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Unwettertief ANETT – Zwischenbilanz und Ausblick

15. September 2024/in Klima, Thema des Tages, Wetter/von WINDINFO

Bereits am Donnerstag bildete sich südlich der Alpen das Tiefdruckgebiet ANETT (international als „Boris“ benannt), welches am Freitag nach Südosteuropa zog und seitdem dort recht ortsfest verweilt. Es hat sehr feuchte und warme Mittelmeerluft im Schlepptau, die auf deutlich kältere Luft aufgleitet, die westlich des Tiefs bodennah aus Norden nach Mitteleuropa einströmt. (Eine ausführliche Beschreibung dieser Wetterlage kann im Thema des Tages vom 11. September 2024 nachgelesen werden.) Durch diese Prozesse entwickelten sich vor allem auf der Westseite des Tiefs extrem intensive Regenfälle, die über mehrere Tage anhielten und uns auch noch bis kommenden Dienstag beschäftigen werden. Wir ziehen heute eine Zwischenbilanz und blicken zudem auf die zukünftige Wetterentwicklung in Verbindung mit dem Unwettertief.

Östliches Mitteleuropa (Österreich, Tschechien, Polen)

Am stärksten von den Niederschlägen waren und sind unsere östlichen Nachbarn Österreich, Tschechien und der Süden Polens betroffen.

Die größten Regenmassen prasselten in Österreich vom Himmel. Besonders schlimm traf es Ober und Niederösterreich. In Oberösterreich wurden in den letzten drei Tagen verbreitet 80 bis 150 l/qm gemessen, im Nordstau der Alpen sogar um 200 l/qm. Noch höher fielen die Regenmengen im größten Bundesland Niederösterreich aus. Nahezu flächendeckend regnete es dort 100 bis 200 l/qm, im Alpenstau und westlich von Wien kamen sogar um 300 l/qm zusammen. Bemerkenswert sind nicht nur die Regenmengen, sondern vor allem die große räumliche Ausdehnung der Niederschläge und dass selbst im Flachland, also fernab von Staueffekten, derartige Regenmengen gefallen sind. Die größte Regensumme innerhalb von 72 Stunden wurde mit 310 l/qm in St. Pölten gemessen, wobei 225 l/qm sogar innerhalb von nur 24 Stunden gefallen sind (Abb. 1). Selbst in der Hauptstadt Wien regnete es bisher schon um 200 l/qm (z.B. 216 l/qm in Wien Mariabrunn). Während es in tiefen Lagen schüttete, scheite es in höheren Lagen der Alpen heftig. Oberhalb von 2000 m stapelte sich der Neuschnee auf ein bis zwei Meter – absolut außergewöhnlich für Mitte September!

Auch Tschechien ist vom immensen Dauerregen betroffen. Insbesondere im Osten und in der Mitte des Landes summierten sich die Niederschlagsmengen bisher auf 100 bis 200 l/qm, teils auch darüber. In Svratouch östlich von Prag wurden bis heute Morgen 231 l/qm aufgezeichnet. An der Gebirgsstation Lysa Hora (1327 m) in Mähren-Schlesien wurde mit 238,5 l/qm am gestrigen Samstag die mit Abstand höchste gemessene Niederschlagsmenge registriert. Auch im Süden Polens öffnete der Himmel seine Schleusen. Vor allem in Schlesien kamen am gestrigen Samstag verbreitet 100 bis 150 l/qm zusammen, in Bielsko-Biala sogar 186 l/qm. Auch die Slowakei, Ungarn und die nördlichen Balkanstaaten waren betroffen, allerdings fielen die Regenmengen dort nicht ganz so heftig aus.

Deutschland

Neben dem östlichen Mitteleuropa wurden auch Teile Deutschlands von den Regengebieten gestreift. Vor allem in Sachsen und in der Südosthälfte Bayerns regnete es heftig. So wurden in Ober- und Niederbayern in den vergangenen drei Tagen verbreitet 50 bis 100 l/qm gemessen (Abb. 2), wobei ein Großteil der Mengen in der Nacht zum Samstag und am Samstag selbst gefallen sind. An der Grenze zu Oberösterreich und im Stau der Alpen kamen sogar verbreitet 100 bis 150 l/qm zusammen, teils sogar noch deutlich mehr. Am stärksten betroffen war das Berchtesgadener Land und der südliche Landkreis Traunstein. In Marktschellenberg wurden unglaubliche 262 l/qm gemessen, in Berchtesgaden 207 l/qm. Die größte Tagessumme von 157 l/qm wurde von der Niederschlagsstation in Ruhpolding-Seehaus registriert. In den Hochlagen oberhalb von 2000 m fiel in den Berchtesgadener Alpen im Stau ein bis eineinhalb Meter Neuschnee – Schneehöhen, die es in den letzten 20 Jahren frühestens im November gab! Selbst in Lagen um 800 m wurde es vorübergehend weiß. In Sachsen waren die Regenmengen mit 40 bis 80 l/qm nicht ganz so hoch, in Hermsdorf/Erzgebirge würde mit 106 l/qm die größte Regenmenge registriert.

Ausblick: Wieviel Regen kommt noch?

Die beschriebenen Regenmengen sind jetzt schon mehr als beachtlich und mitunter auch rekordverdächtig. Tief ANETT hat sich aber noch nicht ausgeregnet. In Österreich verlagert sich der Schwerpunkt der Regenfälle von Niederösterreich nach Oberösterreich (Abb. 3). Zu den am heutigen Sonntagmorgen gemessenen Regenmengen werden in Oberösterreich und den Regionen westlich von Wien bis Dienstagmorgen nochmals 40 bis 80 l/qm erwartet, im Stau der Alpen teils auch nochmals bis 120 l/qm. In Tschechien hat der Regen in den am stärksten betroffenen Regionen im Osten nachgelassen. Im Westen des Landes werden aber weitere 30 bis 60 l/qm, im Oststau des Böhmerwalds örtlich auch bis 100 l/qm prognostiziert. In Polen regnet es vor allem in Niederschlesien noch kräftig, im Umfeld des Riesengebirges mit bis zu 80 l/qm.

Da sich der Schwerpunkt der Regengebiete nach Westen verlagert, rückt auch Deutschland wieder in den Fokus (Abb. 4). Vom Süden Brandenburgs über Sachsen bis in die Südosthälfte Bayerns kommt noch einiges an Regen dazu. Im Osten regnet es noch bis Montagmittag; in Sachsen werden Regenmengen zwischen 30 und 50 l/qm vorhergesagt. Im Süden Bayerns hält der Regen sogar bis in den Dienstag hinein an. Etwa östlich der Isar und im östlichen Bayerischen Wald berechnen die Wettermodelle Mengen zwischen 40 und 80 l/qm, weshalb im südöstlichen Oberbayern aktuell bereits Unwetterwarnungen vor ergiebigem Dauerregen ausgegeben wurden. Da zudem die Schneefallgrenze ansteigt, beginnt der gefallene Schnee in den Alpen zu tauen, wodurch der Abfluss in die Flüsse zusätzlich verstärkt wird. Daher muss dort mit steigenden Flusspegeln gerechnet werden. Doch auch die Elbe und in erster Linie die Oder werden bis Mitte der Woche noch deutlich ansteigen, da die Wassermassen aus dem östlichen Mitteleuropa über diese Flüsse abfließen. Bis Mitte der Woche löst sich ANETT aber auf und wird abgelöst durch freundliches Spätsommerwetter.

Dr. rer. nat. Markus Übel (Meteorologe)
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 15.09.2024
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

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