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Tornado bei Paris

Am gestrigen Montagnachmittag zog gegen 17:45 Uhr Ortszeit ein Tornado durch Ermont, einem nördlichen Vorort von Paris im Departement Val-D’Oise. Er richtete erheblichen Schaden an: Mehrere Baukräne stürzten um, Häuser wurden abgedeckt und Bäume knickten ab. Diverse Medien berichten bereits von Schwerverletzten und mindestens einem Todesfall.

Starke Tornados kennt man landläufig eher aus dem Sommerhalbjahr. Tatsächlich tritt ein Großteil der Tornadoereignisse auch in der warmen Jahreszeit auf. Doch es gibt sie auch im Winterhalbjahr, wenn die Bedingungen für deren Entstehung gegeben sind.

Grundvoraussetzung für Tornados ist Konvektion, sprich es müssen Schauer und Gewitter entstehen. Dafür bedarf es bodennah feuchte Luft und Instabilität, also eine rasche Temperaturabnahme mit der Höhe. Zudem muss die Luft gehoben werden. Dies kann beispielsweise durch Tiefausläufer (Kalt- und Warmfronten), durch Tröge (Tiefs in der Höhe), Konvergenzlinien (Bereich zusammenströmender Luft) oder Berge gewährleistet werden. Damit Tornados entstehen können, muss zudem starke Windscherung vorherrschen, insbesondere in der unteren Troposphäre (Änderung von Windgeschwindigkeit und -richtung mit der Höhe) und möglichst niedrige Wolkenuntergrenzen. Im Winterhalbjahr sind diese Bedingungen vor allem dann gegeben, wenn Sturmtiefentwicklungen im Spiel sind.

Abbildung 1 zeigt die Zutaten für Konvektion und Tornados zum Zeitpunkt des Tornados bei Paris. Feuchtigkeit und Instabilität waren ausreichend vorhanden. Zudem herrschte im Umfeld eines kräftigen Tiefs über Südengland mäßige bis starke Scherung, sowohl niedertroposphärisch als auch hochreichend. Besonders auffällig ist die starke Helizität, also Wirbelhaftigkeit der Luftmasse, die durch starke Richtungsscherung in den unteren Luftschichten generiert wird und durch die etwaige Tornados genährt werden. Durch einen von Westen aufziehenden Trog wurde die Luft großräumig gehoben und es entstanden Schauer und Gewitter.

Zutaten für Konvektion am 20. Oktober um 17:00 Uhr MESZ.

Tornado bei Paris

Die Radaranimation in Abbildung 2 zeigt, wie sich eine Gewitterzelle (erkennbar an den dunkelblauen Farben) über den Nordrand des Pariser Stadtgebiets nach Osten verlagerte. Hierbei handelte es sich um eine sogenannte „Low-Topped Supercell“ (deutsch: flache Superzelle), also eine in sich rotierende Gewitterzelle geringer vertikaler Mächtigkeit. Diese produzierte erwiesenermaßen den starken Tornado bei Ermont.

Radaranimation vom Großraum Paris am 20. Oktober, von 17:00-18:10 Uhr MESZ.

Tornado bei Paris 2

Eine vorläufige Analyse der Bilder und Schäden ergab, dass es sich um einen Tornado der Stärke IF2 auf der Internationalen Fujita Skala gehandelt hat (siehe: www.eswd.eu). Dabei treten Windgeschwindigkeiten um 220 km/h auf (siehe Thema des Tages vom https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2024/4/11.html). Offenbar kam es fast zeitgleich an einer weiteren flachen Superzelle weiter nördlich bei Chaumont-en-Vexin ebenfalls zu einem Tornado, der mit einer Stärke von IF0.5 (~120 km/h) aber weitaus schwächer war.

Dipl.-Met. Adrian Leyser Sturm
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 21.10.2025
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Tornados 2025 | Wer entscheidet, ob es ein Tornado war oder nicht?

Einleitung

Die Tornadosaison 2025 nähert sich allmählich dem Ende. Zwar hat das Jahr noch ganze drei Monate, gleichwohl treten in diesen drei Monaten im Schnitt über die letzten 25 Jahre nur drei Tornados auf. Die Hauptaktivitätsmonate (Mai bis September) liegen damit hinter uns.

Zwischenbilanz 2025

Es ist also an der Zeit, einen Blick auf die bisherige Bilanz der Tornadosaison 2025 zu werfen. Gesammelt werden alle bestätigten Tornadofälle in der Europäischen Unwetterdatenbank (eswd.eu). Für Deutschland stehen in der Datenbank bisher 36 bestätigte Fälle. Darüber hinaus gibt es noch verschiedene Verdachtsfälle, die aktuell noch in der Diskussion stehen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass noch ein paar dieser Fälle bestätigt werden. Nimmt man noch die durchschnittlich drei Fälle hinzu, die zwischen Oktober und Dezember auftreten, landen wir am Ende irgendwo zwischen 40 und 45 Tornados. Damit würden wir in der Bilanz leicht unterdurchschnittlich liegen.

Im Schnitt über die letzten 25 Jahre kommt es in Deutschland zu 49 Tornadofällen, wovon etwa 18 über Wasser auftreten – also Wasserhosen sind. Der Hauptgrund für die voraussichtlich eher unterdurchschnittliche Saison ist vor allem die Gewitterarmut. Es gab in den Hauptsommermonaten so wenig Blitze wie lange nicht mehr (siehe dazu auch: https://www.tagesschau.de/inland/blitze-unwetter-100.html).

Tornados 2025 1

Das Bild zeigt die Verteilung der bisher bestätigten Tornadofälle 2025 unterteilt nach Intensität.

Statistiken 2025

Schaut man noch etwas tiefer in die Statistik, so sieht man, dass insgesamt 13 der bisher bestätigten 36 Fälle über Wasser aufgetreten sind, es sich also um sogenannte Wasserhosen handelte. Das sind etwas mehr als ein Drittel aller Tornados und passt sehr gut zu den vieljährigen Mittelwerten.

Betrachtet man die Stärkeverteilung, so gibt es für 18 Tornados keine Stärkeangabe (meist Wasserhosen). Vier Fälle waren schwach und richteten keine größeren Schäden an (IF0 und IF0.5 – siehe auch https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2024/4/11.html). Weitere zwölf Fälle waren schon kräftiger (IF1: 7 bzw. IF1.5: 5). Insgesamt zwei Fälle können als starke Tornados der Intensität IF2 eingestuft werden. Einer dieser Fälle lag in Kreuzbruch nördlich von Berlin (26.06.), ein anderer ereignete sich in Donaustetten bei Ulm am 04.06. Der aktivste Monat im Jahr 2025 war der Juli. In diesem Monat gab es ganze 13 Tornados, wobei neun davon Wasserhosen waren.

Tornados 2025 2

Auf dem Bild sieht man die monatliche Verteilung der Tornadofallzahlen 2025 im Vergleich zum Mittelwert 2000 bis 2024.

Untersuchung von Verdachtsfällen

Wie angesprochen gibt es noch einige Verdachtsfälle, die derzeit näher untersucht werden. Aber wie funktioniert das überhaupt? Im Thema des Tages über die Tornadoforschung in Deutschland (https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2025/9/18.html) wurde bereits erläutert, dass die verschiedenen Experten und Gruppen, die sich mit Tornados beschäftigen, begonnen haben, noch enger miteinander zu kooperieren. Noch hat die Vereinigung keinen offiziellen Namen, man könnte sie aber als „Tornado-Kompetenzzentrum Deutschland“ bezeichnen. In diesem ist auch der DWD mit seiner Tornado-Expertengruppe vertreten. Der Austausch findet über eine virtuelle Kommunikationsplattform im Internet statt.

Sobald einer der Beteiligten Informationen über einen Tornadoverdacht in Deutschland erhält oder findet, werden diese in einem Diskussionsthread geteilt und unter den verschiedenen Beteiligten diskutiert. Vorliegende Informationen können Fotos/Videos von einem potenziellen Wirbel, Schadensbilder oder Augenzeugenberichte sein. Ein klassisches Beispiel ist auch ein Zeitungsbericht über eine potenzielle Windhose (nicht Windrose!). Oft spricht die Polizei oder Feuerwehr nach starken Windereignissen sofort von einem Tornado, ohne (verständlicherweise) die genauen Hintergründe zu kennen.

Genaues Vorgehen bei der Bestätigung von Verdachstsfällen

Erreicht das Kompetenzzentrum nun ein Verdachtsfall, gibt es verschiedene Kriterien, die geprüft werden. Zunächst einmal wird geschaut, ob der Fall plausibel ist. Eine Frage ist, ob an dem Tag die Zutaten für das Auftreten von Tornados erfüllt gewesen sind (siehe auch: https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2021/7/19.html). Dann wird mit Hilfe von Radarbildern überprüft, ob es zum Zeitpunkt in der Gegend eine rotierende Gewitterzelle gab.

Im nächsten Schritt werden die Augenzeugenberichte und Foto- bzw. Videodokumentationen näher unter die Lupe genommen. Zum einen wird die Intensität des Ereignisses ermittelt, zum anderen wird geschaut, ob die Schäden eher nach einem Tornado oder nach einem Fallwind aussehen. Hilfreich sind zudem (zusätzliche) Aufnahmen des Wolkenwirbels selbst. Wenn keine Bilder vorliegen, können auch hochaufgelöste Satellitenbilder herangezogen und nach Tornadoschneisen durchsucht werden.
Zu guter Letzt werden einige der gemeldeten Verdachtsfälle vom Team Torkud (Tornado-Kartierung und Untersuchung in Deutschland) oder anderen Expertinnen und Experten der Gruppe vor Ort untersucht und dokumentiert. Dafür werden nicht nur Gespräche mit Augenzeugen geführt, sondern mit Hilfe einer Drohne hochaufgelöste Aufnahmen des Schadensbildes gemacht.

All diese Informationen werden zusammengetragen, miteinander in Verbindung gebracht und diskutiert. Am Ende wird unter Zuhilfenahme einer objektiven Punktematrix der Fall entweder bestätigt, nicht bestätigt oder als Verdachtsfall weitergeführt. Um ein Beispiel zu nennen: Liegt ein Foto einer Trichterwolke vor, gibt es gleichzeitig dokumentierte Schäden, die zeitlich damit in Verbindung stehen, und gibt es zusätzlich Hinweise aus Radarbildern, so wird der Fall bestätigt. Wurden Schäden dokumentiert, es liegt aber keine Aufnahme des Wirbels vor und auch die Radarbilder lassen keine eindeutige Aussage zu, dann kann der Fall nicht bestätigt werden.

Mithilfe

Die Arbeit des neuen Kompetenzzentrums geht ganzjährig weiter. Erst zu Beginn des neuen Jahres wird die Anzahl der Tornados 2025 feststehen. Man darf gespannt sein, wie viele bis dahin noch bestätigt werden können und ob noch weitere bis Dezember hinzukommen. Eine Übersicht, wo auch die Verdachtsfälle gelistet sind, findet sich hier: https://tornadoliste.de. Sie können mit Informationen, Bildern und Berichten helfen. Schreiben Sie einfach an tornado@dwd.de.

Dipl.-Met. Marcus Beyer

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 01.10.2025
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Eine Reise in die Great Plains

Über das Stormchasing als eines der etwas ausgefalleneren Hobbies wurde bereits in der Vergangenheit schon berichtet. Bei vielen Kollegen, die in der Vorhersagezentrale des Deutschen Wetterdienstes arbeiten, gibt es sowieso eine nur recht verschwommen wahrnehmbare Grenze zwischen Beruf und Hobby/Freizeit. Wetter findet halt rund um die Uhr statt.
Einige Genossen der Meteorologenzunft machen dabei gerne ihre scherzhaft gemeinten Bemerkungen, dass man so eine Reise in die USA zwecks Stormchasing doch als Fortbildungsveranstaltung deklarieren möge und nicht als Erholungsurlaub. Dabei hat so ein Trip tatsächlich nur wenig mit Erholung zu tun.

3 Wochen — 12 000 km

Zunächst einmal braucht man dafür nämlich jede Menge Sitzfleisch. Und man muss Autofahren mögen. Denn für erfolgreiches Betrachten schöner Superzellstrukturen oder gar Tornados muss man jede Menge Strecke zurücklegen. Immerhin gilt es ein Gebiet von Colorado und Nebraska bis nach Süd-Texas abzudecken. Das sind im Flächenvergleich mehrere Deutschlands (oder Deutschländer? Der Duden schweigt hierzu…). Da kommen schnell ein paar tausende Kilometer zusammen. Summa summarum waren es in diesem Fall etwas über 12 000, während des dreiwöchigen Aufenthalts im Schnitt also etwa 4 000 pro Woche.

Nebraska Sandhills, 02.06.25

Da an den Tagen vor- und nachher nicht allzu viel los war, entschied sich die Reisegruppe für einen Ausflug gen Norden bis in den Bundesstaat Nebraska. 1000 km später fand man sich in den sogenannten Sandhills wieder. Dabei handelt es sich um ein sehr dünn besiedeltes Gebiet zusammenhängender Sanddünen. Landschaftlich äußerst pittoresk, aber für das Chasen nur bedingt geeignet, weil man nicht mehr so weit in die Landschaft schauen kann. In dem Falle aber egal. Ein geeigneter Aussichtspunkt wurde gefunden. Dort formte sich anschließend eine veritable Gewitterlinie aus, die natürlich in allen Formen und Farben abgelichtet wurde.

Eine Reise in die Great Plains 1

Gewitter über den Nebraska Sandhills mit Blitzeinschlag, 02.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch

Morton, Texas, 05.06.25

Wenige Tage später ist man wieder in zurück in Texas. Nachdem der Vortag mit eher mäßigen Lagen rumgebracht wurde, sollte es an diesem Tag wieder zur Sache gehen. Am Ende stand eine monströse Superzelle, die sämtliche Erwartungen übertroffen hatte. Quasi nahezu mit Eintreffen vor Ort bildete sich ein riesiger sogenannter Wedge-Tornado aus. „Wedge” bedeutet hier, dass der sichtbare Teil des Tornados breiter als hoch ist. Dazu zog die Zelle genau parallel zu dem Highway, auf dem man sich positioniert hatte. So ließ sich das „Gerät” perfekt ablichten – wären da nicht der ganze Staub und Dreck von den Feldern gewesen, den es einem um die Ohren pfiff und der die Sicht deutlich einschränkte. Eine harte Belastungsprobe auch für das fotografische Equipment. Später ging es in Richtung der nahegelegenen Großstadt Lubbock, da die Zelle genau auf die Stadt zuzog. Dementsprechend wurde dort auch vor einem Tornado gewarnt, woraufhin eine Fluchtbewegung der Bevölkerung einsetzte. Glücklicherweise löste sich der Tornado noch in den ersten Vororten auf, sodass größere Schäden ausblieben.

Eine Reise in die Great Plains 2

Wedge-Tornado bei Morton, TX, 05.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch

Eine Reise in die Great Plains 3

Die Superzelle zu einem späteren Zeitpunkt nahe Lubbock, TX, 05.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch

Texline, Staatsgrenze Texas/Oklahoma, 08.06.2025

Wenn man denkt, dass man jetzt aber wirklich alles gesehen hat… wird man von Mutter Natur natürlich eines Besseren belehrt. Der 08.06. sollte der Sechser mit Superzahl im Stormchaser-Lotto werden. Könnte einem das nur mal jemand vorher verraten… Mittlerweile spielte die Musik im sogenannten „Oklahoma Panhandle”. So heißt der schmale Streifen des Staatsgebietes von Oklahoma, der weit nach Westen reicht und auf der Karte eben aussieht wie ein Pfannenstiel. Bereits in den Vormittagsstunden hatten sich entlang einer Konvergenzlinie im Osten des Panhandles zahlreiche Gewitter gebildet, die das Interesse der Chaser-Community (von manchen auch spaßeshalber „Die Horde” genannt) auf sich zog. Unsere Gruppe aber hatte andere Pläne. Denn die synoptischen Parameter zeigten vielversprechendes für den Westen des Panhandles. Das wurde auch durch die Vorhersagen und Diskussionen des Storm Prediction Centers bestätigt, deren Produkte man natürlich trotzdem auch immer mit zu Rate zieht. Die dortigen Kollegen und Kolleginnen haben einfach einen riesigen Erfahrungsschatz bei der Gewitter- und Tornadovorhersage. Zwar war die Wahrscheinlichkeit für die Gewitterbildung nicht so hoch, wie im Osten des Pfannenstiels. Aber wenn sich eine Zelle bilden würde, dann… ja dann…
Tatsächlich war es wenig später auch soweit und die ersten Radarsignale zeigten vielversprechende Signale. Also aufs Gaspedal gedrückt (10 mph über Tempolimit sind dort übrigens völlig normal) und hin da! Knapp huschten wir noch am Hagelkern einer mittlerweile ausgewachsenen Superzelle vorbei, um anschließend von Süden her direkt in den rotierenden Aufwindturm schauen zu können. Was dann passierte, davon kündigen die nachfolgenden Bilder. Der große Clou: Außer unserer Truppe war quasi kein anderer Stormchaser zugegen. Die Straße von und zu der Zelle war fast völlig verwaist. Der Beweis, die Silbernadel im großen Gewitterheuhaufen gefunden zu haben.

Eine Reise in die Great Plains 4

Freistehender Tornado an einer Superzelle nahe Texline, Grenze OK/TX, 08.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch

Eine Reise in die Great Plains 5

Freistehender Tornado an einer Superzelle nahe Texline, Grenze OK/TX, 08.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch

Eine Reise in die Great Plains 6

In Auflösung begriffener Tornado (sog. „Rope out”), 08.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch

Meteorologe M.Sc. Felix Dietzsch

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 29.08.2025
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

Im „Auge“ des Tornados

Sicherlich haben Sie schon einmal etwas über den Katastrophenfilm „Twister“ aus dem Jahre 1996 gehört oder vielleicht auch schon (mehrfach) gesehen? Am Ende des Films kommt es zum großen „Showdown“, als sich Bill (Bill Paxton) und Jo (Helen Hunt) im Inneren eines ausgewachsenen Tornados befinden und beim Blick nach oben den blauen Himmel sehen können. Nun stellt man sich vielleicht die Frage, ob das eigentlich wirklich so ist. Schnell kommen einem dabei wohl Bilder eines Hurrikans mit einem wolkenfreien und windstillen Auge in seinem Zentrum in den Kopf. Ist das bei einem Tornado vielleicht auch so? 

Bevor wir der Sache auf den Grund gehen und um Verwechslungen und Missverständnisse zu vermeiden, sei folgendes gesagt: Hurrikans beziehungsweise tropische Wirbelstürme und Tornados sind zwei völlig verschiedene Wetterphänomene, die quasi nichts miteinander zu tun haben. „Quasi“ deshalb, da tropische Wirbelstürme Tornados auslösen können. Für ein extremes Beispiel dazu sorgte Hurrikan Milton Anfang Oktober letzten Jahres. Er verursachte in Florida einen Tornadoausbruch mit sage und schreibe 45 bestätigten Tornados an einem Tag (entspricht etwa der mittleren Tornadoanzahl in Deutschland in einem Jahr). 

Im 22Auge22 des Tornados teil 1

Blick aus der Internationalen Raumstation (ISS) auf Hurrikan Florence am 12.09.2018. 

Tropische Wirbelstürme sind weitaus größer und langlebiger als Tornados. Während erstere einen Durchmesser von weit über 1000 km haben und über mehrere Tage bestehen können, messen Letztere in der Regel einen Durchmesser von „nur“ einigen hundert Metern und dauern häufig weniger als eine Stunde. Tornados entstehen an der Unterseite einer Schauer- oder Gewitterwolke. Bei tropischen Wirbelstürmen handelt es sich grob gesagt um die Ansammlung von Gewittertürmen, die aufgrund der Corioliskraft beginnen, sich um ein gemeinsames Zentrum zu drehen. 

Im 22Auge22 des Tornados teil 2

Blick aus der Internationalen Raumstation (ISS) auf das wolkenarme Auge von Hurrikan Florence am 12.09.2018. 

Soweit erst einmal zu den Grundlagen. Springen wir nun direkt ins Innere eines Tornados! 

Videos aus dem Inneren eines Tornados bzw. von Leuten, die sich in ihrem Auto von einem Tornado überrollen lassen (nicht nachmachen!!!), gibt es durchaus einige im weltweiten Web. Ein besonderes Exemplar dazu hat Reed Timmer zu bieten, einer der weltweit bekanntesten Sturmjäger und Tornadoforscher (Link zum Video: https://www.youtube.com/watch?v=T3yF5-OsijM). Mit seinem extra auf die extremen Bedingungen im Umfeld eines Tornados ausgerichteten Autos, dem „Dominator“, stellte er sich mit seiner Crew direkt in die Zugbahn eines Tornados. Es handelte sich um einen Tornado bei Spalding, Nebraska, einem, wie sich später herausstellte EF3-Tornado, was Windgeschwindigkeiten zwischen 218 und 265 km/h entspricht. Mehr zu Tornadoskalen finden Sie zum Beispiel im Thema des Tages vom 11.04.2024 (https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2024/4/11.html). 

Im 22Auge22 des Tornados teil 3

Drohnenaufnahme des Tornados bei Spalding, Nebraska, USA am 12.05.2023. 

Dank der am Dominator angebrachten Messinstrumente konnten zahlreiche Daten aus dem Inneren des Tornados gewonnen werden. Während der Windmesser durch den Tornado leider beschädigt wurde, lieferte die Auswertung der Druckdaten eindrucksvolle Ergebnisse. Demnach sank der Luftdruck bei Überquerung des Tornados vorrübergehend um knapp 55 hPa! Direkt nach Durchgang des Tornados stieg der Druck innerhalb von nur 0,75 Sekunden um 23 hPa an! Diese extremen Druckänderungen sind letztlich die Erklärung für die enormen Windgeschwindigkeiten. 

Was man in dem Video noch sieht: Während der Wind anfangs noch von hinten kommt, dreht er rasch nach rechts, ehe er mit Durchgang des Hauptwirbels plötzlich direkt von vorne zuschlägt. Während des letztgenannten Richtungswechsels kann man tatsächlich eine kurzzeitige Windabnahme erkennen. Hierbei aber von Windstille zu sprechen, wäre schon eher vermessen. Innerhalb eines Tornados werden zudem auch immer wieder sogenannte Mikrowirbel beobachtet, die dort hin und her sausen und für die höchsten Windgeschwindigkeiten eines Tornados verantwortlich sind. 

Von einem wolkenarmen Auge ist nicht einmal ansatzweise etwas zu sehen – aber wie auch? Ein Tornado entsteht, wie oben bereits beschrieben, unterhalb einer Schauer- oder Gewitterwolke oder anders ausgedrückt: Über einem Tornado ist enorm viel Wolke! Während ein Tornado meist mehrere 100 m hoch ist, kann die darüber befindliche Wolke über 10 km hoch in den Himmel ragen. 

Die zu Beginn des Textes beschriebene Szene am Ende von „Twister“ ist also absoluter Nonsens. Dem Kultstatus dieses Films tut das aber natürlich kein Abbruch 😉 

Dipl. Met. Tobias Reinartz
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 17.05.2025
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst 

 

Die komplexe Vorhersage von Tornados

Am letzten Donnerstag richtete in der Eifel ein Tornado kleinräumig extreme Schäden an. Dabei handelte es sich nach der internationalen Fujita-Skala (ESSL) um einen IF 2.5 Tornado mit Windgeschwindigkeiten von rund 250 km/h. Diese extremen Winde führten vor allem im Ort Nusbaum zu abgedeckten Dächern, beschädigten Fassaden und umgestürzten Bäumen. Gerade aufgrund der hohen Schadensträchtigkeit solcher Ereignisse wäre eine genaue Prognose sehr wichtig. Aufgrund ihrer Kurzlebigkeit und der sehr geringen räumlichen Ausdehnung gestaltet sich die Vorhersage allerdings alles andere als einfach.

Starke Tornados treten meistens in Verbindung mit kräftigen Gewittern auf. Dabei benötigt es verschiedene Zutaten, damit zunächst einmal die Grundvoraussetzungen für ihre Entstehung gegeben sind. Eine feuchtwarme, energiereiche Luftmasse und einen Hebungsantrieb, beispielsweise durch einen herannahenden, sind förderlich bei der Entstehung von Gewitterzellen. Zudem ist die vertikale Windscherung ein notwendiger Faktor, damit sich diese besser organisieren können. Dabei handelt es sich um die Geschwindigkeits- und Richtungsänderung des Windes mit der Höhe. Ist diese sehr hoch und liegt eine relativ labil geschichtete Atmosphäre vor, können sich Superzellen ausbilden, im Zuge derer die meisten stärkeren Tornados entstehen. Superzellen sind besonders langlebige, rotierende Gewitterzellen, bei denen neben möglichen Tornados auch großer Hagel, heftiger Starkregen und orkanartige Fallböen auftreten können. Entscheidend für ein erhöhtes Tornadopotential ist allerdings die Scherung in den unteren Schichten der Atmosphäre. Dabei wird die Windänderung zwischen 0 und 1 km betrachtet. Außerdem ist eine niedrige Wolkenbasis hilfreich bei der Entwicklung von Tornados, die häufig aufgrund von einem vorausgehenden Niederschlagsgebiet mit entsprechender Anfeuchtung der Grundschicht entsteht. Dies war auch bei dem Eifel-Tornado vom vergangenen Donnerstag gegeben.

Alle diese Zutaten werden bei der Vorhersage betrachtet um daraus eine Potenzialabschätzung durchzuführen. Somit ist es möglich im Voraus größere Regionen zu bestimmen, in denen eine Tornadogefahr vorhanden ist. Eine ortsgenaue Prognose ist aber, wenn überhaupt, nur sehr kurzfristig machbar. Zur kurzfristigen Vorhersage stehen dem Warnmeteorologen verschiedene Tools zur Verfügung. Zum einen lassen sich anhand der Radarsignale verdächtige Strukturen erkennen. Ein Beispiel hierfür ist das charakteristische „Haken Echo“ in Verbindung mit einer Superzelle. Zum anderen lassen sich rotierende Zellen anhand des Doppler-Radars identifizieren. Dabei werden mithilfe des Dopplereffektes die horizontalen Geschwindigkeiten der Niederschlagspartikel bestimmt. Somit lassen sich Superzellen mit rotierenden Aufwinden erkennen. Allerdings produziert nur ein kleiner Teil der rotierenden Superzellen auch einen Tornado. Da die Tornados selbst in den Radarbildern nur sehr selten eindeutig zu identifizieren sind, sind zusätzlich zu den technischen Hilfsmitteln auch Nutzermeldungen über die Warn-Wetter App, sowie Meldungen von Gewitterjägern für unsere Arbeit unerlässlich.

Auch das Warnmanagement bezüglich dieses kleinräumigen Phänomens erfordert Fingerspitzengefühl, da selbst eine kleinräumige Gemeindewarnungen schnell zur Überwarnung führen kann. Die Schneise des Tornados beträgt nämlich meist nur wenige hundert Meter, sodass große Teile des Gebietes vom Tornado unbeeinflusst bleiben.

Am vergangenen Donnerstag zog in Verbindung mit einer von Westen herannahenden Kaltfront eine Gewitterlinie von Frankreich heran. Unter günstigen Bedingungen waren dabei innerhalb mehrerer Gewitterzellen vor allem in unteren Schichten Rotationsstrukturen erkennbar (siehe Abbildung 1). An der Linie bildete sich an der südlichen Zelle anschließend ein kurzlebiger Tornado aus, der lokal eng begrenzt für schwere Schäden sorgte. Dieser Fall gestaltete sich warntechnisch als besonders schwierig, da es sich hierbei nicht um eine klassische, isolierte Superzelle mit typischem „Haken Echo“ im Radarbild handelte, sondern um eine in die Linie eingebettete rotierende Zelle.

DWD Die komplexe Vorhersage von Tornados 1

Vor allem bei besonders kurzlebigen Tornados, die nicht durch klassische Strukturen mithilfe moderner Fernerkundungssysteme erkennbar sind, ist eine ortsgenaue Warnung somit bisher leider noch äußerst schwierig.

M.Sc. Meteorologe Nico Bauer
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 26.09.2023
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

Ex-Tropenstürme in Europas Wetterküche

Recht turbulent geht es aktuell im Wettergeschehen zu. Auch wenn sich nicht alle Facetten des Geschehens bei uns in Deutschland bemerkbar macht, so ist man auch hierzulande von dem ein oder anderen Unwetterereignis nicht verschont geblieben. An vorderster Stelle sei dabei der am vorgestrigen Donnerstag aufgetretene Tornado in der Eifel genannt Dieser stand im Zusammenhang mit Ex-Hurrikan „Lee”, dessen Überreste sich zu jenem Zeitpunkt als kräftiges Tiefdruckgebiet über dem europäischen Nordmeer befanden, und dessen ausgeprägte Kaltfront uns überquerte. An der Kaltfront kam es dann zur Bildung einer ausgeprägten Gewitterlinie, in die auch die tornadoproduzierende Superzelle eingelagert war.

Hier hatte also schon einer der ehemaligen Tropenstürme seine Finger im Spiel. Aber auch danach geht die Geschichte noch weiter: Rückseitig führt Ex-„Lee” aktuell relativ kühle Polarluft nach Deutschland, während bereits der nächste Ex-Tropensturm bzw. -Hurrikan auf dem Atlantik herannaht. Dazu gleich mehr. Zunächst aber führt dieses „Sitzen zwischen den Stühlen” dazu, dass aktuell ein neues Hochdruckgebiet namens „Rosi” von den Azoren seinen Einflussbereich bis zu uns nach Mitteleuropa ausweitet und sich dabei noch verstärkt. Die Folge: Zunehmend trockenes und sonnenscheinreiches Wetter, wobei gerade anfangs noch einige Wolkenfelder mit von der Partie sind, die dem Sonnenschein im Wege stehen.

Interessant wird es auch zu Beginn der neuen Woche. Dann kommt mit Ex-„Nigel” der nächste, bereits schon erwähnte, ehemalige Hurrikan ins Spiel. Dieser zieht im Laufe der kommenden Tage vom Atlantik voraussichtlich an Schottland vorbei Richtung Nordmeer und saugt dabei aus Südwesten jede Menge Warmluft an, die uns im Anschluss auch in Deutschland erreicht. Gleichzeitig bleibt mit der Warmluftzufuhr der Hochdruckgürtel erhalten, der sich in der neuen Woche von den Azoren bis nach Nordosteuropa erstreckt, wo Hoch „Rosi” zu diesem Zeitpunkt liegen wird. Damit bleibt Deutschland zunächst auch vom Einfluss etwaiger Tiefausläufer – sprich: Fronten – verschont. Ins Wettergeschehen übersetzt bedeutet das: Eine ganze Menge Sonnenschein und nochmals spätersommerlich warme Temperaturen. Laut aktuellen Modellprognosen könnte es demnach Mitte der kommenden Woche in einigen Landesteilen nochmals auf bis zu 27 °C hochgehen mit den Temperaturen.

Aber auch der Blick über die Grenzen sollte nicht unbeachtet bleiben: Ex-„Nigel” soll dann als ausgewachsenes Orkantief über die Britischen Inseln ziehen. Je nach Variante wären entweder Schottland, oder aber auch England inklusive Großraum London betroffen, die die volle Orkanwucht zu spüren bekämen. Einige Szenarien könnte man durchaus als „wild” bezeichnen, aber die Prognosen sind auch dementsprechend derart unsicher, dass erstmal weiteres Abwarten angesagt ist. Für Details ist es ohnehin noch zu früh.

DWD Ex Tropenstuerme in Europas Wetterkueche 1

DWD Ex Tropenstuerme in Europas Wetterkueche 2

M.Sc . Felix Dietzsch
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 23.09.2023
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