Facettenreicher Schönwetterhimmel

Hochdruckwetter ohne Ende – das ist das dominierende Thema beim aktuellen Wetter. In vielen Landesteilen machte die Sonne in den letzten Tagen ordentlich Überstunden und auch am heutigen Maifeiertag herrscht bestes Ausflugswetter. Fans von mehr Action beim Wetter durchleben gerade eine lange Durststrecke und wir Warnmeteorologen leiden aktuell nicht an Überarbeitung. Das für manche scheinbar völlig langweilige Wetter hat aber mehr spannende Wetterphänomene zu bieten als man meinen mag. Schon der weiß-blaue Schönwetter-Himmel liefert reichlich interessante, facettenreiche und mitunter sogar kunstvoll anmutende Wolkenformationen.

Bei meinem ersten Blick aus dem Fenster, am Morgen des letzten Montags (27. April 2026), erweckten sofort wunderschöne faserige Cirrus-Wolken meine Aufmerksamkeit, die den azurblauen Himmel schmückten. Da zögerte ich nicht lange und zückte mein Smartphone für ein „Guten-Morgen-Foto“. Als ich später am Vormittag ganz andere Wolkenmuster am Himmel entdeckte, kam mir die Idee, meine Eindrücke zu den unterschiedlichen Wolkenformationen im Laufe eines sonnigen Tages in einem Thema des Tages zu beschreiben und ein paar meteorologische Erläuterungen dazu zu geben.

Facettenreicher Schoenwetterhimmel 1

Abbildung 1: „Cirrus fibratus“ und „Cirrus spissatus“ am Morgen des 27. April 2026 im südlichen Rhein-Main-Gebiet.

Schauen wir uns zunächst das Foto am Morgen an (Abbildung 1). Wie Federn oder leuchtend weiße Haarbüschel überzogen Cirrus-Wolken den morgendlichen Himmel. Die Bezeichnung „Cirrus“ (Plural: Cirren) kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Haarbüschel“. Genau genommen handelt es sich hierbei um die Wolkenart „Cirrus fibratus“, faserige Cirrus-Wolken. Cirren sind reine Eiswolken. Sie bestehen also aus feinen Eiskristallen und sind in der oberen Troposphäre anzutreffen, in etwa 7 bis 11 Kilometern Höhe. Charakteristisch ist ihre feder- oder haarähnliche Struktur. Enthalten die unterhalb der Cirren befindlichen Atmosphärenschichten relativ wenig Feuchtigkeit und steht die Sonne in einem geeigneten Winkel, sind die faserigen Federwolken – wie im gezeigten Foto – besonders schön anzusehen. In Hintergrund zeigen sich die Cirren etwas kompakter, man spricht dann von der Wolkenart „Cirrus spissatus“ (lateinisch für „verdichtet“).

Facettenreicher Schoenwetterhimmel 2

Abbildung 2: „Cirrocumulus“ mit Wolkenschatten und Nebensonne am Vormittag des 27. April 2026 im südlichen Rhein-Main-Gebiet.

Etwa zwei Stunden später bot der Himmel im südlichen Rhein-Main-Gebiet ein ganz anderes Bild (Abbildung 2). Anstelle der federartigen Cirren dominierten nun Cirrocumulus-Wolken (von lateinisch cumulus „Anhäufung“) den Himmel. Auch hierbei handelt es sich fast ausschließlich um Eiswolken, wobei ein kleiner Anteil unterkühlter Wassertröpfchen in den Wolken enthalten sein kann. Sie entstehen ebenfalls in der oberen Troposphäre. Die wie kleine Wattebäusche anmutenden Wolken treten, wie auch im gezeigten Foto, häufig in größeren Feldern auf. Etwa in der Bildmitte ist ein Band etwas dichterer Bewölkung zu erkennen, das auf seiner linken Seite einen Schatten auf die Cirrocumuli wirft. Schaut man ganz genau hin, erkennt man in diesem Wolkenband sogar eine schwach ausgeprägte Nebensonne. Diese leicht regenbogenfarbigen Flecke entstehen in einem horizontalen Winkel von 22° zur Sonne. Sie werden durch Brechung des Sonnenlichts in Eiskristallen der Wolken hervorgerufen, wodurch das weiße Sonnenlicht in seine Spektralfarben aufgespalten wird.

Facettenreicher Schoenwetterhimmel 3

Abbildung 3: „Cirrocumulus undulatus“ und Schattenwurf eines Kondensstreifens am Vormittag des 27. April 2026 im südlichen Rhein-Main-Gebiet.

Nur eine halbe Stunde später veränderte sich der Himmel erneut (Abbildung 3). Die eher gleichmäßig verteilten Cirrocumuli ordneten sich zunehmend in gerippten Bändern an. Die Rede ist dann von „Cirrocumulus undulatus“ (lateinisch für „wellenförmig“). Diese Muster werden durch Wellenbewegungen der Luft verursacht, die eine Folge von mit der Höhe veränderten Windgeschwindigkeiten (d.h. Windscherung) sind. Rechts oben im Bild ist zudem der Schattenwurf eines Kondensstreifens auf die Cirrocumulus-Wolken zu sehen.

Facettenreicher Schoenwetterhimmel 4

Abbildung 4: „Cirrus fibratus“ mit besonders langen Wolkenfäden, überquert von einem Kondensstreifen am Vormittag des 27. April 2026 im südlichen Rhein-Main-Gebiet.

Fast zeitgleich konnte ich in einem anderen Himmelssektor besonders lange Fasern einer Cirrus-Wolke einfangen (Abbildung 4). Diese ausgedehnten Fäden sind natürlich keine Haarbüschel von greisen Engeln mit Haarausfall. Sie entstehen vielmehr durch eine Verdriftung von fallenden Eiskristallen bei hohen Windgeschwindigkeiten in der Höhe. Beim Fallen ändert sich auch die Windrichtung, wodurch die Kristalle abgelenkt werden und sich im unteren Bereich der Wolke ansammeln. Die Wolke wird zudem von einem Kondensstreifen eines Flugzeugs überquert.

Facettenreicher Schoenwetterhimmel 5

Abbildung 5: „Cirrocumulus undulatus“ mit unterschiedlichen Wellenlängen und Ausrichtungen (rote Markierungen) am Mittag des 27. April 2026 im südlichen Rhein-Main-Gebiet.

Wieder einige Minuten später präsentierte sich der Himmel fast chaotisch (Abbildung 5). Cirrocumulus-undulatus-Wolken zeigten sich in unterschiedlichsten Wellenrichtungen und -längen. In manchen Bereichen überlagerten sich diese Wolken zu karoförmigen Mustern. Die unterschiedlichen Ausrichtungen und Wellenlängen sind das Resultat von Wolken in verschiedenen Höhen mit variierenden Windrichtungen und Wellenbewegungen.

Facettenreicher Schoenwetterhimmel 6

Abbildung 6: „Cirrocumulus undulatus“ am frühen Abend des 27. April 2026 im südlichen Rhein-Main-Gebiet.

Facettenreicher Schoenwetterhimmel 7
Abbildung 7: „Cirrocumulus floccus“ und „Cirrostratus“ am frühen Abend des 27. April 2026 im südlichen Rhein-Main-Gebiet.

Nicht nur der vormittägliche Himmel war facettenreich. Auch in den Abendstunden hatte der Himmel noch einiges zu bieten. Zum einen zog ein Wolkenfeld mit besonders großen und langgezogenen Wellen über den Himmel (Abbildung 6). Die Wellenlänge der atmosphärischen Schwingung war zu diesem Zeitpunkt offenbar besonders groß. Zudem konnte man beim Blick nach Nordwesten weitere Wolkenarten und -gattungen erkennen (Abbildung 7). Zum einen sind in der oberen Bildhälfte die flockenartigen Strukturen des sogenannten „Cirrocumulus floccus“ zu sehen, zum anderen ein „Cirrostratus“ in weiterer Entfernung im unteren Bereich des Fotos. Dabei handelt es sich um eher gleichmäßige und mal mehr, mal weniger dichte Wolkenschichten aus Eiskristallen in der oberen Atmosphäre. Auch eine Nebensonne konnte ich nochmals sichten (nicht gezeigt).

Wie Sie sehen, genügt schon ein kurzer Blick gen Himmel, um selbst bei ruhigem und freundlichem Hochdruckwetter interessante Wettererscheinungen zu entdecken. Wenn Sie mögen, können Sie bei Ihrem nächsten Sonnenbad in der Gartenliege oder beim abendlichen Gassigehen mit dem Hund mal den Himmel beobachten. Vielleicht können Sie einige der hier beschriebenen Formationen aufspüren.

Dr. rer. nat. Markus Übel (Meteorologe)
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 01.05.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Geschichte der Meteorologie – Teil 4: Meteorologie im Früh- und Hochmittelalter

Das letzte Thema des Tages zur Geschichte der Meteorologie endete mit dem Beginn des Frühmittelalters in Europa. Nur wenige theologische Gelehrte fassten den damaligen Kenntnisstand, der überwiegend auf dem des antiken Griechenlands beruhte, zusammen. Die Entwicklung der Meteorologie stagnierte nun im europäischen Kulturraum.

Zunächst blicken wir in den Osten Afrikas, wo sich im Reich von Aksum auf dem Gebiet der heutigen Staaten Äthiopien und Eritrea in der Spätantike im 4. Jahrhundert eine höhere Kultur ausbildete, die bis zum 10. Jahrhundert andauerte. Die Aksumiten entwickelten ein strukturiertes Kalendersystem, das auf die Bedürfnisse der Landwirtschaft abgestimmt war. Einige Forscher vermuten, dass die berühmten Stelen von Aksum astronomische oder kalendarische Funktionen hatten und möglicherweise auf die Sonne ausgerichtet waren. Um fundierte Bewässerungssysteme als Grundlage für eine stabile Landwirtschaft anlegen zu können, mussten die Aksumiten gewisse meteorologische Kenntnisse durch Beobachtungen aus der Astronomie abgeleitet haben (Astrometeorologie – Verbindung astronomischer Phänomene mit dem Wetter), über die heute kaum Kenntnisse vorliegen.

Kommen wir nun zurück auf die weitere Entwicklung der Meteorologie. Bedeutende neue Leistungen auf dem Feld der Meteorologie erbrachten die Araber in der Blütezeit des Islam. Viele Werke aus dem Griechischen und von den Indern wurden ins Arabische übersetzt. Der Mittelpunkt des Wirkens stellte das Haus der Weisheit in Bagdad dar, ein wissenschaftliches Übersetzungszentrum mit Bibliothek und Observatorium, das von der lokalen Papierherstellung profitierte.

Geschichte der Meteorologie 1

Gelehrte einer abbasidischen Bibliothek in Bagdad, 1237, Yahyá al-Wasiti, Makame al-Hariri, Bibliothèque nationale de France, Paris,Quelle: Zereshk über Wikimedia Commons

Der frühe arabische Schriftsteller, Zoologe und Philosoph al-Dschāhiz (um 776–869) stellte in seinem Werk „Kitāb al-Hayawan“ („Das Buch der Tiere“) die These auf, dass das Klima und Umweltfaktoren für das Verhalten und die Evolution von Tieren eine wichtige Rolle spielen.

Der arabische Gelehrte al-Kindī (um 800–873) verfasste Hunderte von Büchern, von denen sich die meisten mit den Naturwissenschaften seiner Zeit befassten. Mehrere seiner Werke behandeln Meteorologie, Optik und darin die Reflexion von Licht. Zwei seiner Bücher können sogar als frühe Abhandlungen über Luftverschmutzung angesehen werden: „Eine Abhandlung über die Räucherwerke, die die Atmosphäre gegen Epidemien schützen“ und „Eine Abhandlung über die Mittel, die von störenden Gerüchen heilen“. Al-Kindī war wohl der bedeutendste Vertreter der arabischen Meteorologie, die im Wesentlichen aristotelisch geprägt war, obwohl er sich bemühte, die komplizierten Annahmen zu vereinfachen, die Aristoteles Jahrhunderte zuvor in seinem Werk über die Meteorologie aufgestellt hatte. Al-Kindī gehörte zu den islamischen Gelehrten, die bedeutende Beiträge zur Astrometeorologie leisteten. Abhandlungen über die Wettervorhersage, die Auszüge aus seinen umfangreicheren Werken waren und in Europa später in lateinischer Sprache verbreitet wurden, erfreuten sich selbst in der Renaissance weiterhin großer Beliebtheit. Sie lieferten eine anschauliche Erklärung für die spezifischen Ursachen von Hitze, Kälte, Dürre und Regen und dafür, wie deren Wechselwirkungen in der Atmosphäre das Wetter beeinflussen. Eine weitere Abhandlung über die Meteorologie hat den Titel „Risala fi al-Illa al-Failali al-Madd wa al-Fazr“ (Abhandlung über die wirksame Ursache von Ebbe und Flut), in der al-Kindī eine Theorie zu den Gezeiten vorstellt, die „auf den Veränderungen beruht, die in Körpern aufgrund steigender und fallender Temperaturen stattfinden“.

Der kurdische Naturforscher ad-Dīnawarī (828–um 890) verfasste das „Kitab al-Nabat“ (Buch der Pflanzen), in dem er sich mit der Anwendung der Meteorologie in der Landwirtschaft während der muslimischen Agrarrevolution befasste. Er beschrieb die meteorologischen Eigenschaften des Himmels, der Planeten und Sternbilder, der Sonne und des Mondes, der Mondphasen, welche die Jahreszeiten und Regen anzeigen, der Anwa (himmlische Regenkörper) sowie atmosphärische Phänomene und geographische Systeme wie Winde, Donner, Blitz, Schnee, Überschwemmungen, Täler, Flüsse, Seen, Brunnen und andere Wasserquellen.

Der persische Arzt Rhazes oder auch ar-Rāzī (um 865–um 925) schrieb in Anlehnung an die Tradition, die auf Hippokrates und Galenos zurückgeht, in seinem Werk „Kitāb al-Hāwī fī al-tibb“ (Das umfassende Buch über Medizin), dass ausgewogene und reine Luft eine wesentliche Voraussetzung für gute Gesundheit sei: Verschmutzte Luft würde beim Menschen Krankheiten verursachen.

Geschichte der Meteorologie 2

Schlussseite des Werkes Kitāb al-Hāwī fī al-tibb, 1094, US National Library of Medicine, Bethesda, Maryland, Quelle: Nightryder84 über Wikimedia Commons

Das etwa 904 erschienene Werk „al-Filāha an-Nabatiyya“ („Nabatäische Landwirtschaft“) von Ibn Wahschiyya (Ende 9. Jahrhundert–931), einem arabischen Alchemisten, Agrarwissenschaftler und Toxikologen, befasst sich mit der Wettervorhersage anhand atmosphärischer Veränderungen und Anzeichen, die sich aus den Bewegungen der Planeten ableiten; mit Regenvorzeichen, die auf der Beobachtung der Mondphasen, der Natur von Donner und Blitz, der Richtung des Sonnenaufgangs sowie dem Verhalten bestimmter Pflanzen und Tiere beruhen; und mit Wettervorhersagen auf der Grundlage der Windbewegungen; mit pollenhaltiger Luft und Winden; sowie mit der Entstehung von Winden und Dämpfen.

Der Philosoph und Wissenschaftler al-Fārābī oder auch Alpharabius (um 870–950) aus dem zentralasiatischen Siebenstromland verfasste so fundierte Kommentare zu Aristoteles’ Werken über Physik, Meteorologie und Logik sowie eine Vielzahl von Büchern zu Themen, zu denen er eigene Beiträge leistete, dass er als „zweiter Lehrer“ (nach dem „ersten Lehrer“ Aristoteles) bekannt wurde.

Der arabische Wissenschaftler Alhazen oder auch Ibn al-Haitham bzw. Ibn al-Heithem (um 965–um 1040) befasste sich mit der Dichte der Atmosphäre und erklärte die Lichtbrechung in der Atmosphäre korrekt. Aus seinen Untersuchungen zur Lichtbrechung schloss er, dass die Atmosphäre eine bestimmte Höhe hat, die er auf etwa 50 km berechnete, und dass die Dämmerung durch die Brechung der Sonnenstrahlung unterhalb des Horizonts verursacht wird. Für seine Pionierarbeit auf diesen Gebieten wurde er als „Vater der Optik“ bekannt.

Zu den Werken des persischen Arztes, Philosophen und Naturwissenschaftlers Avicenna (um 980–1037) gehört seine „Enzyklopädie der Philosophie und Naturwissenschaften“, in welcher er der Meteorologie sechs Kapitel widmete: Wolken und Regen; Ursachen von Regenbogen; Merkmale im Zusammenhang mit der Reflexion des Sonnenlichts an Wolken und Regenbogen; Winde, Donner, Blitz, Kometen und Meteoriten; sowie katastrophale Ereignisse, die die Erdoberfläche betreffen. Avicenna führte wiederholt Beobachtungen von Regenbogen durch, war jedoch nicht in der Lage, eine zufriedenstellende Erklärung für den Regenbogen zu liefern. Als Arzt folgte Avicenna der von Hippokrates begründeten und von Galenos sowie Rhazes weiterentwickelten Denkschule hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen guter Luft und Gesundheit sowie Krankheiten. In seinem Werk „al-Qanun fī al-tibb“ legte Avicenna einige Richtlinien zur Erkennung guter Luft dar: „Luft gilt als frisch, wenn sie frei von Rauch und (Wasser-)Dampf ist. Sie sollte wirklich frei und offen sein und nicht von Wänden oder einem Dach eingeschlossen werden. Ist die Außenluft jedoch verschmutzt, sollte man den Innenraum vorziehen. Die beste Art von Luft ist jene, die rein, sauber und frei von Dämpfen aus Teichen, Gräben, Bambusfeldern, Kohlfeldern und dichtem Baumbewuchs wie Eiben, Walnussbäumen und Feigenbäumen ist. Es ist außerdem unerlässlich, dass die Luft frei von Schadstoffen ist. Gute Luft sollte von einer frischen Brise durchströmt werden und aus Ebenen und hohen Bergen stammen. Sie sollte nicht in Gruben und Senken eingeschlossen sein, wo sie sich durch die aufgehende Sonne schnell erwärmt und unmittelbar nach Sonnenuntergang wieder abkühlt. Luft, die von frisch gestrichenen oder verputzten Wänden umgeben ist, ist nicht frisch. Luft ist nicht gesund, wenn sie Atemnot oder Unwohlsein verursacht.“

Geschichte der Meteorologie 3

Portrait von Avicenna auf einer Silbervase, Museum Mausoleum Abu Ali Sina (Avicenna), Hamadan, Iran, Quelle: Adam Jones über Wikimedia Commons

Im späten 11. Jahrhundert verfasste der Mathematiker Abū ‚Abd Allāh Muhammad ibn Mu’ādh, der in Andalusien lebte, ein Werk über die Optik, welches später unter dem Titel „Liber de crepisculis“ ins Lateinische übersetzt und fälschlicherweise Alhazen zugeschrieben wurde. Es handelte sich um eine kurze Abhandlung, die eine Schätzung des Absinkwinkels der Sonne zu Beginn der Morgen- und am Ende der Abenddämmerung enthielt sowie den Versuch, auf der Grundlage dieser und anderer Daten die Höhe der atmosphärischen Feuchtigkeit zu berechnen, die für die Brechung der Sonnenstrahlen verantwortlich ist. Durch seine Experimente ermittelte er den genauen Wert von 18°, der nahe am heutigen Wert liegt.

Der andalusische muslimischer Philosoph, Arzt und Schriftsteller Averroes oder auch Ibn Ruschd (1126–1198) verfasste ein umfangreiches Werk, darunter Kommentare zu den meisten Schriften Aristoteles’. Er schrieb zwei Kommentare zu Aristoteles’ „Meteorologica“ („Kurzer Kommentar zur Meteorologica“ und „Mittlerer Kommentar zur Meteorologica“). Alle seine Kommentare wurden aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt. Auf diese Weise gelangten Aristoteles’ bahnbrechende Werke zur Naturphilosophie, darunter auch zur Meteorologie, nach Europa, wo sie während des Mittelalters und der nachmittelalterlichen Zeit eine wichtige Rolle im westlichen Denken spielten.

Der andalusische jüdische Schriftsteller Moses Maimonides (um 1135–1204) interessierte sich besonders für Fragen der öffentlichen Gesundheit. Er stand in der Tradition von Hippokrates, Galenos, ar-Rāzī und Avicenna. Wie diese war auch er der Ansicht, dass das Klima sowie umweltbedingte und geographische Faktoren Krankheiten beeinflussen, und betonte, dass Ärzte das Klima bestimmter Orte sorgfältig untersuchen sollten, um Patienten besser behandeln und ihre Gesundheit erhalten zu können.

1121 veröffentlichte al-Chazini, ein muslimischer Wissenschaftler byzantinisch-griechischer Herkunft, das „Buch vom Gleichgewicht der Weisheit“ (Kitāb mīzān al-hikma), die erste Abhandlung über eine sehr präzise hydrostatische Waage.

Im Kaiserreich China kommt es zeitgleich zu folgenden neuen Erkenntnissen:

Der chinesische Naturphilosoph und Gelehrte Shen Kuo (1031–1095) befasste sich mit vielen wissenschaftlichen Bereichen. Er unternahm Versuche zur Erstellung von Wettervorhersagen und beobachtete atmosphärische Phänomene, von denen er einige 1088 in seinem Werk „Aufsätze aus dem Traumteich“ veröffentlichte. Darin fand sich eine anschauliche Beschreibung von Tornados, die als erste bekannte Abhandlung über dieses Phänomen in Ostasien gilt. Er legte auch seine Vorstellungen über Regenbogen dar: Er glaubte, dass diese durch einen Schatteneffekt entstanden, wenn die Sonne auf fallenden Regen schien. Der Zusammenhang mit der Lichtbrechung war Kuo nicht bekannt. Mit diesem hatte er sich auch in allgemeinerer Hinsicht beschäftigt: Er stellte die Hypothese auf, dass die Sonnenstrahlen in der Atmosphäre gebrochen werden müssten, bevor sie die Erdoberfläche erreichen, sodass Beobachter die Sonne nicht an ihrer genauen Position sehen würden. Dies war für die damalige Zeit eine neuartige Idee. Er gilt als Erfinder des Kompasses für die Navigation. Er fand außerdem heraus, dass die Kompassnadel nicht zum geographischen, sondern zum magnetischen Nordpol zeigt.

Dem mongolischen Herrscher und späteren chinesischen Kaiser der Yuan-Dynastie Kublai Khan (1215–1294) wird nachgesagt, dass er 5000 Hofastrologen beschäftigte, zu deren Aufgaben auch die riskante Wettervorhersage gehörte. Warum so viele? Eine falsche Vorhersage, so erklärte er, könne zu einer „vorzeitigen Pensionierung“ führen.

Richten wir den Blick nun in den Westen nach Mesoamerika. Die Hochkultur der Maya erreichte um 750 ihren Höhepunkt. Bis etwa 950 zerfiel diese Hochkultur jedoch. Die Ursache dafür war lange unbekannt, es dürften jedoch mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Neben Überbevölkerung und kriegerischen Auseinandersetzungen deuten Untersuchungen auf wärmere und trockenere klimatische Bedingungen hin. Neuere Untersuchungen zeigen, dass der Niederschlag zwischen 800 und 950 um etwa 40 Prozent zurück ging, was in Kombination mit Rodungen des Regenwaldes zu verheerenden Dürren führte und die nördlichen Bereiche der Halbinsel Yucatán in eine Steppe oder wüstenartige Landschaft verwandelte. Damit zog sich die Kultur der Maya vom nördlichen Tiefland Yucatáns in die südlichen Bergregionen zurück und geriet dort in Konflikt benachbarter Kulturen wie die der Tolteken.

In anderen Regionen der Welt finden sich nur wenige Anzeichen für meteorologische Kenntnisse. In Südostasien sind über die Khmer mit ihrem kulturellen Zentrum Angkor Wat im heutigen Kambodscha diesbezüglich nur wenige Informationen überliefert. Zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert ermöglichten regelmäßige Zyklen des Südwestmonsuns eine massive auf Reis basierende landwirtschaftliche Produktion, die eine Bevölkerung von bis zu einer Million Menschen ernährte. Dessen Wiederkehr wurde auf Beobachtungen aus der Astrometeorologie abgeleitet. Die Tempelarchitektur, insbesondere in Angkor Wat, wurde so konzipiert, dass sie mit astronomischen Ereignissen wie den Tagundnachtgleichen (Äquinoktien) korrespondiert, was eine der wenigen Nachweise über die wissenschaftlichen Erkenntnisse dieser Zivilisation liefert. Die Sonne geht an diesen Tagen exakt über dem zentralen Turm auf. Das Klima war durch ausgeprägte Regen- und Trockenzeiten gekennzeichnet. Um dies zu bewältigen, bauten sie ein komplexes Netz aus Kanälen und riesigen Stauseen (Barays), wie dem West-Baray, in den vom 11. bis zum 13. Jahrhundert große Mengen an Sedimenten gelangten. Neue Forschungsergebnisse, die Baumringe (Dendrochronologie) und Sedimente analysierten, zeigen, dass zwischen 1330 und 1370 und zwischen 1400 und 1430 längere Dürreperioden auftraten, gefolgt von Phasen intensiveren Monsunfluten. Diese Kombination überforderte das Wassersystem der Khmer und führte zum Niedergang ihrer Zivilisation.

Die Serie Geschichte der Meteorologie wird fortgesetzt. Im nächsten Teil geht es um die Rückübersetzung der arabischen Wissenschaftserkenntnisse im europäischen Mittelalter, den Übergang in die Renaissance und damit das Zeitalter der Entdeckungen. Auch in Ostasien findet die Geschichte der Meteorologie ihre Fortsetzung. In Südamerika kam die Hochkultur der Inka, in Mesoamerika die der Azteken auf. In Subsahara-Afrika verfügten höher entwickelte Kulturen über meteorologische Erkenntnisse.

Dipl.-Met. Markus Eifried
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 30.04.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Hoch WINFRIED bestimmt das Wetter – Umstellung zum Wochenende

Ein großräumiges Hochdruckgebiet namens WINFRIED prägt derzeit das Wetter in weiten Teilen Europas. Es erstreckt sich von den Britischen Inseln über Deutschland bis nach Osteuropa und bleibt auch bis einschließlich Freitag, den 1. Mai, bestimmend. Im weiteren Verlauf verlagert sich das Zentrum des Hochs schrittweise nach Osteuropa. Dadurch geraten die Tiefdruckgebiete über Westeuropa zunehmend in die Lage, sich Deutschland anzunähern. Gleichzeitig dreht die Strömung auf südliche Richtungen, sodass neben wärmerer auch feuchterer Luft herangeführt wird. In der Folge nimmt die Neigung zu Schauern und Gewittern allmählich zu.

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Bodenanalyse mit Fronten und Luftdruck, Mittwoch den 29.04.2026 12 UTC. Quelle: Deutscher Wetterdienst. Quelle: DWD

Am heutigen Mittwoch präsentiert sich der Himmel in weiten Teilen Deutschlands wolkenlos. Lediglich am Alpenrand halten sich kompaktere Wolkenfelder, aus denen vereinzelt Schauer fallen können. Diese stehen im Zusammenhang mit der Warmfront eines Tiefs über Spanien (ZUHAL), die jedoch durch das blockierende Hoch WINFRIED kaum nach Norden vorankommt. Bei reichlich Sonnenschein steigen die Temperaturen auf 15 bis 23 Grad. Dennoch fühlt es sich verbreitet etwas kühler an, was auf einen teils kräftigen Ostwind zurückzuführen ist. Vor allem in exponierten Lagen sowie in den Hochlagen treten starke bis stürmische Böen auf. Die sehr trockene Luft begünstigt zudem eine deutliche nächtliche Auskühlung. Entsprechend sinken die Temperaturen in den Frühstunden insbesondere in der Osthälfte häufig in den Frostbereich, während es im Westen meist frostfrei bleibt.

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Wetter- und Temperaturkarte, am Mittwoch 29.04.2026. Quelle: Deutscher Wetterdienst

Am Donnerstag liegt der Schwerpunkt des Hochs über Dänemark und dem Nordosten Deutschlands. Unter anhaltendem Hochdruckeinfluss scheint nahezu überall die Sonne, und die Temperaturen erreichen 16 bis 23 Grad. In der Mitte und im Süden bleibt der Ostwind weiterhin spürbar. In der Nacht zum Freitag lässt die Frostgefahr im Osten nach und tritt nur noch vereinzelt auf.

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Wetter- und Temperaturkarte am Donnerstag, 30.04.2026. Quelle: Deutscher Wetterdienst

Am Freitag, dem 1. Mai, behauptet sich Hoch WINFRIED weiterhin über Deutschland und hält störende Tiefdruckgebiete fern. Der Wind schwächt sich deutlich ab und dreht auf südöstliche Richtungen. Gleichzeitig steigen die Temperaturen weiter an: Im Westen werden verbreitet mehr als 25 Grad erreicht, womit dort ein Sommertag vorliegt. Auch in den übrigen Regionen wird es mit Höchstwerten zwischen 20 und 24 Grad angenehm warm. Insgesamt herrschen damit sehr günstige Bedingungen für Aktivitäten im Freien.

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Aussichten von Freitag, den 01.05.2026 bis Sonntag den 03.05.2026. Quelle: Deutscher Wetterdienst

Zum Wochenende zeichnet sich jedoch eine Umstellung der Wetterlage ab. Wie bereits angedeutet, verlagert sich das Hoch weiter nach Osten, sodass aus südlichen Richtungen zunehmend warme und feuchtere Luft nach Deutschland gelangt. Gleichzeitig nähern sich Tiefdruckgebiete von Westen. Am Samstag überwiegt in großen Teilen des Landes noch freundliches und sommerlich warmes Wetter mit Höchstwerten bis 28 Grad. In der Westhälfte nimmt jedoch die Bewölkung im Tagesverlauf zu, und am Abend ist im äußersten Westen mit ersten Gewittern zu rechnen. Am Sonntag setzt sich die unbeständigere Witterung weiter durch: Es überwiegen die Wolken, und im Tagesverlauf entwickeln sich örtlich Schauer und Gewitter. Trotz zunehmender Bewölkung bleibt es mit 20 bis 24 Grad, im Osten lokal bis 27 Grad, weiterhin warm.

Dipl.-Met. Marco Manitta
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 29.04.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Einheitenchaos – Teil 3: Niederschlag

Wenn der Himmel grau und dunkel ist und der Regen vom Himmel fällt, vermissen die einen den Sonnenschein, die anderen genießen den beruhigenden und stimmungsvollen Klang des prasselnden Regens. Nachdem die Einheiten für die Temperatur und den Wind näher betrachtet worden sind, wenden wir uns heute dem Niederschlag zu.

Beim Niederschlag kommt es einerseits darauf an, welche Menge fällt und andererseits über welche Zeitspanne hinweg. Die Regenmenge kann in Liter pro Quadratmeter (l/m²) gemessen werden. Es wird also der Regen, der auf eine 1×1 m große Fläche fällt, angegeben. Da ein Liter Wasser das Volumen von einem Kubikdezimeter hat, ist die Einheit Millimeter (pro Quadratmeter) genau gleichbedeutend mit l/m². Um eine Vorstellung für die Mengen zu bekommen: Wenn ein voller, haushaltsüblichen Eimer Wasser über Sie ausgegossen wird, entspricht das beispielsweise 10 Litern. Nach solch einem unfreiwilligen Bad wären Sie klatschnass. Würde diese Menge jedoch nicht in wenigen Sekunden, sondern über mehrere Stunden oder gar Tage fallen, so würde es sich nicht mehr so unangenehm anfühlen. Die Niederschlagsintensität, also die Regenmenge pro Zeit, ist das Stichwort. Eine grobe Kategorisierung der Niederschlagsintensitäten ist im DWD-Lexikon nachzulesen. Hier zu finden ist beispielsweise, dass selbst starker Sprühregen nur wenige Zehntel l/m² innerhalb einer Stunde bringt. Von starkem Regen hingegen wird ab etwa 10 mm pro Stunde gesprochen, von einem starken Regenschauer ab 1,7 l/m² in 10 Minuten.

Für höhere und potentiell gefährliche Mengen sind die vom DWD konzipierten Regenwarnungen gedacht (siehe dazu die offiziellen Warnkriterien auf unserer DWD-Internetseite). Dabei wird generell zwischen Starkregen (ein- bis sechsstündig) und Dauerregen (>12 Stunden) unterschieden. Dementsprechend wird die Schwelle für markanten Starkregen bereits bei 15 l/m² (innerhalb einer Stunde) erreicht, für Dauerregen dagegen ist eine Menge von 25 l/m² (innerhalb von 12 Stunden) notwendig. Die höchste Warnstufe (violett) beginnt bei 40 l/m² in einer Stunde bzw. 70 l/m² in 12 Stunden. Bei diesen Mengen muss mit erheblichen Gefährdungen wie zum Beispiel Überflutungen von Straßen, Unterführungen oder Kellern, mit Aquaplaning oder auch mit Erdrutschen gerechnet werden.

Nun gibt es natürlich nicht nur flüssigen Niederschlag, sondern auch festen wie Schnee. Als grobe Richtwerte bringt leichter Schneefall etwa 1 mm, starker Schneefall mehr als 5 mm in einer Stunde. Offizielle Schneefallwarnungen betrachten die Neuschneemenge innerhalb von 6 bis 72 Stunden. Die sechsstündigen Schwellenwerte beginnen bei 5 cm für leichten Schneefall und bei 20 cm für extrem starken Schneefall.

Was das aktuelle Wetter angeht, so sind wir von solchen Regen- und Schneemengen weit entfernt. Das ausgeprägte Bodenhochdruckgebiet WINFRIED über den Britischen Inseln und Skandinavien, wie auch ein Höhenrücken über dem Atlantik, führen derzeit dazu, dass Tiefdrucksysteme Mangelware sind und Deutschland kaum Niederschlag abbekommt. In Abbildung 1 ist in der linken Karte zur Veranschaulichung der Gesamtniederschlag bis Sonntag 8 Uhr des deutschen ICON6-Modells dargestellt. Wunderbar zu sehen ist, wie der Niederschlag einen großen Bogen um die Bundesrepublik macht und kaum ein Tropfen fällt. Was Landwirte und Gärtner betrübt, freut so manchen Sonnenliebhaber. Jedoch sind die Unsicherheiten in der Vorhersage für das kommende Wochenende noch recht groß. So sagt das europäische Modell (Abbildung 1 rechts) am Samstag Schauer im Westen und Nordwesten vorher. Es gibt also einen kleinen Licht-(oder eher Regen-?) Blick für alle, die ein wenig mehr Abwechslung im Wettergeschehen herbeisehnen.

Niederschlag

Abbildung 1: Gesamtniederschlag bis Sonntag (03.05.26) 8 Uhr. Links: Basierend auf dem ICON6-Modelllauf vom 28.04.26 6 UTC. Rechts: Basierend auf dem EZMW-Modelllauf vom 28.04.26 0 UTC (Quelle: DWD)

M.Sc. (Meteorologe) Fabian Chow
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 28.04.2026
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Wettergötter und -propheten Teil 1: Wenn Petrus die Himmelspforte öffnet

„Petrus meint es aktuell sehr gut mit uns“ hört und hörte man in den vergangenen Tagen häufiger, wenn es um das sonnenscheinreiche, freundliche und milde Wetter geht, das von einer großen Beständigkeit geprägt ist. Dennoch kam dem Autor dieser Zeilen die Frage auf, was Petrus denn eigentlich mit dem Wetter zu tun hat, obwohl er ja gar kein Wettergott im eigentlichen Sinne, wie etwa Zeus, ist. Und daran schließt sich gleich die Frage an, wofür andere Wettergötter so verantwortlich sind, was den Auftakt zu einer neuen Serie beim Thema des Tages machen soll.

Heute soll es also erstmal um Petrus gehen, der vor allem im Christentum für das Wetter „zuständig“ sei.
Simon Petrus lebte bis etwa 65 n. Chr. und war ein Apostel und Jünger Jesu gewesen, der als einer der ersten in die Nachfolge Jesu berufen wurde und zugleich als ein „Sprecher“ der Jünger fungierte. Schon hieraus wird seine insgesamt erhobene Stellung deutlich, die darin gipfelt, dass er als der erste Bischof von Rom und damit als der erste Papst im römisch-katholischen Christentum gilt. Mit Wetter hat all dies auf den ersten Blick aber erstmal wenig zu tun.

Wettergoetter und propheten Teil

Simon Petrus als der oberste Jünger Jesu wird im christlichen Sprachgebrauch häufig für das Wetter verantwortlich gemacht. (Quelle: Bildnis von Simon Petrus aus dem Katharinenkloster Sinai um das 6. Jahrhundert)

Daher muss zunächst auf die Tatsache geschaut werden, dass Petrus quasi als „Chef“ der Jünger galt und Chefs gemeinhin eine große Verantwortung haben. So wird Petrus auch als der Pförtner im Himmel angesehen, der damit für alles verantwortlich ist, was vom Himmel kommt und in den Himmel geht. Dies geht etwa aus dem Matthäus-Evangelium (16,19) hervor, in dem es heißt: „Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.“ Neben der damit übertragenen Macht und Autorität hat sich möglicherweise auch deswegen im (christlichen) Sprachgebrauch die Redewendung etabliert, dass Petrus seine Pforten öffnet, wenn es etwa in Strömen regnet. Daraus entwickelte sich dann mit der Zeit die allgemeine Verantwortung von Simon Petrus für das Wetter, sodass auch im Christentum, wie übrigens in sämtlichen anderen Kulturen, eine Gottheit oder Instanz für das Wetter zuständig zeigen soll.

Zwar gibt es auch noch andere Erklärversuche, wieso für Christen ausgerechnet Petrus für das Wetter verantwortlich sei, doch diese sind nicht mehr so naheliegend wie das Bild des verantwortungsvollen Himmelspförtners. Beispielsweise wird in manchen Publikationen auch Petrus mit Moses gleichgesetzt, der zu seiner Zeit Wasser aus einem Felsen entspringen ließ oder das Rote Meer teilte, wobei hier der meteorologische Bezug eher fehlt.

Zum Abschluss seien noch die bekanntesten Bauernregeln vorgestellt, die auf Petrus‘ Verantwortung für das Wetter zurückgehen. Viele gründen dabei auf den 22. Februar, an dem Petri Stuhlfeier zelebriert wird.

So heißt es beispielsweise „Wenn’s friert auf Petri Stuhlfeier, frierts noch vierzehnmal heuer“ oder „Ist Petri Stuhlfeier kalt, hat der Winter noch vierzig Tage Gewalt“. Aber auch für gutes, warmes Wetter gibt es diesbezügliche Bauernregeln, wie „Nach der Kälte der Petersnacht, verliert bald der Winter seine Kraft“ oder „Wenn zu St. Petri die Bäche sind offen, wird später kein Eis mehr auf ihnen getroffen“.

Sie sehen, vieles beim Wetter wurde früher Petrus zugeschrieben und noch heute ist er im Sprachgebrauch fest verankert, so wie manch andere Wettergötter auch. Diese sollen in späteren Themen des Tages ebenfalls näher betrachtet werden.

M.Sc.-Met. Oliver Reuter
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 27.04.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Hagelereignisse in Deutschland

Auch wenn aktuell über Mitteleuropa weitgehend ruhiges Hochdruckwetter vorherrscht, steht uns die Gewittersaison 2026 unmittelbar bevor – und damit steigt auch die Hagelgefahr. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt, dass im Zeitraum von 2005 bis 2024 die meisten Hagelstürme in Deutschland zwischen Mai und August auftraten. Grundlage der Untersuchung waren Radardaten des Deutschen Wetterdienstes, aus denen potenzielle Hagelzüge abgeleitet wurden.

Dabei zeigt sich ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Dieses lässt sich sowohl durch die orographischen Gegebenheiten als auch durch den höheren Energiegehalt der Troposphäre im Süden erklären, der im klimatologischen Mittel im Frühling und Sommer ausgeprägter ist. Ein Schwerpunkt zeigt sich südlich von Stuttgart entlang der Schwäbischen Alb und im Alpenvorland. In diesen Regionen beeinflusst die Topographie von Schwarzwald, Schwäbische Alb und den Alpen maßgeblich die Entstehung von kräftigen Gewittern, die Hagel produzieren können. Im Lee der Gebirge bilden sich häufig lokale Konvergenzen aus, an denen Luftmassen zusammenströmen. Diese Konvergenzen sind oftmals die Brutstätte für schwere Gewitter mit Hagel. Da bei den meisten schweren Gewitterlagen eine südwestliche Strömung vorherrscht, sind diese Regionen besonders anfällig. Dort treten Hagelereignisse nicht nur vergleichsweise häufig auf, sondern auch überdurchschnittlich viele Fälle mit großem Hagel. In Erinnerung ist bei einigen in diesem Zusammenhang sicherlich das Hagelunwetter von Reutlingen aus dem Jahr 2013 geblieben. Am 27 Juli sorgte damals eine Superzelle mit großem Hagel entlang der Schwäbischen Alb für massive Schäden an der Infrastruktur und in der Landwirtschaft.

Hagelereignisse in Deutschland 1

Die mittlere Anzahl der Hagelzüge pro 1 Quadratkilometer Gitterpunkt zwischen 2005-2024 in Deutschland. Maxima zeigen sich südlich von Stuttgart und im Alpenvorland.

Da zur Ausbildung von Hagelstürmen neben einer feuchtwarmen energiereichen Luftmasse auch ein Hebungsantrieb vorhanden sein muss, hat die Wetterlage einen entscheidenden Einfluss auf das Auftreten solcher Ereignisse. Die Studie zeigt, dass etwa 50 Prozent dieser Stürme in diesem Zeitraum in Verbindung mit blockierenden Wetterlagen auftraten. Solche Lagen führen durch langsam ziehende Druckgebilde häufig zu Serien von Hagelstürmen über mehrere Tage. Dabei kristallisiert sich heraus, dass solche Episoden mit einer Periode von Hagelstürmen gefolgt von längeren Ruhephasen häufiger geworden sind. Das am häufigsten dominierende Wetterregime war eine skandinavische Blockierungslage mit einem kräftigen nahezu stationären Hochdruckgebiet über Skandinavien und gleichzeitig tiefen Luftdruck im Bereich des Mittelmeerraums. Betrachtet man die räumlichen Unterschiede innerhalb von Deutschland, so zeigt sich lediglich im Süden eine Zunahme in der Hagelhäufigkeit. In der Mitte und im Norden ist eine Tendenz zu weniger Ereignissen erkennbar. Dies steht im Widerspruch zur verbreiteten Annahme, dass aufgrund des Anstiegs der Temperatur und Feuchtigkeit automatisch mehr schwere Gewitter auftreten.

Hagelereignisse in Deutschland 2

Tage mit Hagelzügen unter verschiedenen Wetterregimen. An 50 Prozent der Hageltagen war ein blockierendes Wetterregime vorherrschend.

Da die physikalischen Vorgänge in der Atmosphäre allerdings weitaus vielschichtiger sind, können veränderte atmosphärische Strömungen, der Aerosolgehalt in der Troposphäre oder der Anstieg der Nullgradgrenze einen negativen Trend in der Häufigkeit erklären. Die Ausbildung von Gewittern mit Hagel bleibt ein komplexes Thema, welches von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst wird, wodurch sich räumlich kein einheitliches Bild ergibt.

In den kommenden Tagen bleibt uns das ruhige Hochdruckwetter weitgehend erhalten. Lediglich am Dienstagabend besteht im Zusammenhang mit einem schwach ausgeprägten Höhentief über dem süddeutschen Bergland ein geringes Schauer- und Gewitterrisiko. Schwere Gewitter mit Hagel werden jedoch nicht erwartet!

Damit bleibt abzuwarten, wo die Gewitter – und Hagelschwerpunkte in dieser Saison liegen werden.

M.Sc. Meteorologe Nico Bauer
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 26.04.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Hochdruck ohne Ende

Seit Tagen schon herrscht Hochdruckeinfluss in Deutschland. In den meisten Regionen drückt sich dieser in einem nur wenig oder gar nicht bewölktem Himmel aus. Nur im Norden hat feuchte Nordseeluft in den letzten Tagen für viele tiefe Wolken mit Hochnebelcharakter gesorgt. Regen fiel daraus aber kaum. Heute wird die eingeströmte feuchte Meeresluft von einem Tiefausläufer gehoben, was zu Quellwolken und somit zu einem Rückgang der Hochnebeldecke führt. Niederschlag ist aber weiter Mangelware.

Hochdruck ohne Ende 1

Karte Europa und Nordatlantik mit der Analyse des Bodendruckfeldes (in hPa) und der Wetterfronten sowie der den Namen der Druckzentren von Samstag, 25.04.2026 0 UTC/2 MESZ (Quelle: DWD)

Der Ausläufer gehört zu Tief YLVI mit Zentrum über Südostskandinavien. Zwischen ihr und den Hochdruckgebieten ULI, WINFRIED und VOLKER erhöht sich im Norden und Osten der Druckgradient, was in einem frischen Wind resultiert.

Hochdruck ohne Ende 2

Karte Europa und Nordatlantik mit der Vorhersage des Bodendruckfeldes (in hPa) sowie den Namen der Druckzentren für Samstag, 25.04.2026 12 UTC/14 MESZ (Quelle: DWD)

Die Hochdruckgebiete, die vom Nordwesten Europas über den Westen und die Mitte bis in den Süden reichen, gewinnen bereits am Sonntag wieder die Oberhand. Die Tiefdruckgebiete YLVI und XIMENA über Nordost- und Osteuropa werden zurückgedrängt. Der Druckgradient nimmt deutlich ab und der Wind lässt nach.

Hochdruck ohne Ende 3

Karte Europa und Nordatlantik mit der Vorhersage des Bodendruckfeldes (in hPa) für Sonntag, 26.04.2026 12 UTC/14 MESZ (Quelle: DWD)

Auch atlantische Störungen erreichen uns in den kommenden Tagen nicht. Der Hochdruckeinfluss ist gekommen, um zu bleiben. Erst am Dienstag zieht sich das Hoch mehr in den Westen und Norden Europas zurück. Dann kann sich über der Iberischen Halbinsel und dem westlichen Mittelmeer tiefer Luftdruck ausbreiten. Dabei wird etwas feuchtere Luft in den Süden Deutschlands geführt, was in einzelnen Schauern oder leichtem Regen im äußersten Süden und Südwesten münden kann.

Hochdruck ohne Ende 4

Karte Europa und Nordatlantik mit der Vorhersage des Bodendruckfeldes (in hPa) für Dienstag, 28.04.2026 12 UTC/14 MESZ (Quelle: DWD)

Im großen Rest Deutschlands ist es weiterhin trocken. Dabei ist es im Westen und Süden immer ein paar Grad wärmer als im Norden und Osten. Denn die Luft strömt im Uhrzeigersinn um die Hochdruckgebiete herum zu uns und kommt damit überwiegend aus nördlicher Richtung. Auf dem Weg in den Süden und Westen kann sie sich dabei über Land erwärmen, während sie über die frische Nord- und Ostsee kaum Erwärmung erfährt.
Der erste Trend nach Wochenmitte zeigt weiterhin Hochdruckeinfluss. Ob dabei zum Ende der Woche mildere Luft aus Süden gewinnt oder wir weiter auf der Vorderseite in nördlicher Strömung verbleiben, ist noch ungewiss.

Diplom-Meteorologin Jacqueline Kernn
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 25.04.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Wie Wetter Geschichte schrieb

Am Sonntag, den 26. April 2026, jährt sich der Super-GAU (Größter anzunehmender Unfall), also die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zum 40. Mal. Am 26. April 1986 um 01:23 Uhr Ortszeit kam es in Block 4 des Kernkraftwerks nahe der ukrainischen Stadt Prypjat zu einer Explosion des Kernreaktors. Infolgedessen wurden große Mengen radioaktiver Materie freigesetzt. Einige Bestandteile gingen in Form von Staubpartikeln in der Umgebung des Reaktors nieder. Andere, insbesondere leicht flüchtige Isotope gelangten bei der Freisetzung bis in große Höhen der Atmosphäre und wurden in einer Art radioaktiven Wolke teilweise Tausende Kilometer weit getragen.

Und welchen Einfluss hatte das Wetter hierbei? Für gewöhnlich wehen die Winde über Europa häufig von West nach Ost, was die radioaktive Materie von Europa wegtransportiert hätte. Allerdings war die großräumige Wetterlage über Europa Ende April 1986 so, dass zunächst Skandinavien davon betroffen war, nachfolgend dann auch Mitteleuropa. Im Süden Deutschlands traten zu dieser Zeit teils kräftige Regenfälle auf. Dabei wurden die radioaktiven Bestandteile aus der Atmosphäre gewaschen. Damit lässt sich erklären, warum der Süden mehr belastet ist als der Norden Deutschlands. Selbst heute noch sollte man dies beim Verzehr von Wildfleisch, Pilzen und Waldbeeren im Hinterkopf haben.

Wie Wetter Geschichte schrieb

Havarierter Block 4 von Tschernobyl mit Denkmal für die ersten Opfer im Vordergrund, aufgenommen am 23.09.2017

Auch bei anderen historischen Ereignissen spielte das Wetter eine entscheidende Rolle. In früheren Themen des Tages wurde bereits über den Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki sowie den D-Day (https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2023/8/7.html) berichtet, zudem wurde Bezug genommen auf die Winter 1812/13 (während Napoleons Russlandfeldzug) und 1941/42 (während Hitlers Russlandfeldzug) sowie auf den Hungerwinter 1946/47 (https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2023/8/25.html). An dieser Stelle soll nun auf historische Ereignisse eingegangen werden, bei denen schlechte Sichtbedingungen eine entscheidende Rolle spielten.

Da wäre zum einen der Mechelen-Zwischenfall während der Vorbereitungen für den Westfeldzug, bei dem schließlich Nazideutschland im Frühsommer 1940 unter Verletzung der Neutralität der Beneluxstaaten weite Teile Frankreichs besetzte. Für dessen Umsetzung war eine nur wenig angepasste Neuauflage des bereits im Ersten Weltkrieg gescheiterten Schlieffenplanes vorgesehen.

Am 10. Januar 1940 wurde der Offizier Major Helmut Reinberger als Kurier mit der neuesten Version der Angriffspläne zu einer Stabsbesprechung nach Köln geschickt. Geheime Dokumente durften damals nicht fliegen, weshalb der Offizier mit dem Zug fuhr. Auf dem Weg dorthin plante er den Besuch eines Kameraden auf einem Luftwaffenstützpunkt im Münsterland ein. Da er dort aufgehalten wurde, verpasste er allerdings seinen Zug nach Köln. Ein Luftwaffenoffizier bot ihm an, ihn bei seinem Flug nach Köln mitzunehmen. Trotz Vorschriftswidrigkeit nahm der Offizier das Angebot an. Es trat genau das ein, weshalb geheime Dokumente damals eben nicht fliegen durften: Aufgrund von schlechten Sichtbedingungen verflog sich der Pilot, driftete durch starken Ostwind ab und musste schließlich in Belgien notlanden. Dies blieb dort natürlich nicht unbemerkt. Die Offiziere versuchten zwar noch, die Angriffspläne zu verbrennen, aber der böige Wind vereitelte das vollständige Verbrennen, bevor eintreffende belgische Beamte das Feuer löschen konnten. Dadurch gerieten die geheimen Dokumente in die Hände der belgischen Armee, die diese umgehend an die Franzosen und Briten weiterleitete. Nur aufgrund dieses Vorfalls kam „Plan B“ zum Einsatz: der Mansteinplan, der eine Ablenkungsoffensive an der rechten Flanke über die Niederlande und Belgien vorsah und den Hauptvorstoß durch die Ardennen in den Rücken der Alliierten, die dadurch auch von ihren Versorgungslinien abgeschnitten wurden. Innerhalb weniger Wochen wurde der Westfeldzug von Nazideutschland gewonnen.

Nur wenige Wochen vor dem Mechelen-Zwischenfall, am 08. November 1939, hätte sich womöglich die gesamte nachfolgende Geschichte ändern können, wenn da nicht der Nebel gewesen wäre. Hitler hielt in jedem Jahr zum Gedenken an den gescheiterten Putsch 1923 eine in der Regel lange Rede im Münchner Bürgerbräukeller. Der württembergische Tischler Georg Elser, ein Gegner des Nationalsozialismus, war im Jahr zuvor unter den Zuhörern, was ihn davon überzeugte, dass der Bürgerbräukeller der richtige Ort für seinen Attentatsversuch auf Hitler war. Hitler würde im darauffolgenden Jahr, also 1939, mit Sicherheit zur gleichen Zeit an der gleichen Stelle wieder eine Rede halten. Für seinen Plan trat Elser zunächst eine Arbeit in einem Steinbruch an, um entsprechende Materialien für seine Zeitbombe entwenden zu können. In mühevoller nächtlicher Arbeit deponierte er diese in einer Säule im Bürgerbräukeller gleich hinter dem Rednerpult, um sich dann noch rechtzeitig in die Schweiz absetzen zu können. Detonationszeitpunkt war der 08. November 1939 um 21:20 Uhr. In diesem Jahr verlief die Rede Hitlers allerdings anders als sonst: Es war Krieg und Hitler wollte seinen Auftritt zunächst sogar absagen, entschied sich dann aber doch dafür. Am gleichen Abend wollte er zurück nach Berlin fliegen, weshalb sein Auftritt vorverlegt wurde. Aufgrund schlechter Sichtbedingungen war ein Rückflug aber nicht möglich. Hitler hielt sich bei seiner Rede kurz und verließ bereits um kurz nach 21 Uhr den Bürgerbräukeller, da am Münchner Hauptbahnhof ein Sonderzug bereitstand, der um 21:30 Uhr abfahren sollte. Auch viele der Zuhörer hatten das Gebäude bereits verlassen, als die Zeitbombe planmäßig um 21:20 Uhr detonierte. Durch die Detonation brach die Säule zusammen und die Deckenkonstruktion stürzte auf die Rednertribüne. Es gab acht Tote, u.a. eine Aushilfskellnerin, und viele Verletzte. Wäre Hitlers Auftritt wie im Jahr zuvor verlaufen, hätte die Sache wahrscheinlich anders ausgesehen. Elser wurde an der Schweizer Grenze aufgegriffen und verriet sich durch eine Ansichtskarte des Bürgerbräukellers und Teile eines Zünders in seiner Tasche.

Anhand dieser und noch vieler weiterer Beispiele wird erkennbar, wie das Wetter Einfluss auf die Geschichte nehmen kann.

M.Sc. (Meteorologin) Tanja Egerer
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 24.04.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Flache Kaltluftschicht und große Tagesgänge

Eine trockene Luftmasse, wolkenlose Bedingungen und möglichst wenig Wind – dies sind die Bedingungen, die es für niedrige Tiefstwerte braucht. All diese Voraussetzungen waren in der Nacht zum Mittwoch verbreitet und in der Nacht zum Donnerstag gebietsweise erfüllt. Ein klarer Himmel ist notwendig, damit der Boden effektiv Wärme in den Weltraum abstrahlt. Eine Wolkendecke würde für Gegenstrahlung Richtung Boden sorgen. Eine trockene Luftmasse ist wichtig, da sonst bei Abkühlung bald 100 % Luftfeuchtigkeit erreicht wären, Nebel entstehen würde und ein weiteres Abkühlen nur langsam voranschreiten würde. Schwacher Wind ist vonnöten, da sonst die sich bildende bodennahe Kaltluftschicht (kalte Luft ist schwerer als warme Luft) mit darüber liegender wärmerer Luft durchmischt werden würde.

Flache Kaltluftschicht und grosse Tagesgaenge 1

Zeitreihe der Temperatur in verschiedenen Höhen in Hamburg vom 21. bis 23.04.2026. (Quelle:https://wettermast.uni-hamburg.de/frame.php?doc=Home.htm)

In der Nacht zum Mittwoch gab es abgesehen vom Südwesten verbreitet leichten Frost. Von Gipfellagen und einzelnen notorisch kalten Tallagen abgesehen war es besonders kalt in Bad Königshofen in Unterfranken (-3,6 Grad), in Sohland an der Spree (Sachsen) mit -3,5 Grad und im Norden von Schleswig-Holstein mit -3,4 Grad.

Wie flach die Kaltluftschicht tatsächlich war, lässt sich gut anhand des „Wettermastes“ in Osten von Hamburg dokumentieren. An diesem Mast sind in verschiedenen Höhen vom Boden bis in 280 Meter Höhe Messinstrumente vom meteorologischen Institut der Universität Hamburg angebracht. Diese messen unter vielen anderen Messgrößen die Temperatur. In Abbildung 2 ist die Temperatur der verschiedenen Höhen als Zeitreihe dargestellt. Am Dienstagabend sieht man die beginnende Abkühlung in allen Luftschichten, die aber umso ausgeprägter war, je tiefer sich der Messfühler befand. Ab 22 Uhr waren tiefere Luftschichten kälter als darüberliegende. Es hatte sich eine Inversion (inverse Temperaturschichtung) eingestellt. Kurz nach Sonnenaufgang zwischen 6:00 Uhr und 6:30 Uhr wurden die Tiefstwerte erreicht. Zwischen 2 m und 110 m Höhe betrug die Differenz etwa 10 Kelvin (-1 Grad in 2 m und +9 Grad in 110 m Höhe). Die mit Gras bewachsene Oberfläche des Bodens war sogar -6 Grad kalt. Nach Sonnenaufgang erwärmten sich die bodennahen Schichten durch die solare Strahlung rasch und die normale Temperaturschichtung stellte sich wieder ein. Mit knapp 17 Grad am Nachmittag wurde es trotz der niedrigen Startwerte noch mild. Der Tagesgang zwischen Tiefst- und Höchstwert betrug etwa 18 Grad. Gebietsweise wurden sogar Tagesgänge um 20 Grad erreicht, wie zum Beispiel in Celle mit 20,5 Grad (-1,5/19 Grad).

Flache Kaltluftschicht und grosse Tagesgaenge 2

Messwerte: Tiefstwerte der Temperatur in 2 m Höhe am 22. und 23.04.2026

In der Nacht zum Donnerstag zogen im Norden Wolken auf und bereits das Fehlen eines der drei Parameter führte zu deutlich höheren Nachtwerten über dem Gefrierpunkt. In der Mitte und im Süden des Landes wiederholte sich das Spiel der Nacht zuvor aber wieder. Örtlich wurden erneut -3 bis -4 Grad gemessen. Deutschlandweit am wärmsten waren die etwas erhöhten Lagen im Südwesten. In Bad Bergzabern in der Pfalz sank die Temperatur nicht unter 8,1 Grad, in der Tallage Kaiserslautern dagegen bis auf 0,3 Grad.

Flache Kaltluftschicht und grosse Tagesgaenge 3

Prognose (MOS): Tiefstwerte der Temperatur in 2 m Höhe am 24. und 25.04.2026

In den kommenden Nächten wird es zwar allmählich etwas milder. Im Süden ist die Frostgefahr aber noch nicht gebannt. Besonders in ländlichen Tallagen wird es auch in den Nächten zum Freitag und Samstag leichten Frost geben. Im Norden sorgen dagegen Wolken und Wind für mildere Nächte.

M.Sc. Met. Thore Hansen
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 23.04.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Über Erhaltungsgrößen – und eine grell-bunte Animation

In der Physik sind Erhaltungssätze weit mehr als nur mathematische Regeln. Sie sind ein grundlegendes Werkzeug zur Beschreibung physikalischer Systeme und zeigen nicht nur auf, was in einem solchen System passiert, sondern auch, welche Entwicklungen unmöglich sind – so etwas wie die unsichtbaren Leitplanken unseres Universums. Etwas Ordnung im Chaos.

Das Standardbeispiel für Erhaltungssätze aus der klassischen Physik ist die fallende Birne – oder so ähnlich. Grundlegender Ansatz ist die Energieerhaltung – Lageenergie (Birne auf Baum) wird in Bewegungsenergie (Birne fällt zu Boden) umgewandelt, die Gesamtenergie bleibt erhalten. Die mathematische Beschreibung – hergeleitet als eine einzelne lineare Differenzialgleichung (hier nur erwähnt für den danach folgenden Kontext) – führt zu einer stabilen und intuitiven Lösung: Eine Änderung der Fallhöhe geht einher mit einer Änderung der Aufprallgeschwindigkeit. Bezieht man die Luftreibung in Abhängigkeit von der Fallgeschwindigkeit mit ein, so wird die zugrundeliegende Differenzialgleichung nichtlinear, die Berechnung wird ein wenig komplizierter, das System bleibt jedoch trotzdem gut berechenbar und intuitiv.

Die Ordnung im Chaos ist etwas schwerer zu finden in der Beschreibung der Dynamik der Erdatmosphäre, wo Chaos nicht nur ein abstrakter Begriff aus der antiken griechischen Mythologie ist, sondern als naturwissenschaftliches Konzept die Grenzen der Vorhersagbarkeit beschreibt. Dem zugrunde liegen in der mathematischen Beschreibung der Atmosphärendynamik – im Vergleich zur fallenden Birne – ein ganzer Satz an gekoppelten, nicht-linearen Differenzialgleichungen. Die zu berechnenden Größen in diesen Gleichungen beeinflussen sich gegenseitig in komplexen Rückkopplungsschleifen. Das macht das System nicht nur sehr schwer berechenbar und unintuitiv, sondern führt auch zu einer teils extremen Sensitivität den Anfangsbedingungen gegenüber – kleine Änderungen im Grundzustand können zu völlig verschiedenen Lösungen des Systems führen.

Die Erhaltung von Masse und Energie fließt auch in die mathematische Beschreibung der Atmosphärendynamik mit ein, führt hier jedoch nicht unmittelbar zu einer einfacher nachvollziehbaren Beschreibung der Luftmassenbewegungen. Auf der Suche nach Erhaltungsgrößen mit interpretierbaren Eigenschaften werden generell Annahmen zur Vereinfachung des beschriebenen Systems getroffen. Der geneigten Thema-des-Tages-Leserschaft ist vielleicht schon häufiger die sogenannte Vorticity begegnet, ein mathematischer Ausdruck für die Wirbelhaftigkeit von Strömungen. Bildet man die Summe aus der der Strömung inhärenten (relativen) Vorticity und der durch die Rotation der Erde gegebenen (planetaren) Vorticity, so ist diese unter bestimmten Bedingungen – insbesondere der Annahme von Barotropie – erhalten. Daraus ergeben sich erstaunlich intuitive Lösungsansätze für die großskalige Dynamik in der Atmosphäre, die Ausbildung von Rossby-Wellen durch das Wechselspiel von relativer und planetarer Vorticity.

Eine Erhaltungsgröße lässt sich als Zusammenspiel der zugrunde liegenden Annahmen, unter denen sie gültig ist, und ihrer mathematischen Komplexität verstehen. Je weniger restriktiv die Annahmen sind, desto komplexer ist in der Regel die entsprechende Erhaltungsgröße – wenn sich denn eine finden lässt. In diesem Sinne erkaufen wir uns die Verallgemeinerung auf dreidimensionale Strömungen in einer baroklinen (nicht-barotropen) Atmosphäre durch eine etwas komplexere Erhaltungsgröße – die potenzielle Vorticity, oder PV.

Die potenzielle Vorticity lässt sich „vereinfacht“ als eine Kombination aus drei Dingen verstehen: der Wirbelhaftigkeit der Luft, der Dichte- bzw. Temperaturschichtung der Atmosphäre und der Dehnung oder Stauchung von Luftpaketen. Anschaulich gesprochen beschreibt die PV, wie sich ein Luftpaket dreht und wie es in der vertikalen Struktur der Atmosphäre eingebettet ist.

Ihre besondere Stärke liegt darin, dass sie unter vielen realistischen Bedingungen erhalten bleibt und damit entlang der Strömung mitgeführt wird. Gleichzeitig trägt sie selbst einen wesentlichen Teil der dynamischen Eigenschaften der Strömung in sich und beschreibt diese gewissermaßen mit. Die PV reduziert somit komplexe Strömungsmuster auf eine einzelne Größe – eine Art Fingerabdruck von Luftmassen, mit dem sich großräumige Entwicklungen in der Atmosphäre besser verstehen lassen.

Ueber Erhaltungsgroessen und eine grell bunte Animation

Animation der aus Modelldaten berechneten potenziellen Vorticity in der Höhenströmung (der Vollständigkeit halber: auf der 320 K Isentrope), in 3-Stunden Schritten vom 21.04.2026 00 UTC bis zum 24.04.2026 00 UTC. (Quelle :DWD,ICON Modell)

Die versprochene farbenfrohe Animation zeigt die Entwicklung der potenziellen Vorticity (PV) im Verlauf dieser Woche, berechnet aus Modelldaten des deutschen ICON-Modells. Dargestellt ist die PV auf einer sogenannten isentropen Fläche, also einer Fläche konstanter potenzieller Temperatur. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, gilt: Die Bewegung von Luftmassen entlang solcher Flächen ist eine der zentralen Annahmen, unter denen die PV auf den betrachteten Skalen näherungsweise erhalten bleibt. Glücklicherweise ist diese Annahme kaum einschränkend, da Luftmassen auf diesen Skalen nur wenig Wärme mit ihrer Umgebung austauschen und sich daher ohnehin weitgehend entlang isentroper Flächen bewegen.

Die Animation macht sichtbar, wie PV mit der Höhenströmung verfrachtet wird – die hier betrachtete 320-Kelvin-Isentrope liegt im Bereich der oberen Troposphäre und unteren Stratosphäre. Dabei wird hohe PV durch großskalige Wellen in der Höhenströmung in Richtung Äquator transportiert. Beim Brechen dieser Wellen entstehen charakteristische PV-Filamente sowie abgeschlossene PV-Anomalien, wie hier über dem Atlantik zu erkennen ist. Die hohen PV-Werte dieser Anomalie geben nicht nur Hinweise auf die Herkunft der Luftmasse, sondern sind – über die Vorticity – auch mit einem zyklonalen Windfeld verknüpft. Das zeigt sich in der gegen den Uhrzeigersinn gerichteten Rotation der Anomalie.

Um den Rahmen nicht zu sprengen müssen wir es leider vorerst bei dieser Motivation und grundlegenden Einführung der PV belassen. Warum sie im Grundzustand in hohen Breiten hohe Werte aufweist und Richtung Äquator niedrige, was das mit der Lage der Tropopause zu tun hat, und wie und warum man PV Strukturen in Satellitenbildern erkennen kann erläutern wir an dieser Stelle in einem folgenden Thema des Tages.

Dr. rer nat. Thorsten Kaluza (Meteorologe)
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 22.04.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst