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Hurrikane: Eine Gefahr für Deutschland?

Welche Rolle Hurrikane hierzulande wirklich spielen, erfahren Sie im heutigen Thema des Tages.

Nachdem Hurrikan „DORIAN“ auf den Bahamas und in den USA in der letzten Woche sein zerstörerisches Werk beendet hatte, tauchte er weiterhin in den Schlagzeilen auf – nun aber im Zusammenhang mit dem Wetter hierzulande. Auch wenn das aus meteorologischer Sicht im Kern richtig ist, kann es, abhängig von der Formulierung, leicht zu Missverständnissen führen. Denn damit war definitiv nicht gemeint, dass der Hurrikan als solcher über den Atlantik ostwärts braust und in Europa dieselbe Kraft entfaltet, wie in den zuvor betroffenen Gebieten. Vielmehr ist es angebracht, in diesem Zusammenhang von einem ehemaligen Hurrikan zu sprechen (auf den Wetterkarten z.B. als Ex-„DORIAN“ gekennzeichnet), da er sich vor unserer Haustür von Tiefdruckgebieten der mittleren Breiten meist nicht wesentlich unterscheidet. In den medialen Beiträgen wird dies im „Kleingedruckten“ oft entsprechend relativiert, auch wenn die Schlagzeilen etwas anderes vermuten lassen. Daher soll an dieser Stelle mehr Licht ins Dunkel gebracht werden, was die Wetterwirksamkeit von tropischen Wirbelstürmen in Europa betrifft.

Zunächst einmal eine gute Nachricht: Dass Hurrikane in ihrer ursprünglichen Form die mittleren Breiten, speziell Deutschland, erreichen, ist – unter den aktuellen Klimabedingungen – nahezu ausgeschlossen. Denn zu den elementaren Voraussetzungen für die Entstehung gehört eine großräumige, warme Wasseroberfläche mit Temperaturen von mindestens 26 Grad – Bedingungen, die am ehesten in den Tropen und Subtropen gegeben sind. Dadurch scheiden die meisten europäischen Gewässer schon mal aus, allerdings kann es in Bereichen des Mittelmeeres tatsächlich vor allem im Frühherbst so warm werden (Stichwort: „Medicanes“, siehe Thema des Tages vom 29.09.2018: https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2018/9/29.html).

Weiter muss man sich einen zentralen Unterschied zwischen den Tiefdruckgebieten Europas und den Hurrikanen vor Augen führen: Bei uns gewinnen die Tiefdruckgebiete ihre Energie aus den Temperaturunterschieden zwischen der Arktis und den Tropen. Ist dieser Unterschied abgebaut, löst sich das Tief auf. Ein tropischer Wirbelsturm hingegen besteht aus einer weitgehend einheitlich temperierten, feuchtwarmen Luftmasse und kann auch nur als solcher erhalten bleiben, solange die entsprechenden lokalen Gegebenheiten vorherrschen.

Die für das europäische Wettergeschehen relevanten Wirbelstürme entstehen meist in der Nähe der Kapverdischen Inseln oder westlich davon auf dem Atlantik. Ihre gewöhnliche Zugbahn verläuft am Südrand des Azorenhochs mit den vorherrschenden, westwärts gerichteten Passatwinden zunächst in Richtung Karibik. Dass sie direkt eine nördliche Zugbahn in Richtung Europa einschlagen, ist bei normaler (im klimatologischen Mittel üblichen) Ausprägung des Azorenhochs nicht gegeben, wobei Ausnahmen die Regel bestätigen (siehe weiter unten). Erst wenn sie das Azorenhoch „umkurvt“ haben, vollziehen Hurrikane den „Schlenker“ nach Norden. Teilweise haben sie da bereits die Südostküste der USA erreicht, wie auch jüngst im Falle von „DORIAN“. Sobald sie nun in außertropische Bereiche weiter nördlich vordringen, beginnen sie kältere Umgebungsluft anzusaugen. Dadurch verlieren die Stürme ihre tropischen Eigenschaften: Anstatt einer einheitlich temperierten Luftmasse bekommen sie nun eine warme Vorder- und kalte Rückseite, in Wetterkarten erkennbar durch Bildung von Warm- und Kaltfront. Zuweilen wird er auch durch die Annäherung einer Kaltfront eines außertropischen Tiefs eingefangen (absorbiert). Die Selbsterhaltung des Systems durch die ständige Zufuhr feuchtwarmer Luft von allen Seiten ist damit nicht mehr gegeben und das Tief durchläuft einen „klassischen“ Lebenszyklus wie jedes andere Tief der mittleren Breiten, an dessen Ende seine Abschwächung und schließlich Auflösung steht.

Bis zu ihrer Ankunft in Europa hat sich der Großteil der Temperaturkontraste bereits abgebaut, so dass die Wirbelstürme im Vergleich zu ihrer Hurrikan-Vergangenheit meist nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Hätte man es nicht auf den Wetterkarten verfolgt, so wäre wohl kaum jemand darauf gekommen, dass die schwache Regenfront, die letzten Mittwoch (11.09.2019) den Norden und die Mitte Deutschlands überquerte, zum ehemaligen Hurrikan „DORIAN“ gehörte. Gefährlicher für Europa sind vielmehr winterliche Orkantiefs, die als sogenannte „Schnellläufer“ über uns hinwegbrausen. Kaum ein „richtiger“ Sturm in Mitteleuropa hat eine Hurrikan-Vergangenheit.

In jüngerer Vergangenheit gibt es allerdings zwei prominente Fälle von tropischen Wirbelstürmen, die Europa als solche deutlich näher kamen beziehungsweise sie sogar erreichten. 2005 war dies Hurrikan „VINCE“. Er bildete sich um den 8. Oktober zwischen den Azoren und Kanaren – deutlich weiter nördlich als sonst üblich. Dabei lag die Wassertemperatur allerdings bei nur 23 °C – eigentlich zu wenig, wie wir oben gesehen haben. Vermutet wird, dass dies auf ungewöhnlich kalte Luft in der Höhe zurückzuführen ist, so dass der Temperaturunterschied groß genug war, um einen genügend starken Konvektionsantrieb zu erzeugen. Nachdem der Sturm am 9. Oktober sogar ein Auge entwickelt hatte, wurde er offiziell zum Hurrikan hochgestuft. Durch das ungewöhnlich weit nördlich liegende Entstehungsgebiet von „VINCE“ spielte das Azorenhoch keine (blockierende) Rolle, so dass er auf nordöstlicher Zugbahn direkt Kurs auf die Iberische Halbinsel nahm. Am 11. Oktober kam es in Südwestspanien zum Landgang mit entsprechendem starken Sturm und Regen. Danach schwächte er sich allerdings sehr schnell ab. Auch wenn seine Intensität von anderen Hurrikanen der Saison 2005 in den Schatten gestellt wurde (speziell „KATRINA“), so war er für europäische Wetterverhältnisse doch eine außergewöhnliche Erscheinung.

Ein weiteres prominentes Beispiel liegt erst zwei Jahre zurück: Hurrikan „OPHELIA“. Bemerkenswert dabei war, dass er noch auf der Höhe der Iberischen Halbinsel das Erscheinungsbild eines klassischen Hurrikans mit ausgeprägtem Auge abgab und nachfolgend Irland mit Regen und Wind extremen Ausmaßes heimsuchte. Die Themen des Tages vom 12. und 15. Oktober 2017 widmeten sich dem Sturm ausgiebig: https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2017/10/12.html https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2017/10/15.html

Als Fazit lässt sich sagen: Vor „richtigen“ Hurrikanen ist Mitteleuropa so gut wie sicher geschützt – das Azorenhoch und der kalte Atlantik in unseren Breiten bilden zwei entscheidende Barrieren. Die vorgelagerten Landmassen sorgen zudem beim Landgang für zu viel Reibung und in der Folge für eine rasche Abschwächung. Der Vollständigkeit halber sei noch ergänzt, dass auch die Höhenwinde hierzulande oft zu stark für Wirbelstürme sind. Bekommen die Aufwinde einen Versatz in der Höhe (Windscherung), bricht das System zusammen. „VINCE“ und „OPHELIA“ sowie ein paar weitere Beispiele sind auch heute noch die absoluten Ausnahmen, da sich für diese Fälle, wie wir gesehen haben, sehr außergewöhnliche Wetterbedingungen einstellen müssen. Signifikant ist, dass mit Annäherung der Tropenstürme auf der Vorderseite mit der südlichen Strömung die Reste der ehemals tropischen Luftmasse für ungewöhnlich warme Temperaturen bei uns sorgen kann. Wenn sie daher auf den Wetterkarten den Vorsatz „Ex-“ lesen, ist der „Altweibersommer“ oder der „Goldene Oktober“ oft nicht weit.

Dipl.-Met. Robert Hausen / Niklas Anczykowski (Praktikant)

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 14.09.2019

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

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