SWANTJE – ein bemerkenswertes Tief

Das Tief SWANTJE, was laut Wikipedia übrigens so viel bedeutet wie „kleiner Schwan“ oder „Tochter der Schwäne“, zieht aktuell über dem Nordatlantik und Skandinavien seine Kreise. Bei den Kolleginnen und Kollegen der Berliner Wetterkarte, die für die Vergabe der Hoch- und Tiefdrucknamen verantwortlich sind, tauchte das Tief erstmals am frühen Sonntag (02.06.2024) bei Grönland auf. Mit ihrer nunmehr fünftägigen Lebensdauer fällt sie nicht wirklich aus dem Rahmen. Allerdings hat sich SWANTJE einer Metamorphose unterzogen, die dazu führte, dass am heutigen Freitagmittag (07.06.2024) sogar vier eigenständige Tiefkerne beobachtet werden können – eine Zahl, die doch relativ selten auf den Wetterkarten auftaucht.

DWD SWANTJE ein bemerkenswertes Tief

In der Abbildung 1 ist die entsprechende Prognosekarte dargestellt. Dass die vier Kerne mit den römischen Ziffern II bis V durchnummeriert sind, lässt den Schluss zu, dass der ursprüngliche Kern I sich inzwischen aufgefüllt hat. Dafür bewegt sich ein kleinräumiges Tief in SWANTJES „Dunstkreis“ bzw. Zirkulationsfeld von der schottischen Nordseeküste nach Osten. Vielleicht bekommt es ja noch den „Ehrentitel“ SWANTJE VI verliehen – mal schauen. Klar ist aber, dass das Frontensystem des kleinräumigen Tiefs Kurs auf Norddeutschland nimmt. Damit sorgt der Tiefkomplex namens SWANTJE dort nicht nur für Schauer und kurze Gewitter, sondern auch für kräftigen Wind.

Wer jetzt glaubt, dass sich das Einflussgebiet von SWANTJE auf den Norden beschränkt, liegt allerdings falsch. Denn auch über dem Süden mischt sie mit – oder besser gesagt ihr Frontensystem. Dieses zieht sich nämlich in einem weiten Bogen von Skandinavien über Osteuropa bis in den Süden Deutschlands. Dort verläuft es in etwa entlang der Donau, was auch bedeutet, dass zwischen Donau und Alpen weiterhin eine feucht-warme und labil geschichtete Luftmasse liegt.

DWD SWANTJE ein bemerkenswertes Tief 1

Dies zeigt die Abbildung 2. Dort sieht man einerseits den Taupunkt (Zahlenwerte), welcher ein Maß für die Luftfeuchtigkeit darstellt. Taupunkte von 10°C oder mehr treten, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, nur südlich des Mains auf. Die Maximalwerte zeigt die Karte zwischen Donau und Alpen, was zumindest belegt, dass die Luftmasse feucht ist. Die zweite Information der Karte unterstreicht die Labilität, denn als Farbflächen sieht man dort die virtuelle Reflektivität unseres hochaufgelösten Modells ICON-D2. Mit anderen Worten: Die Radarreflektivität, die sich zeigen sollte, wenn das Modell mit seinen Vorhersagen richtig liegt. Und da deuten sich im Norden, in noch größerem Maße aber im Süden Wolken und Niederschläge an.

Das bedeutet nichts Gutes für die hochwassergeplagten Bayern, Badener, Württemberger und Schwaben. Es ist zwar zu erwarten, dass die Niederschlagsmengen nicht mehr so exorbitant hoch liegen wie rund um das letzte Wochenende. Und obendrein fällt der Regen über einen längeren Zeitraum. Aber bei den weiterhin gesättigten Böden kann natürlich kein Wasser versickern. Insofern ist im Süden weiterhin Vorsicht geboten.

DWD SWANTJE ein bemerkenswertes Tief 2

Die Abbildung 3 zeigt die laut ICONEU zu erwartenden Niederschläge bis in den Dienstagmittag hinein. In Deutschland ist vor allem ein Streifen vom Hochrhein und dem Bodensee bis nach Niederbayern betroffen. Dort fallen über die fünf Tage verteilt 40 bis 80 l/qm. Dass es auch noch schlimmer geht, deutet sich in Osttirol, Kärnten und Friaul / Venetien an. Dort sollen sich über 100 l/qm, in der Spitze sogar über 120 l/qm aufsummieren.

Und wo ist das Wetter freundlich? Natürlich dort, wo SWANTJE ihre Finger nicht im Spiel hat. Und dies ist in der Mitte Deutschlands der Fall. Denn dorthin streckt vom Atlantik her das Hoch XENOPHILIUS seine Fühler aus. Damit zeigt sich oft die Sonne – und es bleibt weitgehend trocken.

Dipl.-Met. Martin Jonas
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 07.06.2024
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

Der Tag der Entscheidung

Der „D-Day“ (Decision Day) war der erste Tag der Invasion der Alliierten (USA, Kanada, Großbritannien und weitere Verbündete) an der französischen Atlantikküste in der Normandie zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Kalendarisch handelte es sich hierbei um den 06. Juni 1944. Diese groß angelegte Militäraktion startete unter dem Decknamen „Overlord“ und beinhaltete die Einnahme deutscher Stellungen in der Normandie und die Errichtung mehrerer Brückenköpfe, um den Nachzug weiterer Truppen zu ermöglichen. Von dort aus sollte dann die Befreiung des westlichen Europas von der Naziherrschaft erfolgen.

Da diese Militäraktion die Überquerung des unberechenbaren Ärmelkanals mit teils nur bedingt hochseetauglichen Transportbooten erforderte, war eine erfolgreiche Landung maßgeblich vom Wetter abhängig. Die Prognose eines geeigneten Zeitfensters mehrere Tage im Voraus war zur damaligen Zeit fast nicht möglich, denn bereits die Vorhersage des nächsten Tages gestaltete sich schwierig. Zumal es sich bei dieser Region um eine handelt, in der das Wetter sehr variabel ist. Aufgrund dieser Variabilität ist eine Vorhersage über mehrere Tage auch heute noch nur begrenzt möglich. Es kann also mit Fug und Recht behauptet werden, dass diese Wettervorhersage im Jahr 1944 eine der wichtigsten in der Geschichte werden sollte.

Zumal das Militär mehrere Grundvoraussetzungen festlegte:

  • Ebbe, um mögliche Unterwasserhindernisse des Feindes erkennen zu können, aber auch Flut, um nicht bereits weit vor der Küste an Land gehen und sich somit früh im Visier der deutschen Maschinengewehre bewegen zu müssen;
  • Trockener und für schwere Fahrzeuge tragfähiger Boden, somit sollte es in den Tagen zuvor wenig bis gar nicht geregnet haben;
  • Gute Lichtverhältnisse beim nächtlichen Einsatz von Transportflugzeugen und Bombern, was vor allem bei Vollmond gegeben wäre;
  • Kein Morgennebel und kaum Wolken für gute Sichtbedingungen der Fallschirmjäger und
  • Auflandiger Wind von maximal 20 km/h, aber keine Windstille.

Im Mai 1944 wurde der D-Day auf den Morgen des 05. Juni terminiert. Anfang Juni war das Wetter sehr wechselhaft, da über dem Atlantik ein Tiefdruckgebiet dem nächsten folgte. Nun sollte der D-Day verschoben werden, aber um den Moment eines Überraschungsangriffs nicht zu versäumen, wurde der D-Day nur um einen Tag verschoben.

Die Vorhersagen wichen damals stark voneinander ab, sowohl bei den Alliierten untereinander als auch im Vergleich zur deutschen Vorhersage. Für den 05. Juni sollte der Chefmeteorologe Eisenhowers recht behalten, denn eine Kaltfront sorgte für viel Wind und Regen und hätte die Militäraktion unmöglich gemacht. Hinter der Kaltfront zeichnete sich für den 06. Juni vorübergehende Wetterberuhigung im Zusammenhang von Zwischenhocheinfluss ab und somit eröffnete sich ein kurzes Zeitfenster für eine mögliche Invasion. Auf deutscher Seite rechnete man weiterhin mit wechselhaftem und stürmischem Wetter. Dies lag auch daran, dass die Deutschen keine Wetterdaten auf dem Gebiet des Atlantiks zur Verfügung hatten.

Somit wurde am 06. Juni das Überraschungsmoment vonseiten der Alliierten genutzt, auch wenn sich das Wetter tatsächlich erst im Tagesverlauf besserte und dadurch viele Soldaten bereits zu Beginn der Landung ihr Leben lassen mussten.

DWD Der Tag der Entscheidung

M.Sc. (Meteorologin) Tanja Egerer
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 06.06.2024
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

„Sandwichwetter“ mit neuen Starkregenfällen im Süden?

Der große Dauerregen ist zwar erst einmal Geschichte, beständiges, sonniges und warmes Sommerwetter ist aber weiterhin nicht in Sicht. Vielmehr stellt sich bei uns in Deutschland in den nächsten Tagen bis einschließlich des kommenden Wochenendes eine Wetterdreiteilung ein. Im Norden macht sich die Nähe zu den Tiefdruckgebieten über Nordeuropa bemerkbar. In relativ kühler Meeresluft bleibt es wechselhaft mit Schauern und böigem Wind. In den Nächten kühlt es mitunter auf niedrige einstellige Temperaturen ab, in Bodennähe ist sogar lokal leichter Frost nicht ausgeschlossen. Im Süden ist es zwar deutlich wärmer, mit knapp 25 Grad teils sogar frühsommerlich, allerdings ist die Luft auch schwül und neigt ebenfalls zu Schauern und teils kräftigen Gewittern. Im „Sandwich“ dazwischen liegt die breite Mitte, in der eine vom nahen Ostatlantik bis nach Osteuropa reichende Hochdruckbrücke für meist freundliches, trockenes und mäßig-warmes Wetter sorgt.

In Anbetracht der immer noch angespannten Hochwasserlage wollen wir genauer auf die zu erwartenden Niederschläge in den betroffenen Regionen in Süddeutschland schauen. In Abbildung 1 ist der von Mittwoch (2 Uhr MESZ) bis Dienstag (20 Uhr MESZ) aufsummierte Gesamtniederschlag dargestellt, berechnet durch die Wettermodelle ICONECMWFGFS und UK10. Was direkt ins Auge springt, ist, dass die größten Niederschlagsmengen ausgerechnet im Süden simuliert werden. Das sind keine guten Nachrichten für die Hochwassergebiete. Allerdings unterscheiden sich die verschiedenen Modellberechnungen mitunter ziemlich stark im Hinblick auf die genauen Schwerpunkte und die Niederschlagsmengen, was aber bei diesem Vorhersagehorizont nicht verwundert.

DWD Sandwichwetter mit neuen Starkregenfaellen im Sueden

Unter gebührender Berücksichtigung dieser Prognoseunschärfen scheinen aber insbesondere südlich einer Linie Nordbaden-Oberpfalz relativ verbreitet Mengen zwischen 30 und 50 l/qm möglich zu sein, stellenweise auch 50 bis 80 l/qm. Extreme Mengen um oder über 100 l/qm scheinen darüber hinaus nicht ausgeschlossen, vor allem, wenn man sich die Berechnung von GFS ansieht.

Während die Niederschläge bis einschließlich Samstag fast ausschließlich aus Schauern und Gewittern gespeist werden und größere Niederschlagsmengen nur räumlich eng begrenzt auftreten, mehren sich ab Sonntag die Hinweise auf wieder flächigere, schauerartig verstärkte Regenfälle. Schauer und Gewitter sorgen nur für lokal eng begrenzte Sturzflutgefahr, die nicht zuletzt auch aufgrund der vielerorts wasser-gesättigten und wenig aufnahmefähigen Böden aber deutlich erhöht ist. Wirklich problematisch in Bezug auf wieder ansteigende Hochwassergefahr wären aber vor allem die flächigeren Regenfälle ab Sonntag. Doch in Anbetracht der Vorhersageunsicherheiten ist es noch viel zu früh, diese Gefahr wirklich abschätzen zu können.

Dipl.-Met. Adrian Leyser
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 05.06.2024

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Jahrhunderthochwasser in Süddeutschland – eine Nachlese

Entwarnung?

Die aktuelle Hochwasserlage im Süden – insbesondere im Bereich der unteren Donau – ist weiterhin als äußerst kritisch zu bezeichnen. Etliche Pegelstände haben noch immer die höchste Meldestufe 4 überschritten. Der erwartete Scheitel erstreckt sich aktuell zwischen Donauwörth-Regensburg-Passau beziehungsweise steht dort unmittelbar bevor. In Regensburg an der Eisernen Brücke steht das Wasser aktuell bei 615 cm. Vor genau 11 Jahren waren es zum Allzeitrekord 682 cm. In Passau sind 991 cm erreicht und die 10 Meter-Marke könnte laut Prognosen im Tagesverlauf überschritten werden. Für den morgigen Mittwoch wird der Scheitel in Vilshofen erwartet. Bis die Pegel der nur sehr zögernd vorankommenden Welle an der unteren Donau abschwellen, wird es voraussichtlich bis zum Wochenende dauern. Von Baden-Württemberg her gehen die Pegelstände derweil langsam zurück. Dort ist das Schlimmste überstanden.

DWD Jahrhunderthochwasser in Sueddeutschland eine Nachlese

Nun sind wir ja keine Hydrologen, sondern Meteorologen und können daher zumindest aus unserer Perspektive festhalten, dass der große Regen erstmal vorbei ist. Nachdem es gestern gerade am unmittelbaren Alpenrand nochmals heftigst geschüttet hatte, ist mit Zwischenhoch WILLI inzwischen deutlich trockenere Luft auch in den Süden des Landes eingeflossen, womit nun erstmal trockenes Wetter überwiegt. Das ermöglicht uns, ein kleines Resümee der vergangenen Tage zu ziehen.

Was ist passiert?

Die bevorstehende Unwetterlage hatte sich aufgrund der Großwetterlagenkonstellation mehrere Tage im Vorfeld mit ausreichender Sicherheit angekündigt, so dass wir entsprechend handeln konnten und neben den üblichen Vorabinformationen gefolgt von Unwetterwarnungen (ausgegeben am Donnerstagmittag, 30.05.2024) noch vor den ersten Tropfen frühzeitig unter anderem auch mit dem Bevölkerungs- und Katastrophenschutz sowie Hochwasserzentralen in Kontakt waren. Unsicherheiten gab es jedoch bezüglich der genauen Niederschlagsschwerpunkte und insbesondere der gewittrigen Einlagerungen, die eine genaue Prognose erheblich erschwerten.

Es begann in der Nacht zum Freitag, wo zunächst nur einzelne Schauer in Süddeutschland unterwegs waren, ausgehend von den Alpen nordwärts bis zur Donau ausgreifend stärker und länger andauernd zu regnen. Darin eingelagert waren bereits erste kleinräumige Zellen mit Starkregen und zweistelligen Litersummen pro Quadratmeter und Stunde. Dieses großräumige Regengebiet dehnte sich tagsüber bis in die Osthälfte Baden-Württembergs und in den Raum Nürnberg aus, wohingegen der Regen im östlichen Alpenvorland vorübergehend pausierte. Neue Modellberechnungen und bereits gefallene Summen veranlassten uns am Freitagmittag, einige Bereiche von der Alb bis ins Oberallgäu auf extremes Unwetter hochzustufen (Stufe 4 von 4, violett). Bis Samstagvormittag, den 01. Juni 2024 blieb das Regengebiet dann nahezu ortsfest und auch von Niederbayern bis ins Berchtesgadener Land setzte erneut teils kräftiger Regen ein.

So zog es sich noch bis in die Mittagsstunden des Samstags, bevor dann ganz klar der konvektive Charakter (wiederholt auftretende Schauer und teils kräftige Gewitter) die Oberhand gewann. Bis dahin beliefen sich die 36 Stunden-Summen allerdings schon auf 50 bis 100, vom Allgäu bis nach Augsburg auf 100 bis 150 l/m². Erste Pegel hatten zu diesem Zeitpunkt bereits die Schwelle für ein 100-jähriges Hochwasser in Teilen Bayerns und Baden-Württembergs überschritten. Wäre zu diesem Zeitpunkt die Lage beendet gewesen, es wäre wohl weit weniger dramatisch geworden. Es folgten jedoch zahlreiche Gewitter, die sich teilweise weit nördlich über Sachsen und Brandenburg bildeten, mit einer nördlichen Strömung aber fortwährend in die Hochwassergebiete geführt wurden.

Am Sonntag traten diese vorübergehend weniger zahlreich und vor allem in Teilen Mittelfrankens auf, was aber erneut den Zustrom kleinerer Flüsse in die Donau (diesmal aus Norden) befeuerte. Am finalen Tag, dem gestrigen Montag, zogen sich die Regenfälle, die zunehmend ungewittrig, aber noch immer schauerartig verstärkt, auftraten, zum Alpenrand zurück. Dort verharrten sie nahezu ortsfest und brachten nochmals teils über 100 Liter auf den Quadratmeter binnen 12 Stunden!

DWD Jahrhunderthochwasser in Sueddeutschland eine Nachlese 1

So steht in der Bilanz der letzten 4 Tage eine akkumulierte Niederschlagssumme von verbreitet 100 bis 200 l/m², am Alpenrand lokal um 300 l/m². Zur Einordnung: Die im monatlichen Mittel zu erwartenden Regensummen liegen beispielsweise in Stuttgart bei rund 80 l/m², in Augsburg bei rund 90 l/m² und in Kempten im Oberallgäu bei knapp 150 l/m². Damit ist im Schwerpunktbereich der Niederschläge teilweise die zweifache Monatssumme binnen weniger Tage gefallen!

Entsprechend verheerend waren und sind die Auswirkungen: Überflutete Straßen und Ortschaften, Dammbrüche, Murenabgänge, zahlreiche Evakuierungen, zig-tausende Hilfskräfte im Einsatz, gesperrte Bahnstrecken, entgleister ICE, leider auch mehrere Vermisste und Tote.

Warum ist es passiert?

Es fängt an mit einer überaus nassen Vorgeschichte, dem Frühjahr 2024. Im landesweiten Durchschnitt hat es mit rund 235 l/m² bezogen auf das langjährige Mittel zwischen 1991 und 2020 rund 137% der zu erwartenden Niederschlagssummen gegeben. Auch in Süddeutschland war es insgesamt zu nass. Die Böden waren im Vorfeld also vergleichsweise gut gesättigt, Flüsse und Bäche gut gefüllt.

DWD Jahrhunderthochwasser in Sueddeutschland eine Nachlese 2

Dann stellte sich bezogen auf Hochwassersituation leider Gottes eine klassische Großwetterlage ein: Die Vb-Lage. Dabei bildet sich über der Adria und Norditalien ein Tief, das auf ungewöhnlicher Zugbahn zunächst nordostwärts, dann häufig leicht westwärts über Tschechien und Polen eindrehend viel Feuchtigkeit über dem Mittelmeer aufnehmen kann und in der Folge zu intensiven Regenfällen führt. Dabei kommt es häufig zu anhaltenden Aufgleitvorgängen, bei denen die leichtere Warmluft in höheren Luftschichten aus Südosten durch bodennahe kühlere Luftmassen aus Nordwesten zum Aufsteigen gezwungen werden und dadurch abregnen. Diese Wetterlage war unter anderem auch für das Elbehochwasser 2002 verantwortlich; in ähnlicher Ausführung mit einem umfangreichen Höhentief über Mitteleuropa auch beim Hochwasser 2013 sowie bei der Ahrtalkatastrophe.

Was in der jüngeren Vergangenheit allerdings auffällig ist, ist die Neigung zu mehr stationären und damit eingefahrenen Strömungsmustern (langandauernde Hitze/Trockenheit auf der einen und Überschwemmungen auf der anderen Seite) sowie die durch den Klimawandel befeuerte Tatsache, dass wärmere Luft mehr Feuchtigkeit speichern kann. Wenn, bildlich gesprochen, der Schwamm über uns immer mehr Wasser speichern kann, kommt unten auch mehr Wasser an. Ein zusätzlicher Faktor sind die schauerartigen, teils gewittrigen Einlagerungen, die diesen Effekt mit eingebetteten Starkregenereignissen nochmal potenzieren. Um im Bilde zu bleiben, drückt man den Schwamm über gewissen Orten nicht gleichmäßig, sondern ruckartig und fest aus. Selbst die Kollegen der skandinavischen Wetterdienste berichten, dass diese sehr gefährlichen Hybridformen aus Landregen und Gewittern immer häufiger auftreten und in der Vorhersage auch bezüglich des Warnmanagements große Probleme bereiten. Wie lange dauert das Ereignis insgesamt? Wo sind die Schwerpunkte? Wie lange müssen die Regenpausen sein, dass sich die Ereignisse nicht mehr beeinflussen? Das sind alles ebenfalls brennende Fragen für die Kollegen der Hochwasserzentralen.

Nicht zuletzt zogen auch weit entfernt entwickelte Gewitterzellen mit der nördlichen Zugbahn in das Hochwassergebiet, ohne sich dabei wesentlich abzuschwächen. Bezüglich der Maxima spielten ebenso auch Staueffekte an den Nordrändern der Schwäbischen Alb und der Alpen eine gewisse Rolle.

Wie ist das einzuordnen?

Nicht nur die Bilder im Fernsehen und die Aussagen der Betroffenen, die schon viele Hochwasser, aber noch nicht in solchen Dimensionen in Teilen Süddeutschlands erlebt haben, belegen die Einordnung als ein Jahrhundertereignis. Auch die Wiederkehrzeit eines solchen Niederschlagsereignisses – sprich der Zeitraum, in dem eine gefallene Niederschlagsmenge statistisch gesehen einmal auftritt – lag in großen Gebieten bei über 100 Jahren.

DWD Jahrhunderthochwasser in Sueddeutschland eine Nachlese 3

Im Zeitraum von 48 Stunden lagen die Mengen bei der Ahrtalkatastrophe mit 100 bis 150, lokal bis an die 200 l/m² in ähnlicher Größenordnung – allerdings in einem Gebiet, wo dies klimatologisch gesehen deutlich seltener vorkommt und zudem durch die eng geschnittenen Täler und den im Vergleich deutlich kleinräumigeren Schwerpunkt die entsprechend verheerenden Folgen mit einer riesigen Flutwelle hatten. Bei der aktuellen Lage waren zunächst die vielen kleinen Flüsse mit sehr stark ansteigenden Pegeln das Problem, wohingegen sich nun verzögert alles zunehmend auf die Donau konzentriert.

Nachdenklich stimmt es, wenn selbst ein Feuerwehrmann im ARD-Brennpunkt trotz Hochwasserschutzmaßnahmen konsterniert wirkt, dass das letztlich doch nichts gebracht hat. Aus Sicht der Wettervorhersage stimmt die immer engere Taktung: Ahrtalkatastrophe Juli 2021, Niedersachsenhochwasser Januar 2024, Hochwasser im Saarland Mai 2024 ebenfalls nachdenklich. Und es muss ganz klar gesagt werden, dass die bei der aktuellen Lage beteiligte Luftmasse Ende Juli/Anfang August nochmal eine potentielle stärkere Wucht in Form von noch mehr Wassergehalt entfaltet hätte.

Immerhin bleibt es nun in den kommenden Tagen bis auf vereinzelte Schauer und Gewitter im Süden erstmal größtenteils trocken. Erst zum Wochenende hin steigt die Gefahr von gewittrigem Starkregen wieder an, allerdings wohl größtenteils unterhalb des Unwetterbereichs.

Dipl.-Met. Robert Hausen
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 04.06.2024
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

Deutschlandwetter im Frühjahr 2024

Erste Auswertungen der Ergebnisse der rund 2000 Messstationen des DWD in Deutschland.

Besonders warme Orte im Frühjahr 2024*

Platz

Station Bundesland durchschnittliche Temperatur Abweichung
1 Berlin-Tempelhof Berlin 12,7 °C +3,7 Grad
2 Köln-Stammheim Nordrhein-Westfahlen 12,7 °C +2,4 Grad
3 Waghäusel-Kirrlach Baden-Württemberg 12,6 °C +2,4 Grad

Besonders kalte Orte im Frühjahr 2024*

Platz

Station Bundesland durchschnittliche Temperatur Abweichung
1 Kahler Asten Nordrhein-Westfalen 7,1 °C +3,2 Grad
2 Carlsfeld Sachsen 7,3 °C +3,7 Grad
3 Zinnwald-Georgenfeld Sachsen 7,4 °C +3,8 Grad

Besonders niederschlagsreiche Orte im Frühjahr 2024**

Platz Station Bundesland Niederschlagsmenge Anteil
1 Baiersbronn-Ruhestein Baden-Württemberg 809,3 l/m² 169 %
2 Oberreute Bayern 658,5 l/m² 137 %
3 Freudenstadt-Kniebis Baden-Württemberg 617,4 l/m² 138 %

Besonders trockene Orte im Frühjahr 2024**

Platz Station Bundesland Niederschlagsmenge Anteil
1 Hähnichen-Trebus Sachsen 69,8 l/m² 46 %
2 Manschnow Brandenburg 69,9 l/m² 67 %
3 Bad Muskau Sachsen 71,1 l/m² 49 %

Besonders sonnenscheinreiche Orte im Frühjahr 2024**

Platz Station Bundesland Sonnenschein Anteil
1 Berlin-Dahlem Berlin 642 Stunden 128 %
2 Arkona Mecklenburg-Vorpommern 612 Stunden 109 %
3 Lindenberg Brandenburg 611 Stunden 119 %

Besonders sonnenscheinarme Orte im Frühjahr 2024**

Platz Station Bundesland Sonnenscheindauer Anteil
1 Kahler Asten Nordrhein-Westfalen 351 Stunden 87 %
2 Lüdenscheid Nordrhein-Westfalen 360 Stunden 91 %
3 Nürburg Rheinland-Pfalz 364 Stunden 81 %

Oberhalb 920 m NHN sind Bergstationen hierbei nicht berücksichtigt.
* Jahreszeitenmittel sowie deren Abweichung vom vieljährigen Durchschnitt (int Referenzperiode 1961-1990)
** Prozentangaben bezeichnen das Verhältnis des gemessenen Wertes zum vieljährigen Jahreszeitenmittelwert der jeweiligen Station (int Referenzperiode, normal = 100 Prozent).

Hinweis:
Einen ausführlichen Monatsüberblick für ganz Deutschland und alle Bundesländer finden Sie im Internet

eteorologe Denny Karran
Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

Deutschlandwetter im Mai 2024

Erste Auswertungen der Ergebnisse der rund 2000 Messstationen des DWD in Deutschland.

Besonders warme Orte im Mai 2024*

Platz

Station Bundesland durchschnittliche Temperatur Abweichung
1 Berlin-Tempelhof Berlin 17,7 °C +3,8 Grad
2 Manschnow Brandenburg 17,4 °C +4,4 Grad
3 Cottbus Brandenburg 17,4 °C +3,9 Grad

Besonders kalte Orte im Mai 2024*

Platz

Station Bundesland durchschnittliche Temperatur Abweichung
1 Meßstetten Baden-Württemberg 10,7 °C +1,4 Grad
2 Carlsfeld Sachsen 11,0 °C +2,9 Grad
3 Lenzkirch-Ruhbühl Baden-Württemberg 11,1 °C +1,6 Grad

Besonders niederschlagsreiche Orte im Mai 2024**

Platz Station Bundesland Niederschlagsmenge Anteil
1 Wangen/Allgäu-Schwaderberg Baden-Württemberg 366,5 l/m² 263 %
2 Baiersbronn-Ruhestein Baden-Württemberg 357,0 l/m² 208 %
3 Kißlegg Baden-Württemberg 322,0 l/m² 271 %

Besonders trockene Orte im Mai 2024**

Platz Station Bundesland Niederschlagsmenge Anteil
1 Schorfheide-Groß Schönebeck Brandenburg 18,2 l/m² 32 %
2 Hähnichen-Trebus Sachsen 20,1 l/m² 32 %
3 Bad Muskau Sachsen 22,4 l/m² 37 %

Besonders sonnenscheinreiche Orte im Mai 2024**

Platz Station Bundesland Sonnenschein Anteil
1 Arkona Mecklenburg-Vorpommern 309 Stunden 118 %
2 St. Peter-Ording Schleswig-Holstein 304 Stunden 136 %
3 List auf Sylt Schleswig-Holstein 300 Stunden 123 %

Besonders sonnenscheinarme Orte im Mai 2024**

Platz Station Bundesland Sonnenscheindauer Anteil
1 Nürburg Rheinland-Pfalz 138 Stunden 73 %
2 Oberstdorf Bayern 140 Stunden 84 %
3 Meßstetten Baden-Württemberg 142 Stunden 73 %

Oberhalb 920 m NHN sind Bergstationen hierbei nicht berücksichtigt.
* Monatsmittel sowie deren Abweichung vom vieljährigen Durchschnitt (int Referenzperiode 1961-1990)
** Prozentangaben bezeichnen das Verhältnis des gemessenen Monatswertes zum vieljährigen Monatsmittelwert der jeweiligen Station (int Referenzperiode, normal = 100 Prozent).

Hinweis:
Einen ausführlichen Monatsüberblick für ganz Deutschland und alle Bundesländer finden Sie im Internet

Meteorologe Denny Karran
Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

Ausgeprägte Unwetterlage

Seit Tagen wurde bereits darauf hingewiesen, dass sich vor allem im Süden Deutschlands eine dramatische Unwetterlage einstellen sollte und die Warnungen und Vorhersagen waren definitiv gerechtfertigt. Am heutigen Samstagmorgen hatten einige Landkreise im Westen Bayerns und im Süden Baden-Württembergs bereits den Katastrophenfall ausgerufen, vor allem in Bezug auf die immensen Wassermassen, die flächig für vollgelaufene Keller und überschwemmte Gebiete gesorgt haben. Wie es zu der hochbrisanten Wetterlage kam, wurde bereits im gestrigen Thema des Tages umfangreich beschrieben.

In der Fläche fielen vor allem in Bayern aber auch angrenzend zwischen Freitagmorgen und Samstagmorgen vielerorts zwischen 30 und 80 l/qm innerhalb von nur 24 Stunden. Besonders vom Bodensee bis nach Bayerisch-Schwaben und im nördlichen Bereich der Schwäbischen Alb schüttete es über Stunden hinweg sehr heftig, sodass dort die höchste Warnstufe ausgegeben wurde. In diesem Bereich kam es zu Niederschlagsmengen zwischen 80 und 120, punktuell bis knapp 140 l/qm/24 h. Spitzenreiter bei den Stationsmeldungen ist dabei Sigmarszell-Zeisertsweiler (Bayern) mit 135 l/qm, dicht gefolgt von Kißlegg (Baden-Württemberg) mit 130 l/qm/24 h und Bad Wörishofen-Kirchdorf mit 129 l/qm/24 h. Dies ist teilweise mehr als die gesamte Menge, die sonst im Mai bzw. Juni fällt.

DWD Ausgepraegte Unwetterlage

Verbreitet kam es infolge der heftigen Niederschläge somit zu teils 50-100-jährigen Hochwasserereignissen. Näheres dazu findet man auf den Seiten der einzelnen Hochwasserzentralen. Am heutigen Nachmittag lässt der heftige Dauerregen langsam nach, bis in die Nacht hinein fallen im Süden aber noch weitere 20 bis 30, lokal bis 40 l/qm. Hinweise, wie man sich am besten bei Hochwasser verhält, gibt es auf den Seiten des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe

Ein weiteres Augenmerk muss am heutigen Nachmittag allerdings auf heftige Schauer und Gewitter gelegt werden. Diese entwickeln sich in etwa von der Lausitz über den zentralen Mittelgebirgsraum bis nach Nordbayern und verlagern sich in der Nacht auch ins nördliche Baden-Württemberg, bevor sie langsam abklingen. Dabei droht mehrstündiger und teils extremer Starkregen mit Mengen zwischen 30 und 60, lokal bis 80 l/qm.

DWD Ausgepraegte Unwetterlage 1

Am Sonntag sind der Osten und Süden erneut von heftigen Schauern und Gewittern betroffen. Der Schwerpunkt kristallisiert sich dabei vom nördlichen Baden-Württemberg bis nach Nordbayern heraus, wo teils extreme Regenmengen von nahezu 100 l/qm in mehreren Stunden drohen. Aber auch sonst sind erneut 30 bis 60 l/qm-Liter pro Quadratmeter in wenigen Stunden möglich.

DWD Ausgepraegte Unwetterlage 2

Zum Start in die neue Woche sind nur noch südlich der Donau Gewitter zu erwarten, die möglicherweise aber weiterhin unwetterartig ausfallen.

Dipl.-Met. Marcel Schmid
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 01.06.2024
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

Die Weichenstellung für die aktuell vorhergesagte Dauerregenlage

Regen, Regen und noch mehr Regen. Man hört davon dieser Tage immer wieder und nun gipfeln die Niederschläge nach dem Hochwasser im Saarland Mitte Mai gar erneut in eine überregionale Unwetterlage in Teilen Süd- und Ostdeutschlands. Über den Hintergrund, den Namen und die Auswirkungen dieser Wetterlage wurde bereits gestern ausführlich berichtet.

Gehen wir zunächst einmal einige Zeitschritte zurück und versuchen zu verstehen, wie es überhaupt zu dieser Ausgangslage kommen konnte. Die hier dargestellten Prozesse sind sehr komplex und dürften eigentlich auch nicht für sich alleine betrachtet werden, dank umfangreicher Wechselwirkungen untereinander. Der Übersicht wegen und einfachheitshalber soll das für dieses Thema des Tages jedoch ausreichen und wir betrachten dabei nur die Nordhemisphäre. Etwas ausführlicher wurde darauf in der.

Der Grundstein für unser heutiges Ereignis wurde, wenn man so möchte, indirekt bereits Anfang März 2024 gelegt. Auch zu dieser Zeit dominierte, wie im Winter eigentlich üblich, der für diese Jahreszeit bekannte Polarwirbel in der Stratosphäre, ein riesiges Tiefdruckgebiet in großer Höhe über dem Nordpol. Dieses schwächt sich zum Frühjahr ab und löst sich auf, nur um sich im darauffolgenden Herbst erneut zu bilden. Wieso aber interessiert uns der März 2024?

Anfang März 2024 erfolgte in der eigentlich eisig kalten Stratosphäre eine rasante und nachhaltige Erwärmung. Die Erwärmung fiel so kräftig aus, dass sich der Polarwirbel abschwächen konnte und der sonst von West nach Ost wehende Polarnachtjet seine Richtung änderte und vorübergehend von Osten her wehte. Dies ist ein nicht unbekannter Vorgang und wird in der Meteorologie als „große Stratosphärenerwärmung“ bezeichnet.

Nun kann man sich sicherlich die Frage stellen: was interessiert uns ein Vorgang, der sich vor mittlerweile fast 3 Monaten abgespielt hat? Dazu muss man wissen, dass die Vorgänge in der Stratosphäre lange „nachhallen“ und sich im Verlauf ihres Auftretens sukzessive immer weiter nach unten in Richtung Troposphäre voranarbeiten können. Dieses sogenannte „Abtropfen“ (wie Farbe, die bei einem Gemälde allmählich nach unten rinnt) kann in einigen Fällen sogar Auswirkungen auf die Troposphäre haben und sich ganz allgemein gesagt unter anderem durch eine Erhöhung der Wahrscheinlichkeit für hoch im Norden ansetzende langlebige Hochdruckgebiete zeigen. Diese wirken wie ein Stein im Fluss und sorgen für ein Auslenken der Höhenwinde u.a. nach Süden: ausgeprägte und länger anhaltende Kaltluftausbrüche sind durch diese Konstellation möglich, aber mit Nichten ein Garant!

In unserem Fall fand dieses Ereignis recht spät im Winter statt. Üblicherweise findet das Abklingen des Polarwirbels in der Stratosphäre um den 12. April herum statt. In diesem Jahr trat das Ende des Wirbels aber erst Ende April ein (28. April) und der Polarwirbel konnte sich nicht mehr richtig erholen. Dieser Zustand kann nun auch nach dem Auflösen des Polarwirbels in der Stratosphäre bis weit ins Frühjahr nachhallen, denn was haben wir gehört: das Gedächtnis der Stratosphäre ist ein großes. Somit war der Nährboden geschaffen für weit nördlich ansetzende und langlebige bzw. stationäre Hochdruckgebiete.

DWD Die Weichenstellung fuer die aktuell vorhergesagte Dauerregenlage

Dies hat sich in diesem Frühjahr eindrucksvoll bestätigt (siehe). Wenn man die Abweichung des Geopotenzials in 500 hPa (grob gesagt der Druck in 5.5 km Höhe) für den Zeitraum von Ende April bis Ende Mai 2024 aufzeichnet, fällt einem ein massives Hochdruckgebiet (eine Antizyklone) über Skandinavien auf – ein sogenanntes „blockierendes Hochdruckgebiet“. Sozusagen der letzte winterliche Gruß des bereits geschiedenen Winters 2023/2024.

In dieser Jahreszeit sind Blockierungslagen nicht nur mit Blick auf regionale Spätfröste ein Thema (bestätigt durch den spätwinterlichen Einbruch Mitte/Ende April 2024 in Deutschland mit zahlreichen Frostnächten), sondern auch mit Blick auf die Verlagerungsgeschwindigkeit der Tröge und Keile bzw. der diese begleitenden Tiefdruck- und Hochdruckgebiete. Auch jetzt gilt, dass sich die „Westautobahn“ über dem Nordatlantik und Europa mit solch einer Blockierung nicht richtig etablieren kann und wir langlebige und sich kaum verändernde Druckmuster erwarten können. In diesem Fall mit tiefem Druck über der Biskaya und hohem Luftdruck über Skandinavien.

Solch eine Ausgangslage, die man dank der Entwicklungen auch schon recht frühzeitig mit Wahrscheinlichkeitsvorhersagen abschätzen kann, ist für uns Meteorologen zu dieser Jahreszeit (Frühjahr, Sommer) immer mit möglichen Sorgen verbunden. Der tiefe Druck über Westeuropa schaufelt auf seiner Vorderseite immer wieder feuchte Luftmassen nach Mitteleuropa und mit der richtigen Überlappung von Hebung und Feuchte kann es zu Starkregenfällen kommen – wie wir sie heute und in den kommenden Tagen erwarten.

DWD Die Weichenstellung fuer die aktuell vorhergesagte Dauerregenlage 1

dient als kleines Beispiel, dass die Historie uns schon oft gezeigt hat, wozu die Atmosphäre bei solchen Konstellationen fähig ist. Im August 2010 sorgten verheerende Überschwemmungen u.a. in Ostdeutschland für große Schäden. Im Vergleich zur zweiten Maihälfte 2024 erkennt man das grobe Grundmuster mit tiefem Geopotenzial über Westeuropa und hohem über Westrussland beziehungsweise Skandinavien. Aber bereits hier sieht der genaue Betrachter, dass es einige Unterschiede z.B. der Anomalieschwerpunkte gibt, die sich auch auf die Dauer und Intensität eines Dauerregenereignisses auswirken können.

Sehen Sie also die Entwicklung in der Stratosphäre und deren Einfluss nur als ein Rädchen im gesamten Getriebe an, das indirekt jedoch den Nährboden für die nun anstehende Unwetterlage gelegt hat. Entscheidend sind unter anderem auch die Abläufe auf synoptisch-skaliger Ebene (Entwicklung der Tröge und Keile).

Die anderen Rädchen sind nicht weniger interessant, können der Übersicht und Verständlichkeit halber aber nur kurz erwähnt werden: Auch aus den tropischen Bereichen gibt es sogenannte „telekonnektive Wechselwirkungen“, die auf die Geopotenzialverteilung über dem europäischen Sektor Einfluss haben können. In unserem aktuellen Fall wird dadurch zum Beispiel eine blockierende Antizyklone über dem nordöstlichen Atlantik gestützt – eben diese, die unseren Trog nach Mitteleuropa geführt hat und der nicht nach Norden ausweichen kann wegen dem Abschiedsgruß des winterlichen Polarwirbels in der Stratosphäre und dessen geförderte Blockierung im hohen Norden – hier über Skandinavien.

Ist es nicht faszinierend, wie diese Rädchen ineinandergreifen können und einem tendenziell eine Abschätzung ermöglichen, wie sich das Zirkulationsmuster auch längerfristig entwickeln kann? So auch in diesem Fall, denn es war schon seit April zu erkennen, dass es mit der Dominanz der blockierenden Antizyklonen nur eine Frage der Zeit sein würde, bis alle Rädchen perfekt ineinandergreifen und für eine Hochwasserlage gut sein würden. So geschehen vor wenigen Wochen im Saarland und so auch jetzt regional in Teilen Süd- und Ostdeutschlands zu erwarten.

Die sicherlich nun aufkommende Frage der Auswirkungen auf den Sommer kann man hier leider nicht klären, doch das Signal aus der Stratosphäre sollte sukzessive abebben, sodass sich auch die Blockierungstendenzen (von dieser Seite aus) abschwächen sollten. Entsprechend variabel sind die subsaisonalen Abschätzungen, wobei ECMWF das Signal von Juni zu Juli 2024 verliert, während es die Briten noch recht deutlich bis in den Juli 2024 mittragen.

Dipl. Met. Helge Tuschy
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 31.05.2024
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

Dauerregenlage durch VB-Tief

Das Wetter kommt nicht zur Ruhe. Nach einer unbeständigen Wetterwoche mit teils kräftigen Schauern und Gewittern zeigt sich auch der Start in den meteorologischen Sommer häufig sehr nass. In der Südosthälfte fällt das erste Wochenende im Juni sprichwörtlich ins Wasser. Dort besteht gebietsweise sogar erhöhte Hochwassergefahr.
Grund dafür ist ein Tiefdruckgebiet, welches nicht die für mittlere Breiten typische West-Ost-Zugbahn einnimmt. Ausgangspunkt sind dabei zwei sich nur langsam bewegende, blockierende Hochdruckgebiete. Ein solches befindet sich aktuell über Nordwestrussland. Gleichzeitig erstreckt sich ein weiteres Hoch über den Ostatlantik bis nach Nordspanien. Darin eingekeilt bildet sich von Norditalien bis zur Ostsee eine Tiefdruckrinne aus. Durch das Zusammenspiel von warmen und sehr feuchten Luftmassen aus dem Mittelmeerraum und kühler Nordatlantikluft entstehen im Grenzbereich kräftige und langanhaltende Niederschläge.

DWD Dauerregenlage durch VB Tief

Vor allem Tiefdruckgebiete, die im Mittelmeerraum entstehen und anschließend über dem westlichen Osteuropa nach Norden ziehen, bergen häufig erhöhtes Unwetterpotenzial durch langanhaltende und kräftige Niederschläge. Ein Grund dafür ist das Mitführen von sehr feuchten und warmen Luftmassen von dort. Förderlich ist aber auch die oftmals nur sehr langsame Verlagerung der Druckgebilde gegen die vorherrschende Strömungsrichtung.

Ein bekanntes Beispiel einer solchen  ist die Lage, die zur Jahrhundertflut an der Elbe im August 2002 geführt hat. Auch damals hatte sich ein Tiefdruckgebiet über der nördlichen Adria entwickelt und ist darauf auf einer typischen Vb-Zugbahn über Österreich und Tschechien nach Norden gezogen. Dabei wurde auf der Ostseite des Tiefs extrem feuchte Luft vom östlichen Mittelmeerraum in die Zirkulation miteinbezogen. Dadurch ergaben sich nach Westen hin sehr hohe Temperaturkontraste. Mit der auf der Westseite des Tiefs vorherrschenden nordwestlichen Strömung wurden die feuchten Luftmassen gegen die Alpen und östlichen Mittelgebirge geführt und zum Abregnen gebracht. Deshalb kamen vor allem im Stau des Erzgebirges extrem hohe Niederschlagsmengen zusammen. Bis heute hält die Station Zinnwald-Georgenfeld den Tagesrekord der höchsten Niederschlagssumme Deutschlands. Damals kamen dort innerhalb von nur 24 Stunden 312 Liter pro Quadratmeter zusammen. Dies entspricht mehr als die Hälfte des durchschnittlichen Jahresniederschlags von Berlin (581 Liter pro Quadratmeter).

Auch am kommenden Wochenende schlägt Tief ORINOCO eine ähnliche Zugbahn ein. Allerdings weisen die mitgeführten Luftmassen auch aufgrund der Jahreszeit einen wesentlich geringeren Feuchtegehalt auf. Zudem war das Vb-Tief, welches zur Jahrhundertflut an der Elbe geführt hatte, stärker ausgeprägt als bei der aktuellen Lage. Deshalb werden die Niederschlagsspitzen beim aktuellen Ereignis deutlich geringer ausfallen. Trotzdem ist gerade auch aufgrund der nassen Vorgeschichte und der recht großen Verbreitung unwetterartiger Niederschlagsmengen mit Hochwasser an Bächen und Flüssen sowie mit Überschwemmungen zu rechnen. Nach jetzigem Stand liegt der Schwerpunkt der Niederschläge in einem Bereich vom Erzgebirge über den Thüringer Wald und über Franken bis ins Allgäu. Dort können in einem Zeitraum von 48 Stunden stellenweise um 150 Liter pro Quadratmeter zusammenkommen. Bezüglich der genauen Lage und der Intensität ergeben sich allerdings immer noch kleinere Unsicherheiten. Deshalb können Sie jederzeit aktualisierte Informationen zu dieser Lage auf unserer  oder in der Warn-Wetter-App finden.

DWD Dauerregenlage durch VB Tief 1

M.Sc. Meteorologe Nico Bauer
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 30.05.2024
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Montage mit Ausblick – Arbeiten auf Deutschlands höchstem Bauwerk

Der Einsatz in der Nacht vom 6. auf den 7. Mai wurde vorab sorgfältig geplant, jeder Arbeitsschritt gut vorbereitet. Mehrfach kontrollieren Holger H., Torsten W. und Jens L. die Werkzeugtaschen, jeder Schlüssel, jede Zange wird sorgsam ausgesucht und mit einem Sicherungssystem verbunden. Nichts darf im Einsatz herunterfallen.

Das Wartungsfenster, in dem die Sendetechnik des Berliner Fernsehturms komplett abgeschaltet wird, beginnt um 01:05 Uhr nachts. Mit dem Fahrstuhl geht es zunächst bis auf 45 Meter Höhe. Hier befindet sich ein Technikraum des Deutschen Wetterdienstes.

DWD Montage mit Ausblick Arbeiten auf Deutschlands hoechstem Bauwerk

Anschließend geht es mit dem Fahrstuhl auf 230 Meter Höhe. Ab hier befindet man sich bereits oberhalb der ikonischen Kugel des Fernsehturms. Ein enges Treppenhaus führt weiter nach oben. Sieben Stockwerke müssen zu Fuß zurückgelegt werden, denn einen Fahrstuhl gibt es hier nicht mehr. Dann auf 245 Metern Höhe ist der Ausblick über Berlin bei Nacht bereits atemberaubend. Am Geländer einer begehbaren Außenplattform befinden sich in gegenüberliegenden Himmelsrichtungen zwei Eisablagerungsgeräte (EAG) sowie zwei LAM630-Wetterhütten des DWD.

DWD Montage mit Ausblick Arbeiten auf Deutschlands hoechstem Bauwerk

Im Zentrum des Turms befindet sich ein Serviceraum. Hier befindet sich der Einstieg in die riesige Sendeantenne. 123 Meter vertikaler Kletterweg bis zur Serviceplattform auf der äußersten Spitze müssen überwunden werden. 45 Minuten sind dafür eingeplant.

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Nach einer letzten Prüfung der Sicherheitsausrüstung geht es endlich los. Holger und Torsten beginnen mit dem Aufstieg in den Antennenturm. Jens bleibt im Serviceraum zurück. Über einen Seilzug wird er die Werkzeugtaschen ca. 50 Meter nach oben befördern. Aber irgendwann endet der Flaschenzug und die Taschen müssen getragen werden. Für einen Rucksack ist es im Inneren der Röhre zwischen den vielen Antennen und Kabeln viel zu eng.

Unsere Kollegen ziehen ihre Taschen daher an einem ca. 1,5 Meter langen Seil, unter sich hängend, mit nach oben. Eine sprachliche Verständigung mit den Kollegen am Einstieg ist nun nicht mehr möglich. Die lange Röhre schluckt sämtlichen Schall.

Innerhalb des Sendeturms geht jedes Gefühl für die Höhe verloren. Der Blick ist ohnehin die meiste Zeit nach oben gerichtet. Eine viel größere Herausforderung ist die zunehmende Enge. „Mit Platzangst darf hier keiner hoch“ sagt Holger H.. Direkt unterhalb des Ausstiegs zur Spitze beträgt der Innendurchmesser nur noch knapp 1,60 Meter. Dabei spürt man deutlich wie sich die Antenne im Wind bewegt. Der Ausstieg auf die Service-Plattform ist noch einmal eine Kraftanstrengung. Die Ausstiegsluke ist eng. Doch dann ist man am Ziel. In 368 Metern Höhe, Berlins höchstem Arbeitsplatz.

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Die 1,60 Meter durchmessende Plattform ist von einem Sicherungskorb umgeben. Drei horizontale Querstangen auf Fuß-, Bauch-, und Brusthöhe. Die Aussicht ist einzigartig. Selbst auf fliegende Hubschrauber schaut man von hier oben herab. Zeit zum Genießen bleibt keine, der Zeitplan ist eng. In der Mitte der Plattform befindet sich das Ultraschallanemometer des DWD. Der Austausch des Sensors gelingt problemfrei. Die gute Vorbereitung hat sich ausgezahlt.

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Als unsere Kollegen nach Abschluss der Arbeiten wieder zurück im Serviceraum stehen, brennen ihre Beine und der Schweiß läuft. Trotzdem lächeln sie. Die meisten Kollegen, die es bis zur Spitze geschafft haben, melden sich freiwillig für den nächsten Aufstieg. Den Aufstieg auf Deutschlands höchstes Bauwerk – den Berliner Fernsehturm.

Stefan Wagner (TI34)
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 29.05.2024
Copyright (c) Deutscher Wetterdiens