Wo ist der Polarjet hin?
In vielen vergangenen Themen des Tages wurde das starke Westwindband, das die Arktis in etwa 5 km Höhe umläuft, erwähnt. Die Rede ist vom Polarjetstream. Er hat einen immensen Einfluss auf unser Wetter in Deutschland und lenkt es gewissermaßen von oben. Heute wollen wir uns ein wenig mit ihm beschäftigen.
Grundsätzlich entsteht er durch die großen Temperaturunterschiede nördlich und südlich von ihm. Dort wo die kalten polaren und die wärmeren Luftmassen aus den mittleren Breiten aufeinandertreffen, bildet sich in der Höhe dieser starke (West-)Windstrom.
Nun wollen wir uns eine zugegebenermaßen schon etwas in die Jahre gekommene Grafik anschauen.

Diagramme des gemittelten Windes (nur Ost/Westrichtung!) aufgetragen über die geographische Breite (x-Achse) und der Höhe (y-Achse). Über das ganze Jahr gemittelt (oberes Diagramm), nur über die Wintermonate (mittleres Diagramm) und die Sommermonate (unteres Diagramm). (angepasst)
Hier sehen wir auf der x-Achse die geographische Breite. Die linke Hälfte ist die Südhalbkugel und die rechte die Nordhalbkugel. Auf der y-Achse ist die Höhe aufgetragen. Die Höhenangabe ist etwas gewöhnungsbedürftig in 100-hPa-Schritten angegeben. Das heißt, es fängt bei 1000 hPa (etwa Bodenniveau) an und geht hinauf bis über 200 hPa (~12 km). Die beschrifteten Linien geben den gemittelten zonalen Wind an. Hier ist wichtig zu beachten, dass nur(!) der zonale Anteil – also der Anteil des Windes, der in Ost-/Westrichtung zeigt – betrachtet wird. Durchgezogene Linien stehen für Westwinde (positive Zahlenbeschriftung) und gestrichelte für Ostwinde (negative Zahlenbeschriftung) und sind mit Werten in Metern pro Sekunde versehen. Soweit so gut, jetzt fehlt nur noch die Erklärung, warum drei dieser Diagramme direkt untereinander zu sehen sind. Das ist eine Einteilung in verschiede Zeiträume. Das oberste Diagramm betrachtet das Mittel über ein ganzes Jahr. Das mittlere Diagramm verwendet dagegen nur die Wintermonate und das unterste Diagramm nur die Sommermonate. So kann eine jahreszeitliche Veränderung der Winde untersucht werden.
Betrachten wir mit diesem Wissen die Diagramme, werden Windmaxima wunderbar ersichtlich. Dort wo sich die eingezeichneten Linien mit der höchsten Zahl (= Windgeschwindigkeit) befinden, liegt augenscheinlich ein Jetstream. Beschränken wir uns einfachheitshalber nur auf die Nordhalbkugel. Das Windmaximum von 25 m/s im jährlichen Mittel findet sich ungefähr zwischen 30 und 35 °N und auf einer Höhe von etwa 200 hPa. Wenn nur der Winter betrachtet wird, liegt das Maximum etwas weiter südlich und ist deutlich stärker. Das passt zu unserem Verständnis, denn im Winter sind die Temperaturunterschiede zwischen Nord und Süd größer und daher auch der resultierende Jetstream. Im Sommer dagegen verschiebt sich das Ganze Gebilde nach Norden und schwächt sich ab.
Jetzt könnte dieses Thema des Tages zum Ende kommen, doch dem aufmerksamen Leser wird vielleicht etwas spanisch vorkommen. Im ersten Absatz steht doch, dass der Jet in einer Höhe von 5 km und nicht in 12 km zu finden ist. Außerdem liegt der 30. Breitengrad in den Subtropen. Länder wie China, Ägypten, Algerien, Marokko oder Mexiko befinden sich dort, aber Europa liegt viel weiter nördlich. Die einzige Erklärung ist: Wir haben den falschen Jet identifiziert. Tatsächlich ist das so schön ersichtliche Starkwindband der sogenannte Subtropenjet, der dadurch entsteht, dass Luft in großer Höhe vom Äquator wegströmt und abgelenkt wird.
Jetzt bleibt nur noch die Frage zu klären, was wir mit unserem verschwundenen Polarjet machen. Die Krux liegt darin, dass in den Diagrammen nur die zonalen Winde betrachtet werden. Wir wissen jedoch, dass unser Jetstream dazu neigt, komplizierte Wellenmuster zu bilden und dadurch oft in Nord-/Südrichtung zeigt. Das führt dazu, dass er in diesen gemittelten Grafiken nicht zu sehen ist. Wenn alle Windrichtungen miteinbezogen werden würden, müsste er sich zwischen 40 und 60 °N auf einer Höhe von etwa 500 hPa befinden.
Wer eine schöne Animation der weltumspannenden Strömungen in unterschiedlichen Höhen anschauen will, dem sei die Internetseite https://earth.nullschool.net/ ans Herz gelegt. Dort kann man sich durch verschiedene Höhen und Parameter klicken und ansprechend animiert die Ergebnisse betrachten.
M.Sc. Fabian Chow
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 13.05.2026
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