwindigkeit im Zusammenhang mit Bora wurde in der südlichen Velebit-Region gemessen: 248 km/h (29. Oktober 1994).

Man kann sich diese Überströmung der Gebirgsschwelle wie in einem randvollen Stausee vorstellen, bei dem nur die oberste Wasserschicht über die Staumauer in die Tiefe schwappt, während der Rest der angestauten Luft im Luv liegen bleibt. Die hohen Windgeschwindigkeiten ergeben sich zum einen durch die Umwandlung von potentieller Energie (Lageenergie aufgrund der Höhenlage am Kamm) in kinetische Energie oder anders gesagt Bewegungsenergie, wodurch es zu einer Beschleunigung der Luft kommt.

Zum anderen wird dieser Effekt noch durch die Topografie des Dinarischen Gebirges verstärkt. Anders als die massiven Alpen weist das Küstengebirge von Slowenien bis nach Montenegro einige Täler und Schluchten auf, durch die die Luft strömen kann. Dabei wird sie kanalisiert und wie bei einem Düseneffekt erheblich beschleunigt (Stichwort Venturi-Effekt). Zusätzliche Geschwindigkeit kann das Luftpaket außerdem aufnehmen, wenn es aus einer engen Schlucht in eine Talmündung oder am Rande des Gebirges an der Adria angelangt. Diesen neu gewonnenen Platz möchte das Luftpaket einnehmen und muss dadurch seine Schichtdicke verringern, wodurch erneut Lageenergie in Bewegungsenergie umgesetzt wird und das Luftpaket somit eine weitere Beschleunigung erfährt (Stichwort Bernoulli-Effekt).

An der kroatischen und montenegrinischen Adria wurden in den letzten sechs Stunden bis Dienstagmorgen vielfach Böen zwischen 75 und 100 km/h, in Dubrovnik bis 115 km/h registriert. Spitzenreiter war Rijeka an der Kvarner Bucht mit einer Orkanböe von 133 km/h (Siehe Abbildung 2). Insbesondere heute tagsüber werden weiterhin Sturm- und Orkanböen in einer den Messwerten vergleichbaren Preisklasse erwartet (siehe Abbildung 3).

Am Mittwoch schwächt sich die Bora dann aber doch durch die Ostwärtsverlagerung von Tief DOREEN über Kreta hinweg allmählich ab. Jedoch ermöglicht diese langsame Verschiebung, dass sich der größte Druckunterschied zunehmend zwischen der östlichen Balkanregion und Kreta befindet, wodurch die Kaltluft heute bereits über Thrakien hinweg zunächst in die nördliche Ägäis mit Schmackes vordringen kann. Neben (schweren) Sturmböen bis 100 km/h sind auf freier See auch Orkanböen wahrscheinlich. Am morgigen Mittwoch weht der stürmische Nordwind dann ähnlich stark über die südliche Ägäis bis ins Seegebiet rings um Kreta herum (siehe Abbildung 4). Erst am Donnerstag lässt die Sturmlage in der Ägäischen See durch die weitere Abschwächung von DOREEN über der Zyprischen See nach.

M.Sc.-Met. Sebastian Altnau

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 11.01.2022

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https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2022/01/DWD-Im-Mittelmeer-spielt-die-Musik.png 716 1288 WINDINFO https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2019/07/windinfo_logo_eu-300x212.png WINDINFO2022-01-11 12:08:392022-01-11 12:17:45Im Mittelmeer spielt die Musik

Nasse erste Januardekade

10. Januar 2022/0 Kommentare/in Klima, Thema des Tages, Wetter, Wind/von WINDINFO

Mit dem heutigen Tag (10.01.2022) endet die erste Dekade des Januars und damit die erste Monatsdekade des neuen Jahres 2022. Den meisten wird sie nicht nur aufgrund der großen Temperaturschwankungen in Erinnerung bleiben (siehe Thema des Tages vom 04.01.2022), sondern auch wegen der Unbeständigkeit und der mitunter kräftigen, immer wiederkehrenden Niederschläge. Doch wie nass war es wirklich?

Die Abbildung 1 der Grafik, die Sie unter diesem Artikel auf finden können, zeigt die Niederschlagssummen, wie sie in Deutschland zwischen 1. und 10. Januar gefallen sind. Es handelt sich dabei um eine Abschätzung auf Grundlage der Daten unserer Wetterradare. Demnach traten verbreitet Mengen zwischen 30 und 60 l/qm, in einem breiten Streifen über der Mitte gebietsweise 60 bis 80 l/qm und in Staulagen der Mittelgebirge sogar stellenweise über 100 l/qm auf. Wie man der Abbildung 2 entnehmen kann, entspricht das vor allem in dem erwähnten Streifen ziemlich flächig der doppelten bis dreifachen Menge, die eigentlich innerhalb der ersten Januardekade zu erwarten wäre, also 200-300% des Niederschlagssolls. Damit ist sogar das Monatssoll an Niederschlag mitunter schon erreicht oder überschritten. Die erste Januardekade war also tatsächlich ungewöhnlich nass, in den Bergen vor allem in der zweiten Hälfte auch schneereich.

Wie so oft achtet die Natur selten auf eine gerechte Verteilung des Niederschlags. So gab es auch in der ersten Januardekade einige Regionen, die in Bezug auf das „Nass von oben“ weniger gesegnet waren. Diesmal betrifft es einen schmalen Streifen vom Osnabrücker Land bis zum Harz sowie von der Altmark und der Magdeburger Börde bis zur Neiße und den Alpenrand. Hier kamen teils deutlich weniger als 30 l/qm zusammen. Bei einem Wert von teilweise unter 50% des Solls kann man durchaus von einem deutlich zu trockenen Wetterabschnitt sprechen.

Im Hinblick auf die Natur, die nach wie vor unter den Nachwirkungen der phasenweise ernstzunehmenden Trockenheit der letzten Jahre leidet, wäre eine Fortdauer der niederschlagsreichen Witterung wünschenswert. Dem ist aber nicht so. Abbildung 3 und 4 zeigen die aufsummierten Niederschläge der nächsten 7 Tage, berechnet vom DWD-Modell ICON und von EZWM, dem Modell des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersagen. Demnach sind gebietsweise lediglich 1 bis 5 l/qm zu erwarten, mit etwas Glück in Staulagen sowie an den Alpen bis 10 l/qm. Insbesondere ICON sieht sogar größere Bereiche in der Südhälfte, die gänzlich trocken bleiben könnten. Ursache dafür ist ein kräftiges Hochdruckgebiet, was sich in den kommenden Tagen über Westeuropa etabliert. Es blockiert die atlantischen Tiefausläufer, die allenfalls sehr abgeschwächt den Norden und Nordosten des Landes streifen.

Nach der sehr feuchten ersten Dekade, schickt sich die zweite also an, das mühsam erarbeitete Plus an Niederschlag nach und nach aufbrauchen zu wollen. Bleibt zu hoffen, dass sich dieser Trend nicht bis Monatsende fortsetzt. Denn die nächste Dürre kommt bestimmt.

Dipl.-Met. Adrian Leyser

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 10.01.2022

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https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2022/01/DWD-Nasse-erste-Januardekade.png 1528 2843 WINDINFO https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2019/07/windinfo_logo_eu-300x212.png WINDINFO2022-01-10 15:24:032022-01-10 15:30:09Nasse erste Januardekade

Schneefall – der zweite und vorerst letzte Teil

9. Januar 2022/0 Kommentare/in Klima, Thema des Tages, Wetter, Wind/von WINDINFO

Bereits im gestrigen Thema des Tages war der Schneefall der Hauptakteur und so soll es auch am heutigen Sonntag sein. Denn seit gestern Abend gab es zum Teil wieder ordentlich Neuschnee. Verantwortlich dafür war dieses Mal allerdings kein kleinräumiges Tief wie in der Nacht zum Samstag, sondern ein deutlich umfangreicheres, namens DOREEN, welches sich gestern noch südlich von Island befand. Mittlerweile liegt DOREEN deutlich abgeschwächt bei Schottland, sie konnte aber immerhin noch einen schwachen Ableger von sich über der Nordsee platzieren, der sich nun für unser Wetter in Deutschland verantwortlich zeigt.

Dass DOREEN ihren Zenit bereits überschritten hatte, sah man auch beim Blick auf das zugehörige Frontensystem. Diese bestand nämlich schon gestern nicht mehr nur aus einer Warm- und einer Kaltfront, wie es bei jungen „aufstrebenden“ Tiefs der Fall ist. Nein, ein Teil des Frontensystems war bereits okkludiert, d.h. die Kaltfront hat begonnen, die Warmfront einzuholen, wodurch die dazwischen befindliche, erwärmte Luft vom Boden abgehoben wurde.

Mit Übergreifen des Frontensystems auf den Westen Deutschlands in der vergangenen Nacht war die Front dann zwar bereits vollständig okkludiert, im Vorfeld konnte aber zumindest vorübergehend doch noch etwas mildere Luft einsickern. Fiel nachmittags zunächst teils noch bis in tiefe Lagen Schnee (wie zum Beispiel am Flughafen Köln/Bonn auf 92 m Höhe), stieg die Schneefallgrenze im Verlauf rasch an und lag im Westen dann zeitweise bei rund 600 m, ehe sie sich dort zum Morgen hin wieder bei rund 400 m einpendelte. Im Schwarzwald meldete am späten Abend sogar die Station Freudenstadt auf knapp 800 m kurzzeitig nur noch Schneeregen.

Mit weiterem Vorankommen der Okklusion und der damit verbundenen Niederschläge ostwärts bis in die Mitte und den Südosten, hatte es diese vorübergehende Milderung bis zum Morgen immer schwerer, „Fuß zu fassen“. In der Folge fielen die Niederschläge oberhalb von rund 400 m fast durchweg als Schnee. Kurzzeitig reichte es zum Teil auch in tiefen Lagen wieder für eine weiße Überraschung oder anders ausgedrückt: „Stundenschnee“ (= ein paar Stündchen weiß, danach schnell Matsch). In beigefügter Grafik  sind die heute früh um 7 Uhr gemessenen Schneehöhen dargestellt. Über der Mitte und Richtung Südosten liegen demnach etwa oberhalb von rund 400 m verbreitet über 5 cm, oft sogar über 10 cm. Ähnliche Mengen sind auch in etwas höheren Lagen im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb anzutreffen. In Lagen um bzw. über 600 m werden über der Mitte häufig 20 bis 30 cm gemeldet. Noch mehr Schnee liegt naturgemäß in den Alpen.

Diese Schneehöhen werden aber heute mit Sicherheit noch nicht das Ende der Fahnenstange sein, denn vor allem im zentralen und östlichen Mittelgebirgsraum sowie an den Alpen schneit es oberhalb von etwa 400 bis 600 m noch tüchtig weiter, zum Teil bis in den Nachmittag hinein. Dort dürften also zu den oben beschriebenen Mengen durchaus noch einmal um 5, in Hochlagen auch um 10 cm Neuschnee dazukommen.

Im weiteren Tagesverlauf lassen die Niederschläge allmählich nach und am morgigen Montag reicht es nur noch in den östlichen Mittelgebirgen sowie im Südosten für etwas Schneefall, der allerdings – wenn überhaupt – nur noch geringen Neuschneezuwachs mit sich bringt. Der große Rest des Landes gelangt dagegen unter Hochdruckeinfluss, der sich am Dienstag auch bis in den Südosten durchsetzt. Die Folge: Wetterberuhigung und zum Teil knackig kalte Nächte!

Dipl.-Met. Tobias Reinartz

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 09.01.2022

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Schneefall

8. Januar 2022/0 Kommentare/in Klima, Thema des Tages, Wetter, Wind/von WINDINFO

Wir schreiben den achten Januar im Jahr 2022. Es ist Vollwinter und nach einer Mildzeit zum Jahreswechsel hat sich die Luft nun auf mitteleuropäischen Winter abgekühlt. Die Tage weisen Höchstwerte unter 10 Grad auf und die Nächte sind häufig frostig. Kein Wunder also, dass Niederschläge zunehmend als Schnee fallen. So geschehen in der Nacht vom Freitag (07.01.2022) auf den heutigen Samstag (08.01.2022).

Ausgehend von einem Trog, der von Südskandinavien bis weit nach Frankreich reichte, bildete sich am Freitagnachmittag über dem Ärmelkanal ein kleinräumiges Tief. Dieses zog zunächst südwärts bis etwa Paris und folgte dann dem Trog ostwärts nach Deutschland. Um das Tief herum sammelte sich feuchte Luft, die bei ausreichender Sättigung ausregnete. Da nun aber in der Höhe kalte Luft aus Norden eingeströmt war, die sich auch bis in tiefere Luftschichten durchsetzen konnte, regnete es nicht, sondern es schneite. Das Niederschlagsfeld des Tiefs erreichte die Regionen von der Südeifel bis an die Saar im Laufe des späteren Abends. Etwa gegen Mitternacht wurden bereits die Regionen am Mittelrhein erfasst. Im weiteren Verlauf zog das Tief zügig über das Rhein-Main-Gebiet und erreichte am frühen Morgen Unterfranken. Die höchsten Niederschlagsmengen gab es an der Nordflanke des Tiefs.

In einem 12-stündigen Zeitraum fielen zwischen der Mosel und dem Rhein-Main-Gebiet verbreitet 10 bis 15 l/m². Diese kamen in den Lagen oberhalb von 200 bis 300 m als Schnee herunter. Unterhalb davon mischte sich in den Schnee auch Regen, in den tiefsten Lagen (etwa unterhalb von 100 m) reichte es meist nicht für eine geschlossene Schneedecke. Die gemessenen Neuschneemengen lagen am Samstagmorgen in Mittelhessen und Rheinland-Pfalz meist zwischen 3 und 8 cm. In Bad Vilbel/HE knapp nördlich von Frankfurt am Main reichte es für 9 cm, in Wiesbaden/HE wurden 2 cm registriert. Im Bergland schneite es durchgehend und auf dem Kleinen Feldberg im Taunus/HE wuchs die Schneehöhe in der Nacht um 21 cm auf 27 cm Gesamtschnee am Samstagmorgen. Auf der Wasserkuppe in der Rhön/HE fielen in der Nacht 12 cm Neuschnee und erhöhten die Gesamtschneemenge auf 24 cm. In der Südeifel/RP wurden 10 cm Neuschnee in Nürburg und 17 cm in Weißenseifen registriert, im Hunsrück fielen bis zu 14 cm.

Südlich des Tiefs frischte der Wind kräftig auf und brachte in Baden-Württemberg verbreitet Böen zwischen 50 und 60 km/h (Bft 7). Im Bergland wurden Sturmböen um 80 km/h registriert, auf dem Feldberg im Schwarzwald gab es gar schwere Sturmböen bis knapp 100 km/h. In diesem Bereich waren die Niederschläge eher schwacher Natur und so kamen bis zum Morgen nur 1 bis 4 Zentimeter Neuschnee zusammen. Unterhalb von 400 m fiel meist nur Regen.

Am heutigen Vormittag zieht das Tief weiter ostwärts und beschert auch Nordbayern und Thüringen teils signifikante Schneemengen. Mit der Milderung tagsüber wird der Schnee in den tiefen Lagen im Westen und Südwesten meist wieder wegtauen. Im Bergland sowie im Osten und Südosten des Landes hält sich der Schnee etwas länger.

Dipl.-Met. Jacqueline Kernn

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 08.01.2022

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