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Paradoxe Nordostströmung und Ostseehochwasser

9. Dezember 2024/in Klima, Thema des Tages, Wetter/von WINDINFO

Deutschland liegt derzeit eingezwängt zwischen zwei jeweils umfangreichen Druckgebilden. Von den Britischen Inseln bis nach Südskandinavien erstreckt sich ein Hoch mit einem Kerndruck von über 1040 Hektopascal (hPa). Über Italien liegt ein Tief mit knapp unter 1005 hPa Kerndruck. Die Folge des deutlichen Druckunterschiedes über Deutschland ist ein mäßiger bis frischer, an den Küsten starker bis stürmischer Nordostwind.

Bei dieser Richtung und Stärke des Windes würde man zu dieser Jahreszeit, immerhin haben wir fast den Sonnentiefststand erreicht, wohl winterliches Wetter bis in tiefe Lagen erwarten. Dem ist aber nicht so. Woran liegt es? Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein entscheidender Faktor ist die Herkunft der Luftmasse. Diese hat ihren Ursprung nicht im Nordosten Europas, sondern kommt aus völlig anderen Himmelsrichtungen. Woher eine Luftmasse stammt, kann man mithilfe von sogenannten Rückwärtstrajektorien darstellen (siehe Bild 1). So ist der Ursprung der dort vorherrschenden Luftmasse Im Nordosten Deutschlands das Schwarze Meer, im Süden mehrheitlich der Balkan und im Westen Deutschlands Westeuropa oder sogar der Atlantik. Also Regionen mit deutlich milderem Klima. Erst über Mitteleuropa dreht die Strömung bodennah auf Nordost.

 

Nun könnte zumindest die Luft aus den östlichen Teilen Europas zu dieser Jahreszeit kalt sein, ist sie aber nicht. Die Vorgeschichte dort ist auch vergleichsweise mild und so fehlt dort eine Schneedecke, über der die Luft auskühlen könnte. Nur in den Bergen liegt dort Schnee. Dies ist weniger als im langjährigen Mittel und zu wenig für winterliches Wetter bei uns. Als dritten Punkt kann man das „warme“ Ostseewasser heranführen. Der Wasserkörper reagiert träger und kühlt damit langsamer ab als Landflächen. So fungiert die Ostsee gerade zum Winteranfang noch als Wärmespeicher, diese Wärme gibt sie an die darüber strömende Luft ab. Und auch in diesem Fall gibt es noch einen zusätzlichen Aufschlag, die Ostsee ist großflächig 1 bis 3 Kelvin wärmer als im langjährigen Mittel. An der deutschen Ostseeküste beträgt die Wassertemperatur aktuell 5 bis 7 Grad, weiter abseits der Küste zum Teil noch 8 Grad. Zu viel für wintertaugliche Luftmassen.

So erklärt sich nach einer vielleicht ersten Verwunderung das fehlende Winterwetter in tiefen Lagen. In Lagen ab 600 Meter reicht es aber doch für winterliches Wetter. Für diese Höhenlage ist dies zu dieser Jahreszeit aber auch nicht groß der Rede wert.
Eine markante Folge der aktuellen Wetterlage gibt es dann aber schon: Hochwasser an der Ostsee. Der anhaltende sowie kräftige Nordostwind treibt das Ostseewasser großräumig nach Südwesten und lässt es an der deutschen Küste besonders hoch steigen.

Nach mehreren Erhöhungen der prognostizierten Pegelstände sagt das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) verbreitet Wasserstände von einem Meter und mehr über dem mittleren Wasserstand für den heutigen Montag voraus. Dies ist der Grenzwert, ab dem von Hochwasser gesprochen wird. Besonders hoch soll das Wasser mit +1,30 Meter in der Lübecker Bucht steigen. Tatsächlich wurden (Stand: Montag, 09.12.2024, 12 Uhr) bereits Pegelstände über 1,20 Meter gemessen. So zum Beispiel in Travemünde.

MSc.-Met. Thore Hansen
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 09.12.2024
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

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