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Offiziell hat die atlantische Hurrikansaison am 1. Juni begonnen und wird am 30. November enden. Diese Daten beschreiben historisch gesehen den Zeitraum eines jeden Jahres, in dem die meisten tropischen Wirbelstürme im Atlantik entstehen. Die Bildung subtropischer oder tropischer Wirbelstürme ist jedoch zu jeder Zeit des Jahres möglich. So entwickelte sich etwa Mitte Januar diesen Jahres ein subtropischer Sturm nordwestlich der Bermudainseln und zog nahe der Ostküste Nordamerikas bis nach Nova Scotia und Neufundland.
Pünktlich zum Start der diesjährigen Wirbelsturmsaison am 1. Juni entwickelte sich im östlichen Golf von Mexiko aus einer tropischen Depression mit ARLENE der erste benannte Tropensturm (Windgeschwindigkeiten von 63 bis 118 km/h). Allerdings verhinderten eine erhöhte Windscherung und eine zu trockene Atmosphäre, dass sich das System weiter verstärken konnte, während es im Golf von Mexiko langsam nach Süden driftete. Schon am 3. Juni schwächte sich daher ARLENE soweit ab, sodass es zu einem tropischen Tiefdruckgebiet herabgestuft wurde.

Die beiden Nachfolger von ARLENE stellen aktuell eine Besonderheit auf. Zum ersten Mal seit 1968 sind im Juni mit BRET und CINDY zwei Tropenstürme im Atlantik gleichzeitig aktiv. Die beiden entwickelten sich aus aufeinanderfolgenden tropischen Wellen vor der Küste Westafrikas. Unterstützt durch die außergewöhnlich warmen Meeresoberflächentemperaturen des tropischen Atlantiks (siehe Abbildung 1) und geringer Scherung konnte sich die erste Störung bis zum 19. Juni immer besser organisieren und wurde infolgedessen etwa 2000 km östlich der kleinen Antillen zum Tropensturm BRET hochgestuft. Auf seinem weiteren Weg nach Westen erreichte BRET am vergangenen Donnerstag seine höchste Intensität mit einer maximalen Windgeschwindigkeit (Mittelwert über eine Minute) von 115 km/h. Nachfolgend geriet BRET allerdings in ein Gebiet mit höherer Windscherung, wodurch er noch vor Passage der Antillen eine Intentsitätsabnahme verzeichnete. Inzwischen hat BRET das südöstliche Karibische Meer erreicht und wird sich bis zum morgigen Sonntag weiter zur Tropischen Depression abschwächen (siehe Abbildung 2).

Zu Beginn der laufenden Woche konnte sich aus der zweiten tropischen Welle im östlichen tropischen Atlantik zunehmend die Konvektion besser organisieren, sodass vom National Hurricane Center am Donnerstag das System zunächst zu einer Tropischen Depression hochgestuft wurde. Trotz eher grenzwertigen atmosphärischen Bedingungen verstärkte sich das System weiter, sodass es am gestrigen Freitagmorgen als Tropensturm CINDY deklariert wurde. In den kommenden Tagen wird CINDY eine nordwestliche Zugbahn einschlagen und östlich der Inselgruppen der Antillen auf dem offenen Atlantik bleiben. Bis kommenden Dienstag soll sich CINDY dann im Seegebiet östlich der Inselgruppen der Bahamas und südlich der Bermudainseln wieder abschwächen (siehe Abbildung 3).

Noch steht die Hurrikansaison 2023 relativ weit am Anfang. Die meisten Prognosen zur diesjährigen Saison, die von verschiedenen staatlichen und privaten Institutionen angefertigt wurden, rechnen mit einer weitgehend durchschnittlichen Wirbelsturmaktivität. Die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) mit dem National Hurrican Center (NHC) prognostiziert etwa eine Spanne von insgesamt 12 bis 17 benannten Stürmen. Davon könnten sich 5 bis 9 weiter zu Hurrikans entwickeln, wovon wiederum etwa 1 bis 4 Systeme die Kategorie 3 oder höher erreichen könnten.

Im Vergleich zu den vergangenen Jahren könnte die diesjährige Saison damit voraussichtlich etwas weniger aktiv sein. Dies ist auf entgegenwirkende Faktoren zurückzuführen, von denen einige die Entwicklung von Stürmen unterdrücken und andere sie anheizen könnten. Dafür ist auch ein Blick in den Pazifik zu richten, denn dort wäre es möglich, dass sich in den kommenden Monaten das El Niño Phänomen weiter verstärkt. El Niño hat dabei auch Auswirkungen auf den Atlantik. So intensiviert sich unter El Niño Bedingungen in der Regel die vertikale Windscherung und atmosphärische Stabilität im Nordatlantik, wodurch die Entwicklung von tropischen Wirbelstürmen limitiert werden könnte. Der El Niño bedingten Zunahme der vertikalen Windscherung könnten die bereits jetzt schon vorherrschenden anormalen und weit überdurchschnittlichen warmen Meeresoberflächentemperaturen im tropischen Atlantik und in der Karibik (siehe erneut Abbildung 1) entgegenwirken. Dadurch steht für die Sturmentwicklung mehr Energie zur Verfügung. Zudem besteht das Potential für einen aktiven westafrikanischen Monsun, wodurch eine höhere Anzahl an tropischen Wellen in den östlichen tropischen Atlantik laufen können. Diese wiederum vermögen möglicherweise stärkere und langlebigere Stürme zu initiieren.
Egal wie viele Wirbelstürme bis zum Ende der Saison im November gezählt werden, ein einzelner heftiger Wirbelsturm (z.B. Hurrikan IAN der Kategorie 5 im September 2022), der in besiedelten Regionen an Land geht, kann für eine ganze Saison prägend sein.

M.Sc.(Meteorologe) Sebastian Altnau
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 24.06.2023
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

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